Sie verhielt sich beim Bergsteigen genauso wie bei allen anderen ihrer Unternehmungen: Nie folgte sie ausgetretenen Pfaden, sondern nahm stets neue Ziele in Angriff. Sie suchte sich immer etwas, was noch niemand ausprobiert hatte, und Schwierigkeiten waren bekanntlich dazu da, überwunden zu werden. Alles andere war nicht der Mühe wert.« Das Finsteraarhorn war noch nie von einer Frau bezwungen worden. »Es gab in den Alpen kaum eine Wand, die steiler und höher war.« Gertrude Bell (1868–1926) war wagemutig genug, am 31. Juli 1902 um ein Uhr nachts ihren Aufstieg zu beginnen. Das Trio, zu dem sie gehörte, schaffte den Gipfel nicht und Bell hätte im Schneesturm fast ihr Leben verloren. Sie hatte einen eisernen Willen und kämpfte stets verbissen um ihre Ziele – hier erreichte sie es nicht. Immerhin trägt im Berner Oberland eines der Engelhörner zur Erinnerung an sie den Namen »Gertrudes Gipfel.«
Um einen Blick auf das Finsteraarhorn zu werfen, wollte ich im Oktober 2013 mit meinen Brüdern eine Bergtour im Berner Oberland unternehmen. Leider war dies aufgrund eines frühen Wintereinbruchs nicht möglich. Zumindest aber konnten wir das Grimsel-Hospiz besuchen, von wo aus Bell ihre Tour im Jahr 1902 startete. Allerdings steht das neue Hotel etwas oberhalb des ehemaligen Gebäudes, das nach dem Bau des Staudamms im Jahr 1928 im Grimselsee versank.
Die Verdienste von Gertrude Bell um die Erforschung des Cudi Dagh können nicht hoch genug eingeschätzt werden: Die britische Forschungsreisende, die als »der weibliche Lawrence von Arabien« und als die »ungekrönte Königin des Orients« bezeichnet wurde, hat der Welt spektakuläre Bilder und lebendige Schilderungen hinterlassen, die auch über hundert Jahre nach jenem 13. Mai 1909 noch zum Wertvollsten gehören, was über den Berg Cudi zu finden ist.

Verglichen mit dem berühmten »Lawrence von Arabien« (1888–1935), der maßgeblich an dem von den Briten initiierten Aufstand der Araber gegen die Türken während des Ersten Weltkriegs beteiligt war und mit dem sie eng befreundet war, hat Gertrude Bell nur untergeordnete Bekanntheit erlangt. Und doch erschien sie gerade in den letzten Jahren sogar auf den Titelseiten von Magazinen und es wurden verschiedene Bücher über diese bemerkenswerte Frau verfasst. Das Magazin Geo widmete ihr 2008 eine Titelgeschichte und bezeichnete Bell als »die Frau, die den Irak erfand« und »die erste Irakerin«. In den spannungsgeladenen Kriegsjahren 1914 bis 1918, als die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich im zerbrechenden Osmanischen Reich um Einfluss rangen und die Araber um ihre Unabhängigkeit kämpften, sei sie die »zentrale Figur« gewesen. Die britischen Militärs machten die damals geschätzte Abenteurerin und Archäologin zur Agentin – sie nutzten ihre umfangreichen Kenntnisse des Zweistromlandes und vor allem der Menschen, die dort lebten.
Ebenfalls 2008 brachte das Magazin National Geographic Deutschland eine Story über Gertrude Bell – in einer Serie mit dem Titel »Europas Traum vom Orient« neben Lawrence von Arabien und Max von Oppenheim. Hier heißt es: »Als Großbritannien begann, verfeindete Wüstenstämme in einem neuen Staat zu vereinen, setzte es auf Gertrude Bell – Abenteurerin, Gelehrte, Spionin.«
Trotz der heute verfahrenen Situation zwischen den unterschiedlichen Ethnien im Irak reicht das politische Wirken Gertrude Bells bis in die Gegenwart und war durch ihre einzigartigen Eigenschaften gekennzeichnet. So wagte sie es als Frau, sich in die von Männern dominierte Gesellschaft im Vorderen Orient einzumischen – und hatte dabei große Erfolge.
Und sie war eine gewissenhafte Archäologin: Sie erkundete Gegenden, die vor ihr noch kaum ein Mensch aus dem westlichen Kulturkreis gesehen hatte. Mit einem an Leichtsinn grenzenden Mut machte sie weder Halt vor den Zelten einheimischer Scheichs noch vor den unwirtlichsten Bergen und Wüsten. Dabei hatte sie immer ihr Porzellangeschirr dabei und achtete auf eine stilgerechte Teezeit, ganz egal, wie weit sie von ihrer englischen Heimat entfernt war.
1909 brach sie zu einer Reise auf, in deren Verlauf sie am 13. Mai den Berg Cudi besuchte. Die Ereignisse dieser Reise hat Bell dreifach für die Nachwelt festgehalten: Sie schrieb ein ausführliches Tagebuch, berichtete in zahlreichen Briefen – und brachte schließlich das Buch »Amurath to Amurath« heraus, in dem sie ihre Erlebnisse noch um einige Hintergrundinformationen ergänzte.
Am unmittelbarsten erfährt man vom Abenteuer am Berg Cudi aus ihrem Tagebuch. Sie startete ihre Tour vom Camp in Hassana aus, einem kleinen Dorf am südlichen Fuß des Cudi, das heute den türkischen Namen Kösreli trägt: »Um 4 Uhr morgens ging es los, mit Selim und dem Esel, Abdul Mejid (einem meiner Soldaten), Kas Mattai sowie Shim’un. Auf zum Cudi Dagh! Wir wanderten ungefähr zweieinhalb Stunden aufwärts durch Eichenwälder entlang der oberen Berghänge, unterhalb steiler Klippen. Dann kletterte ich aufwärts. Alpines Hochland mit Schneekränzen breitete sich vor mir aus, darüber ein hoher felsiger Gipfel. […] Am Fuß der Felsklippen ließen wir den Esel mit Mejid zurück und kletterten eine halbe Stunde lang zur Sefinah hinauf, die wir um 8:35 Uhr erreichten. Scharlachrote Tulpen, immer noch in voller Blüte, umgaben sie.«
Was sie auf dem Gipfel sah, beschreibt sie so: »Eine stattliche Ruine: grobe Kammern, überdacht mit Ästen und dünnen Baumstämmen, dazu ein Wasserbehälter weiter unterhalb bei einem Schneekranz. Eines der Gebäude besteht aus sehr großen Steinblöcken und scheint sehr alt zu sein. Ein wenig unterhalb – südlich – sind weitere Ruinen auf einem Plateau: möglicherweise die Grundmauern des alten Klosters. Das Gebäude hier besteht aus einem offen ummauerten runden Platz mit einigen Kammern ohne Dach zum Westen hin. Ich denke, es ist moslemischen Ursprungs. In einer der Kammern und in der Anlage ist in der Südseite eine kleine Nische zu erkennen – Mihrabs?«
Das Foto der Ruine auf dem Gipfel ist einmalig, auch ihre drei Begleiter hat sie in guter Qualität abgebildet. Außerdem hat sie – geradezu sensationell – ein 180-Grad-Panoramabild aufgenommen. Anfangs war es aufgrund eines Fehlers etwas mühsam, die Dateien aus den Tiefen des Gertrude-Bell-Archivs hervorzuholen. Inzwischen sind sie aber für jedermann zugänglich.
»Die Aussicht ist herrlich und von einer rauen Schönheit, die Gegend ist außerordentlich öde«, schreibt sie weiter. »Im großen Tal gen Norden sah ich nur vier Dörfer, das größte davon Shandokh, der Sitz eines kurdischen Aghas. Wir aßen zu Mittag, legten uns ein wenig schlafen und verließen den Gipfel um 12:15 Uhr.

Shim’un stieg hinab, um wieder mit Mejid und dem Esel zusammenzutreffen, wir anderen gingen am Gipfel entlang. Wir trafen einige muslimische Schafhirten eine halbe Stunde vom Gipfel entfernt. Sie zeigten uns eine kleine Ruine mit folgender Geschichte: Ein Mann hatte eine Monatsreise hinter sich, um die Arche zu besuchen, und als er an diese Stelle kam, traf ihn der Teufel und erzählte ihm, dass er noch einmal so weit zu gehen habe. In seiner Verzweiflung baute sich der Mann eine Hütte und lebte hier, bis er schließlich starb.
An den nördlichen Hängen fanden wir hellblaue Hyazinthen und Blausterne vor. Auf den Schneekränzen standen Schafe. Diese Hirten waren Moslems, die hier oben mit ihren Herden versuchten, der Schafsteuer zu entkommen. Tatsächlich trafen wir welche, die uns für Soldaten hielten, uns wütend anschrien und sogar Schüsse abfeuerten. Ich verließ den Schnee und setzte mich zwischen die Felsen, um nicht so ein gutes Ziel abzugeben. Bald war jedoch alles geklärt und wir gingen weiter zum Waldweg. Ich wäre gerne einen anderen Weg gegangen, vorbei an Noahs Grab, einer Klosterruine und einer verfallenen Burg. Aber es war sehr heiß, und so bevorzugte ich den Pfad oberhalb. Wir rasteten bei einer kleinen Quelle, als Kas Mattai uns von seinen Problemen erzählte: Wie die Kurden aus Shandokh über den Pass kamen, seine Gastfreundschaft einforderten, Essen, Bett und Mantel verlangten. Dieses Jahr haben die Gemeinden die Schafsteuer zweimal erhoben – einmal für die Rückstände aus dem letzten Jahr. Den Aghas reichte nicht einmal das und immer wieder kamen sie hinunter in das Dorf, um zu plündern, zu brandschatzen und zu töten. Wir kamen zurück zum Camp um vier Uhr nachmittags und ich genoss das frische Wasser. Die Nestorianer des Tiari-Gebiets halten sich mühsam gegen die Kurden.«
In ihrem Buch »Amurath to Amurath«, das nur in englischer Sprache erhältlich ist, erläuterte sie noch einige Hintergründe: So habe auf dem Gipfel, der »Sefinet Nebi Nuh« (»Schiff des Noah«) genannt wird, einst ein berühmtes nestorianisches Kloster gestanden, das im Jahr 766 durch einen Blitzschlag zerstört wurde. Auf seinen Ruinen sei eine Moschee gebaut worden, die ebenfalls zerfallen ist. Sie beschreibt, wie sich regelmäßig an einem bestimmten Tag im Sommer Christen, Moslems und Juden auf dem Gipfel treffen, um dem Propheten Noah die Ehre zu erweisen. Über die Holzstämme und Äste würden zu diesem Anlass Stoffstücke gespannt.
Auch die assyrischen Flachreliefs, die sich am Berg Cudi befinden und die von L.W. King entziffert wurden, hat sie auf Zelluloid festgehalten. Beim Lesen der Biografie Gertrude Bells staunt man, was diese Frau im von Männern dominierten Orient geleistet hat.
Später erlangte sie große Bedeutung als Architektin des neuen Staates Irak. Durch ihre intimen Kenntnisse des Landes und der verfeindeten Wüstenstämme gelang es ihr – im Auftrag Großbritanniens –, die Menschen Mesopotamiens unter einem gemeinsamen Oberhaupt zu vereinen, auch wenn sich die Einigkeit später als brüchig herausstellen sollte. Abenteurerin, Forscherin, Spionin – alles davon war sie. Ihre Aufnahme von der Ruine, die inzwischen stark verfallen ist oder gar zerstört wurde, und das Panoramafoto vom Gipfel sind wichtige Zeugnisse der Geografie und Geschichte vom Landeplatz der Arche Noah.

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