Es war eine große Überraschung, als 1872 die etwa 20 Jahre zuvor gefundenen Tontafelfragmente übersetzt werden konnten, die dann als Gilgamesch-Epos in die Geschichte eingingen. George Smith (1840–1876) entdeckte diese Überlieferung, die von einer Überflutung der Erde erzählte und sehr auffällige Parallelen zur biblischen Sintflutgeschichte aufwies. Der Text des gesamten Werks musste aus verschiedenen Fragmenten unterschiedlicher antiker Sprachen zusammengefügt werden und weist immer noch Lücken auf.
Die Erzählung berichtet von Gilgamesch, König von Uruk, der sich aufmachte, um das Geheimnis des ewigen Lebens zu erforschen. Das Epos ist etwa 4000 Jahre alt und hat seine Ursprünge vor dem 18. Jahrhundert v.Chr. Von den meisten Forschern wird es für ein fiktionales Werk gehalten, doch diese Deutung hängt mit einem Weltbild zusammen, das alles Übernatürliche oder eine Sintflut von vornherein ausschließt.
In die Geschichte von Gilgameschs Suche ist eine Erzählung eingebettet, die viel früher spielt: Der Hüter der Unsterblichkeit, Utnapischtim, wird als Überlebender einer Sintflut beschrieben, als eine Art mesopotamischer Noah. Neben vielen Parallelen zur Bibel wird auch der Landeberg erwähnt: »Das Schiff trieb nach dem Berge Nisir. Der Berg Nisir hielt das Schiff und ließ es nicht wanken.« Nach alternativer Übersetzung heißt der Berg »Nimusch«. Diese Bezeichnung könnte später Berossos, der babylonische Geschichtsschreiber und Priester, der sicherlich das Gilgamesch-Epos mit seiner Sintfluterzählung gut gekannt hat, an die zu seiner Zeit üblichen Ortsnamen angepasst haben.
Josephus zitiert den im dritten vorchristlichen Jahrhundert lebenden Berossos und schreibt: »Es heißt, dass noch jetzt in Armenien auf dem Kordyäergebirge ein Teil jenes Fahrzeuges vorhanden sei, und dass manche Harz davon entnehmen, um sich desselben als Zaubermittel gegen drohende Übel zu bedienen.«
Berossos überliefert den Namen des Noah als »Xisuthros«. Dieser Name klingt auch in einer weiteren mesopotamischen Erzählung an, die dem Gilgamesch-Epos zugrunde liegen könnte und in mehreren Versionen von der Sintflut erzählt: Im Atrachasis-Epos wird von Ziusudra erzählt, der den Samen der Menschheit und der Tiere bewahrte und im Land Dilmun weiterlebte. Einen speziellen Landeort gibt diese Überlieferung nicht an, doch die Ähnlichkeit mit dem Namen bei Berossos lässt eine Übereinstimmung aller Geschichten vermuten. Dies gilt besonders, wenn man annimmt, dass es sich nicht um bloße literarische Fantasie handelt, sondern um eine wirkliche historische Begebenheit.
Der aus der Bibel bekannte assyrische Herrscher Sanherib (8./7. Jahrhundert v.Chr.) hilft uns, die von Berossos hergestellte Verbindung zwischen den unterschiedlichen Ortsnamen in Bibel und Gilgamesch-Epos zu festigen: Rabbi Louis Ginzberg hat am Anfang des 20. Jahrhunderts die gewaltige Aufgabe unternommen, die im Talmud und dem Midrasch verstreuten Erzählungen und die mündlichen Überlieferungen des Judentums in eine chronologische Folge zu bringen. Der jüdische Gelehrte veröffentlichte 1909 in mehreren Bänden sein gewaltiges Werk, in dem er die Geschichte der Juden von Adam bis in frühchristliche Zeit beschrieb.
In Ginzbergs Werk »Legends of the Jews« (»Legenden der Juden«) befindet sich eine interessante Passage, die ein Schlüssel für die Zusammenführung der biblischen mit der babylonischen Überlieferung ist. Sie beschreibt die vergebliche Belagerung Jerusalems durch Sanherib – ein Ereignis, das in der Bibel an zwei Stellen beschrieben ist, an denen der Name Ararat ebenfalls auftaucht: 2. Könige 19,35-37 und Jesaja 37,36-38. Dort wird in fast übereinstimmendem Wortlaut berichtet, wie Sanherib, der König des damals übermächtigen Weltreichs Assyrien, im Jahr 701 v.Chr. die Stadt Jerusalem belagerte. In der Bibel steht:
»In dieser Nacht ging der Engel des Herrn hinaus ins assyrische Lager und tötete 185.000 Mann. Als sie am nächsten Morgen aufwachten, lag alles voller Leichen. Da brach König Sanherib von Assyrien das Lager ab und kehrte in sein Land zurück. Er blieb in Ninive. Eines Tages, als er im Tempel seines Gottes Nisroch anbetete, wurde er von seinen Söhnen Adrammelech und Sarezer mit dem Schwert getötet. Die beiden flohen ins Land Ararat und sein Sohn Asarhaddon wurde nach ihm König« (2. Könige 19,35-37).
In den »Legenden der Juden« steht nun etwas ausführlicher und mit einem beeindruckenden Zusammenhang zu unserer Fragestellung:
»Auf seiner Rückkehr nach Assyrien fand Sanherib eine Holzplanke, die er als ein Götzenbild verehrte, denn sie war ein Teil der Arche, die Noah von der Sintflut rettete. Er versprach, dass er seine Söhne opfern würde, wenn seine nächsten Unternehmungen gelingen würden. Aber seine Söhne lauschten seinem Gelübde. Sie töteten ihren Vater und flohen nach Kardu, wo sie zahlreiche jüdische Gefangene befreiten. Mit diesen zogen sie nach Jerusalem und wurden Proselyten (d.h. sie konvertierten zum Judentum). Die berühmten Gelehrten Shemaiah und Abtalion waren Nachkommen dieser beiden Söhne des Sanherib.«
Zweierlei ist hier also wichtig: Die Söhne Sanheribs flohen nicht wie in der Bibel ins Land Ararat, sondern nach Kardu. Hier beschreiben also die späteren Quellen den Ort präziser und zeitgemäßer, denn das Königreich Urartu war spätestens im 5. Jahrhundert v.Chr. nur mehr eine Provinz des persischen Großreiches. Sie fliehen also genau dorthin, wo der Berg Cudi liegt.
Und: Dieser Abschnitt zeigt darüber hinaus einen überraschenden Zusammenhang zwischen der biblischen Noah-Geschichte und dem Gilgamesch-Epos: Der Berg der Sintflut heißt im Epos Nisir oder Nimusch. Der Gott, den Sanherib nach der Bibel anbetete, hieß Nisroch, und laut den jüdischen Legenden ist damit evtl. die Planke der Arche gemeint. Gordon Franz versucht in seinem 2013 auf dem Noah-Symposium in Sirnak präsentierten Artikel, eine solche Verbindung nachzuweisen und zitiert Rabbi Adin Steinsaltz. Dieser hatte erklärt, dass der Tempel des Nisroch einer Holzplanke von Noahs Arche gewidmet war, die Sanherib zu einer Gottheit gemacht hatte. Das aramäische Wort »nsr« bedeutet »Planke« oder »Brett«. Auch Marcus Jastrow übersetzt »neser« oder »nisra« mit »Brett«. Franz zieht in Betracht, dass der in der Bibel erwähnte Tempel des Nisroch in Wirklichkeit einer Arche-Noah-Planke geweiht war.

Und direkt am Berg Cudi befinden sich wiederum assyrische Felsreliefs mit Sanheribs Abbild und Inschriften, die den Berg als »Nipur« bezeichnen. Allein die Tatsache, dass sich diese Reliefs am Cudi befinden, zeugt von seiner Bedeutung schon in frühen Zeiten.
Der Berg Cudi scheint also ein sehr viel besserer Kandidat für den Landeplatz Noahs zu sein, als es der berühmte Ararat ist.
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