Immer noch und immer wieder werden Überreste der Arche Noah gesucht, nur leider am falschen Ort. Falls es die Arche je gegeben hat – und diese Möglichkeit ist historisch sehr gut bezeugt – ist sie nicht auf dem heute unter dem Namen »Ararat« bekannten Vulkankegel oder an den Abhängen unterhalb dieses Berges gelandet, sondern 300 Kilometer weiter südlich, auf dem Cudi Dagh, einem der Berge im Land Ararat. Dorthin weisen die Überlieferungen von Sanherib, Berossos, Josephus, Bischof Jakob von Nisibis, Ali Ibn Al-Athir und vielen weiteren.
Nun aber wieder einmal »Durupinar«. Die Felsformation ist auf den ersten Blick sehr beeindruckend. Dort wurde gescannt, gebohrt, dort werden Schlagzeilen erzeugt und in den Sozialen Medien munter weiterverbreitet. »Arche-Landeplatz 100-prozentig bestätigt« zitierte dann auch die Daily Mail (Link mit Bezahlschranke) das Forscherteam »Noah's Ark Scans« um den Amerikaner Andrew Jones. Und nun berichten auch die deutschen Medien: »Ist das die Entdeckung des Jahrhunderts?«, fragt bild.de. Die Überschrift: »Haben Forscher die Arche Noah gefunden?«
Aktuell werden vor Ort Bodenradar-Messungen und Kernbohrungen durchgeführt, in Zusammenarbeit mit türkischen Universitäten. Das Radar zeige Anomalien und sogar Hohlräume und rechtwinklige Strukturen; in vier bis fünf Metern Tiefe sei ein Bohrer an hartem Material zerbrochen, möglicherweise an versteinertem Holz, so berichtet ganz aktuell am 27. September 2026 die Berliner Zeitung. Die Bohrkerne werden nun in Ankara untersucht, Ergebnisse sind für den Winter angekündigt.
Was hat es damit auf sich? Ist tatsächlich eine Sensation zu erwarten?
Neu ist das alles nicht. Es ist erstaunlich, dass immer wieder Schlagzeilen um diese angeblich versteinerte Arche hochkochen – um die geologische Formation »Durupinar«. Die angeblichen Beweise sind im Moment keine. Natürlich erinnern die Umrisse der bunten 3-D-Scans an ein Schiff, wenn es schon die Luftaufnahme tut. Das Bodenradar wurde offenbar nur innerhalb dieser Umrisse eingesetzt, so zeigt es jedenfalls das veröffentlichte Radarbild von 2019. Und erst die Linien, mit denen die gemessenen Strukturen nachgezeichnet sind, lenken die Fantasie dahin zu glauben, was von den Forschern behauptet wird. Radarbilder sind keine Fotografien, sondern zeigen Unregelmäßigkeiten im Untergrund, deren Interpretationsspielraum groß ist.
Ich bleibe sehr skeptisch, denn schon in den späten 1980er-Jahren hat der Geophysiker Prof. Dr. John Baumgardner die Fundstelle mit magnetischen, seismischen und Radar-Messungen sowie mit Kernbohrungen untersucht – in der Hoffnung, hier die Arche zu finden. Sein Ergebnis hat er im Vorwort zu meinem Buch noch einmal zusammengefasst: eine natürliche Formation, entstanden durch eine Schlammlawine.
Die Vorgeschichte: Ron Wyatts »Arche«
Auf den ersten Blick ist diese Formation, die durch den Bibelforscher Ron Wyatt bekannt wurde, erstaunlich. Sie erinnert durch ihre Mandelform an ein Boot, die Länge der Formation entspricht tatsächlich der biblischen Arche, wenn man eine Elle mit 50 Zentimetern ansetzt (was aber nicht unbedingt das richtige Maß sein muss).
Wyatts These ist schon älter und stammt aus dem Jahr 1977. Er selbst ist bereits 1999 verstorben, andere haben seine scheinbar sensationellen – von manchen als »pseudoarchäologisch« bezeichneten – Funde wieder aufgegriffen. Zu diesen »Funden« gehören zum Beispiel auch die Bundeslade und Blutstropfen von Jesus Christus.
Die vor allem aus der Satellitenperspektive beeindruckende geologische Formation in der Osttürkei, 30 Kilometer vom Gipfel des Ararat entfernt, wurde nach dem türkischen Luftwaffenkapitän Ilhan Durupinar benannt, der die Stelle entdeckte, als er 1959 für die NATO die Gegend aus der Luft kartografierte.
Wyatt hatte die Fundstelle dann mehrmals untersucht und eindrucksvolle Rekonstruktionszeichnungen erstellt. Darauf zeigt er, wie die »Arche« im Lavastrom in sich zusammengefallen und versteinert sei. In der näheren Umgebung hat er zusätzlich einige »Ankersteine« entdeckt, die von der Arche kurz vor ihrer Landung abgeworfen worden seien, sowie den eigentlichen Landeplatz in einiger Entfernung oberhalb des jetzigen Fundorts. Von dort sei die Arche durch einen Lavastrom an ihre gegenwärtige Lage befördert worden. Dazu kommt die Entdeckung von »Noahs Farm« sowie eines Fingerknochens von Noahs Frau, der darauf schließen lasse, dass sie über drei Meter groß gewesen sei. (Dies wird übrigens auch an den anderen Plätzen behauptet, an denen Noah verehrt wird, z.B. an seinem »Grab« in Cizre.)
Ron Wyatt sah sich von Gott zur Entdeckung all dieser wichtigen Funde berufen, da die Endzeit einen geistlichen Kampf um die Wahrheit mit sich bringe. Das Beweismaterial hielt er für überzeugend und auch seine Anhänger halten an der Authentizität des Arche-Fundes fest.
Die renommierten bibelorientierten Organisationen, die sich mit dem Spannungsfeld von Bibel und Wissenschaft auseinandersetzen, haben »Durupinar« allerdings längst als glaubwürdige Möglichkeit eines tatsächlichen Überrests der Arche Noah verworfen. Ein Artikel des Geowissenschaftlers Dr. Andrew Snelling aus dem Jahr 1992 widerlegt die Behauptungen, hier sei eine von Menschen hergestellte Schiffsstruktur entdeckt worden, in allen Einzelheiten.
Die »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« hat sich zur Fundstelle 1993 mit einem Diskussionsbeitrag von Dr. John Morris geäußert, dem Leiter des »Institute for Creation Research« in Kalifornien: »Die Struktur, die zwischen zwei Hügeln am Rand einer größeren Erhebung ausgebildet ist, entstand, als Erde und Schlamm von den benachbarten Hängen abrutschten; es entstand ein stromlinienförmiges Gebilde. Es sei abschließend gesagt, dass es eine rundum zufriedenstellende geologische Erklärung für diese Struktur gibt und keinerlei Hinweise von archäologischer Bedeutung.«
In seinem bereits erwähnten Vorwort schreibt John Baumgardner, der an Wyatts Untersuchungen beteiligt war, ausführlich: »In den späten 1980er-Jahren hatte ich die Gelegenheit, zusammen mit einem türkischen Geologen die Stätte eingehend zu untersuchen. Mit geophysikalischen Methoden und Kernbohrungen konnten wir den Untergrund analysieren und Gesteinsproben gewinnen. Meine eindeutige Schlussfolgerung aus diesen Untersuchungen war, dass diese Formation lediglich eine natürliche geologische Besonderheit ist, entstanden durch eine Schlammlawine, die um ein erhöhtes Hindernis geflossen war und so diese mandelähnliche Form erzeugt hat. Obwohl ich zunächst die Hoffnung hatte, hier könnte die letzte Ruhestätte der Arche sein, haben wir nach den Ergebnissen der von uns durchgeführten Analysen diese Möglichkeit verworfen. Daher war die Untersuchung trotzdem wertvoll, denn nun kann Durupinar mit Sicherheit von weiteren Überlegungen ausgeschlossen werden.«
Auch einige logische Widersprüche in Wyatts Ausführungen sowie die mangelhaft dokumentierten Originalfunde lassen daran zweifeln, dass Durupinar tatsächlich mit der Arche gleichzusetzen ist:
Einerseits wird erklärt, der kaum 30 Kilometer entfernte Ararat sei ein nachsintflutlich entstandener Vulkankegel, andererseits will man aber an der Erdoberfläche Behausungen entdeckt haben, in denen Noah mit seiner Familie lebte. Auch die Ankersteine müssten infolge der abfließenden Flut und der angeblich katastrophalen vulkanischen Aktivitäten von Sedimenten, Schlamm und Lava verdeckt sein und könnten nicht frei zugänglich in der Landschaft liegen.
Die Zeichnung eines Denkmals von Noah mit seiner Familie ist nicht mit einer Originalaufnahme dokumentiert. Das Foto einer angeblichen Vernietung könnte einen versteinerten Ammoniten zeigen.
Wyatt gab an, auf den Ankersteinen seien acht Kreuze eingraviert gewesen, die Kreuzritter hätten so an die achtköpfige Noah-Familie erinnert. Tatsächlich gibt es aber zwischen drei und zwanzig Kreuze auf den unterschiedlichen Steinen, die Erwähnung der Zahl acht ist offensichtlich reine Willkür.
In den letzten Jahrzehnten (seit Snelling, Morris und Baumgardner den Fund 1992 widerlegten) konnten keine Indizien hervorgebracht werden, die dazu berechtigen würden, bei der dortigen Struktur ernsthaft von der Arche zu sprechen. Nichtsdestotrotz wurde in der Türkei an der Stelle ein Besucherzentrum gebaut und viele Christen halten an der Echtheit der »seltsamen bootsförmigen Gesteinsform im Ararat-Gebirge« fest.
Neue Suche am falschen Ort
Das Forscherteam »Noah's Ark Scans« hat nun seit ein paar Jahren wieder viel Bewegung in die Sache gebracht und scheint mit der Zusammenarbeit mit türkischen Universitäten und viel technischem Gerät einen hohen wissenschaftlichen Anspruch mitzubringen. Die Meldungen der Medien lassen jedoch an der Gründlichkeit der Forscher zweifeln, da immer wieder angebliche Sensationen behauptet werden, ohne die entsprechenden Fakten zu präsentieren.
Die Pressemitteilungen des Teams enthalten auch Spendenaufrufe. Geld lässt sich mit wiederkehrenden Sensationsmeldungen möglicherweise leichter einsammeln. Solange keine unabhängig geprüften und veröffentlichten Laborergebnisse vorliegen, bleibe ich bei meiner Einschätzung, die ich schon in meinem Buch »Das Rätsel der Arche Noah« geäußert habe: Als Landeplatz der Arche Noah ist die »vielversprechendste Alternative« (S. 61) der Cudi Dagh. Diese von mir vertretene Theorie hat in den letzten Jahren deutlich an Gewicht gewonnen. Der in alten Traditionen verehrte Landeplatz der Arche ist auf dem Berg Cudi zwischen Sirnak und Cizre zu suchen. Zu dieser Erkenntnis haben historische Analysen geführt, die glaubwürdiger sind als substanzlose Sensationsmeldungen.
Timo Roller
Siehe auch: Durupinar – Ron Wyatts versteinerte Arche (10. November 2014) und Cudi Dagh – der Landeplatz der Arche (Kapitel 17 aus »Das Rätsel der Arche Noah«)