Lange Zeit war ich der Überzeugung, dass Gertrude Bell als erster Mensch ein Foto auf dem Gipfel des Cudi gemacht hatte. Doch während meiner Recherchen entdeckte ich im Juni 2009 ein noch älteres Bild: Das erste Foto ist tatsächlich zehn Jahre älter und wurde im Sommer 1899 von Johannes Lepsius aufgenommen.
Lepsius wurde am 15. Dezember 1858 in Berlin geboren und studierte Mathematik und Philosophie. Er promovierte schon 1880 und studierte dann Theologie. Als Hilfsgeistlicher an der deutschen evangelischen Gemeinde in Jerusalem trat er 1884 seine erste Orientreise an. Er lernte durch seine Mitarbeit in einem Waisenhaus schnell die großen Probleme kennen, die das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen im Nahen Osten mit sich brachte. Als es 1894 zu den ersten Massakern an den Armeniern kam, gründete er bald darauf sein eigenes Hilfswerk und ging schließlich als »Schutzengel der Armenier« in die Geschichte ein.
Im Oktober 1898 starben seine Frau Margarethe Zeller, bald darauf seine Mutter und auch sein Sohn. Trotz der großen Trauer musste er schnell die weitere Arbeit für den »Hilfsbund für Armenien« anpacken. »Zerrissen zwischen seinem inneren Auftrag und der Sorge um die [verbliebenen fünf] Kinder bereitete er sich auf eine lange Reise vor. Diese war längst überfällig: eine umfassende Inspektion seiner neu errichteten Hilfswerke, und die Beobachtung der allgemeinen und religiösen Entwicklungen in den Gebieten Nordpersien, Armenien, Kurdistan, Mesopotamien, der Levante und Bulgarien.«
In seinem 1903 erschienenen Buch »Ex Oriente Lux« berichtet er von dieser Reise und widmet ein Kapitel seinen Erlebnissen am Berg Cudi. Seine Überschrift »Eine Besteigung des Ararat« erläutert er im Untertitel: »Nicht der Masis an der Grenze Russlands, sondern der Dschudi am Nordrande von Mesopotamien ist nach orientalischer Überlieferung der ›Ararat‹ der Schrift«.
Im Gegensatz zu den weiteren nachfolgend beschriebenen Expeditionen erklommen Lepsius und seine Begleiter den Gipfel des Cudi von Norden her. In Sirnak (»Schernach«) hatten sie den Herrscher des Gebietes besucht, Mehemed Agha, den er wohlwollend »einen feinen intelligenten, in seiner Weise mit einem hohen Maß von Weltkenntnis und Bildung ausgerüsteten Mann von vornehmstem Geiste« nennt. Der Agha hat sein Land rund um den Berg Cudi vor den plündernden Hamidiehs (eine aus kurdischen Nomaden bestehende Kavallerietruppe des Osmanischen Reiches) beschützt und muss die Angehörigen aller Religionen ordentlich behandelt haben.
Lepsius erwähnt auch seine Reittiere, die während des Aufstiegs wohl ab und zu an der Hand geführt werden mussten, aber letztendlich geritten werden konnten. Beim Abstieg dann, also wahrscheinlich auf der Anstiegsroute der anderen Entdecker, taten sich die Tiere sehr viel schwerer. Es ist durchaus denkbar, dass vom Gipfel des Cudi die Tiere aus der Arche über die Route nach Sirnak in die Ebene gelangen konnten – viel leichter als dies am hochalpinen Ararat möglich gewesen wäre. Weitere Ausführungen darüber finden Sie auf www.noah2014.com.
Lepsius selbst soll zu Wort kommen, wenn er seine Ankunft und seine Eindrücke auf dem Gipfel beschreibt:
»Es war Mittag, als wir auf der Spitze anlangten, und die letzte mit flacher runder Wölbung ansteigende Höhe heranritten. Vor uns lag ein viereckiger Bau aus behauenen Steinen roh aufgeschichtet; man hätte es für einen primitiven Aussichtsturm halten können. Einige Reste von Gewölben ließen darauf schließen, dass hier einmal ein Kloster stand. Jetzt dienten die nach oben offenen Räume offenbar als Lagerstätte für die Pilger zur Zeit des Herbstfestes. Eine rohe Treppe führte auf eine ummauerte Terrasse, an die sich ein zerfallener Turm anschloss.
Nach Westen zu lehnte sich an einen langgestreckten Felsgrat ein zweiter roher Bau, von derselben Beschaffenheit und demselben Zweck dienend, wie der erste. […]
›Dort drüben‹ – er zeigte auf eine runde Terrasse, vielleicht 30 Meter unter uns, die von einem einsamen Baum beschattet war – ›baute er den Altar und opferte und betete.‹ ›Im Herbst sind hier viele Menschen zusammen, die oft von weither kommen. Hier versammeln sich die Christen und drüben (bei dem andern ummauerten Platz) die Jesiden und die Muslims. Da wird geschlachtet und gegessen und gesungen.‹«
>Das im Buch abgebildete Foto ist untertitelt mit: »Dschudi, der Berg der Arche. Anbetungsplatz der Muhammedaner.« Es ist das erste Bild vom Landeplatz der Arche.
Nach dem beschwerlichen Abstieg besuchte die Gruppe noch ein Dorf namens Dschema, wo nach Auskunft der ansässigen Bevölkerung Noah seine Arche gebaut haben und nach der Flut das erste Dorf gegründet haben soll. Die taubeneiergroßen Trauben an armlangen Reben genügen dem sonst eher nüchternen Lepsius in diesem Fall als Beweis: »Hier wurde die erste Rebe gepflanzt.«
Johannes Lepsius starb am 3. Februar 1926 in Meran. Der württembergische Landesbischof Frank Otfried July schrieb im Vorwort eines Buches über ihn: »Als Freund und Anwalt des armenischen Volkes ist Pfarrer Dr. Johannes Lepsius eine bleibende Gestalt der Theologie- und Kirchengeschichte.«
Im Jahr 2011 wurde in Potsdam das Lepsiushaus als eine deutsch-armenisch-türkische Begegnungsstätte eröffnet. Dort hatte Johannes Lepsius von 1908 bis kurz vor seinem Tod gewohnt und gearbeitet. Die Türkische Gemeinde in Deutschland reagierte entrüstet auf die Errichtung der Gedenkstätte für Lepsius, der als einer der ersten den Massenmord an den Armeniern dokumentierte. Die Träger des Lepsiushauses definieren allerdings als eines ihrer Hauptziele, dass man »zu einer nachhaltigen Verständigung zwischen Armeniern, Türken und Deutschen beitragen [möchte]. Wahrheit und Versöhnung werden nicht als Gegensatz verstanden, sondern als sich wechselseitig ergänzende, unverzichtbare Bedingungen für die Gewinnung einer nachhaltigen gemeinsamen Zukunft.«

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