Der Berg Cudi ist unter den Bibelkundlern in Vergessenheit geraten und war über die letzten Jahrzehnte hinweg nur sehr schwer zugänglich. So gab es im christlich-jüdischen Kulturkreis nur wenige Forscher, die sich mit dem alternativen Landeplatz der Arche befasst haben. Im Laufe der letzten hundert Jahre waren es gerade einmal eine Handvoll Expeditionen, die sich mit einigermaßen wissenschaftlichem Anspruch zum Gipfel des Cudi aufmachen konnten. Meine eigene »Expedition« startete im Jahr 2006 mit der Erkenntnis, dass es überhaupt Alternativen zum berühmten Ararat gibt. Bis zum Herbst 2013 war sie in der Hauptsache eine rein »virtuelle« Forschungsarbeit mit Literaturrecherche, Erkundungen im Internet und Untersuchungen mithilfe von Google Earth.
Es waren im Wesentlichen folgende Forscher, die sich in den letzten Jahren maßgeblich mit dem Berg Cudi auseinandergesetzt haben:
David Rohl, Archäologe aus England, hat in einem 1998 erschienenen Buch ausführlich dargelegt, warum er den Berg Cudi für den Landeplatz der Arche hält. In seinem Buch versucht er überdies, viele weitere Ereignisse, die im 1. Buch Mose berichtet werden, archäologischen Befunden zuzuordnen. Rohl betrachtet – obwohl er sich nicht als gläubigen Christen bezeichnet – die Bibel als wichtige historische Quelle. Er vertritt dabei eine neue, im Vergleich zur herkömmlichen geschichtlichen Datierung verkürzte Chronologie, die er vor allem von Unstimmigkeiten in der ägyptischen Geschichte ableitet. Im Rahmen dieser Chronologie schafft er es, viele Ereignisse der Bibel mit archäologischen Erkenntnissen in Einklang zu bringen. Ein ehemaliger Mitarbeiter von ihm, Peter van der Veen, hat mich mit dieser »revidierten Chronologie« vertraut gemacht und mich im Rahmen der Vorbereitungen zu meinem Buch »Bible Earth« erstmals auf den Berg Cudi hingewiesen. Damals haben wir lange Zeit am Computerbildschirm nach dem relativ unbekannten Berg gesucht. In meinem 2007 erschienenen Buch habe ich nur mit einer kurzen Bemerkung darauf hingewiesen: »Der Koran nennt als Landeplatz der Arche den Berg Cudi. David Rohl hat diese Möglichkeit ins Visier genommen und bevorzugt sie aufgrund seiner Untersuchung alter Handschriften.«
Dr. Charles Willis, am 9. Juli 2012 im Alter von 86 Jahren verstorben, war bis zuletzt bestrebt, am Berg Cudi wichtige Entdeckungen zu machen. Er war überzeugt, ein Grab Noahs mit Keilschrifttafeln aus der Zeit vor der Sintflut entdecken zu können. Leider machte die politische Situation seinen Vorhaben immer wieder einen Strich durch die Rechnung. So war er zwar 2011 ein letztes Mal in der Südosttürkei, konnte aber nicht auf den Berg gelangen und hat daher nur alte christliche Klöster in der weiteren Umgebung erkundet, darunter eines, das angeblich Balken von der Arche Noah enthält. Wie es scheint, konnte er eine Probe mitnehmen, konkrete Forschungsergebnisse sind aber bis zu seinem Tod nicht bekannt geworden. Was danach mit den Fundstücken passierte, ist unbekannt. Seine Internetseite www.ancientworldfoundation.com enthielt interessante Argumente für den Berg Cudi. Auch Stellen aus dem apokryphen »Buch der Jubiläen« wurden zitiert, die ihn darauf schließen ließen, eventuell schriftliche Zeugnisse von Noah und seinen Nachkommen finden zu können. Vor seinem Interesse für den Berg Cudi war er an etlichen ergebnislosen Arche-Expeditionen zum Ararat beteiligt. Charles Willis war es auch, der auf Friedrich Bender aufmerksam geworden ist. Er war mit ihm über eine gewisse Zeit hinweg in Kontakt.
Bill Crouse hat zusammen mit seinem Mitarbeiter Gordon Franz die stichhaltigsten Argumente für den Berg Cudi als Landeplatz der Arche systematisch zusammengestellt und unter anderem in einer Ausgabe von »Bible and Spade« veröffentlicht, die auf seiner Internetseite heruntergeladen werden kann. Zu Bill Crouse stehe ich in engem E-Mail-Kontakt und regelmäßig tauschen wir gegenseitig unsere Erkenntnisse aus – eine deutsch-amerikanische Forschungsgemeinschaft. Bill Crouse und Gordon Franz waren ebenfalls als Redner am Internationalen Symposium in Sirnak beteiligt.
Nun, ich selbst darf mich mittlerweile in die Liste der aktiven Cudi-Forscher einreihen. Die englische Übersetzung meines ersten Artikels zu diesem Thema aus dem Jahr 2008 hat dafür gesorgt, dass meine Forschungsarbeit auf Internetseiten und in Büchern zitiert wird, und hat zu einigen wichtigen Kontakten geführt. Neben meinen Entdeckungen auf Google Earth – ich war der erste, der die seit 2007 hochauflösend sichtbaren Aufnahmen mit Bildern und geografischen Beschreibungen in Verbindung gebracht hat – war es vor allem mein Standort in Deutschland, der mir Untersuchungen unter den hauptsächlich deutschen Erforschern des Cudi-Berges ermöglicht hat. Das erste Foto vom Gipfel und die wichtigsten geologischen Dokumentationen stammen von Deutschen. Ebenso glückte einer Gruppe aus dem niederbayerischen Landshut die bis heute wahrscheinlich letzte Besteigung des Berges durch Ausländer in den 1980er-Jahren. Mein Vortrag auf der Konferenz in Sirnak trug daher den Titel: »Die deutschen Erforscher des Cudi Dagh«. Was ich vortrug, ist in den folgenden Kapiteln wiedergegeben, ergänzt um die äußerst wichtigen Bilder und Beschreibungen der Engländerin Gertrude Bell, die 1909 Fotografien von beeindruckender Schönheit und hohem dokumentarischen Wert gemacht hat. Ihre Geschichte hatte ich in meinem Vortrag in Sirnak ausgelassen – weil sie ja keine Deutsche war. Diese Begründung sorgte auch gleich für einen Lacher im Publikum.
Weiter zu Kapitel 19: »Johannes Lepsius: Schutzengel der Armenier«