Das Rätsel der Arche Noah

Kapitel 17: Cudi Dagh – der Landeplatz der Arche

aus Teil 4 (»Wo strandete die Arche?«) der Originalausgabe von 2014

Die letzte Erwähnung des Wortes »Ararat« in der Bibel finden wir in Jeremia 51,27:

»Richtet das Feldzeichen im Land auf, stoßt ins Horn unter den Nationen! Heiligt Nationen gegen es zum Krieg, ruft gegen es die Königreiche Ararat, Minni und Aschkenas herbei! Bestellt Kriegsoberste gegen es, lasst Pferde heraufziehen wie furchtbare Heuschrecken!«.

Nicht »Gebirge« oder »Land«, sondern »Königreich« heißt es nun. Zudem werden zwei weitere Reiche genannt: »Minni« und »Aschkenas«. Ersteres scheint, wie schon gesagt, am Urmia-See gelegen zu sein, Aschkenas könnte die Skythen bezeichnen. Mit Aschkenas wurden in der mittelalterlichen rabbinischen Literatur übrigens die Deutschen bezeichnet, da die jüdische Tradition den gleichnamigen Enkel Jafets für den Stammvater der Deutschen hielt. Aschkenas, Sohn des Gomer, ist in 1. Mose 10,3 erwähnt.

Insgesamt sehen wir, dass hier wahrscheinlich drei unmittelbare Nachbarn des babylonischen Reichs gemeint sind, die zum Angriff blasen. Auch hier scheint daher der Agri Dagh weit ab vom Schuss zu sein.

In manchen Septuaginta-Übersetzungen ist übrigens »Ararat« mit »Armenien« angegeben – ein Hinweis darauf, dass das Urartäer-Reich zum Zeitpunkt der Übersetzung bereits von Armenien abgelöst worden war. Die syrische Bibelübersetzung »Peschitta« nennt sogar, wie schon erwähnt, ganz konkret »Kardu«.

Eine apokryphe Schrift aus der frühen syrischen Kirche, genannt »Die Schatzhöhle«, nennt als Landeplatz der Arche den »Berg Kardo«. Somit ist in den syrischen Schriften die Geografie weiter präzisiert. Als Grund dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man kannte den Ort in diesem Kulturraum sehr genau, oder aber man wollte den Landeort der Arche ins eigene Gebiet transferieren. Wie ich aber bereits zeigte, sprechen vor allem die Schriften Josephus’ sehr dafür, dass die Arche damals tatsächlich noch in Trümmern existiert hat. Daher bevorzuge ich die erste Erklärung.

Sprachlich sind die Begriffe »Cudi«, »Kardo«, »Gordyene«, »Kordyäer« und auch »Kurdistan« sehr eng miteinander verwandt. Es ist ziemlich eindeutig, dass hier nur das Gebirgsmassiv gemeint sein kann, das nördlich der mesopotamischen Ebene jenseits des Tigris bis auf etwa 2100 m Höhe emporragt.

Insgesamt lässt sich nach der Quellenlage sagen, dass der heute unter dem Namen Ararat bekannte Berg bis ins 14. Jahrhundert hinein kaum eine Rolle gespielt haben dürfte und von den damaligen kulturellen Zentren weit entfernt war. Die mesopotamischen und kleinasiatischen Kulturen hatten vielmehr eher den Berg Cudi im Blickfeld. Dieser wurde zu Moses Zeiten noch als recht weitläufiges Gebiet im Lande Urartu benannt, das dem biblischen Ararat entspricht. Später ging das geografische Urartu in Armenien auf und wurde schließlich noch präziser als das Kordyäer-Gebiet beschrieben. Dies geschah dann zu einer Zeit, als die alten Großreiche sich in kleinere Königreiche aufgesplittert hatten und das Grenzgebirge zwischen dem mesopotamischen Tiefland und den gebirgigen Gegenden wahrscheinlich heiß umkämpft war. Teilweise haben dort auch kleine Pufferstaaten existiert.

Die Bibel hat recht mit der Bezeichnung Ararat. Doch der heutige Ararat trägt seinen Namen wohl zu Unrecht, »Europäer erst gaben der höchsten Spitze des armenischen Berglandes den Namen Ararat«. Die von mir angenommene Übertragung der Arche-Tradition auf den Berg Ararat (die, wie dargestellt, im Zusammenhang steht mit der Vertreibung der Armenier nach Norden) wird wohl zu der heute unübersehbaren Verwirrung geführt haben, die noch deutlicher zu Tage tritt, sobald man den Berg Cudi ins Spiel bringt. Einfacher wäre es, wenn man den »Ararat« wieder mit seinem türkischen Namen »Agri Dagh« oder mit seinem armenischen Namen »Masis« benennen würde.

 

 

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