Das Rätsel der Arche Noah

Kapitel 21: Der Geologe Friedrich Bender
findet »Überreste« der Arche

aus Teil 5 (»Abenteurer am Berg Cudi«) der Originalausgabe von 2014

In der Südost-Türkei konnte sich ein Deutscher durchaus ins Mittelalter zurückversetzt fühlen. Straßen oder haltbare Brücken gab es 1952 nicht im wilden Kurdistan. Allaedin, mein kurdischer Begleiter und Beschützer in den kommenden Jahren, begrüßte meine Frau und mich mit ›Heil Hitler!‹. Das waren die einzigen deutschen Worte, die er außer Kurdisch, Arabisch und Türkisch sprechen konnte. Wir waren gerade nach drei Tagen und Nächten Bahnfahrt von Ankara aus in meinem geologischen Arbeitsgebiet angekommen.«

Friedrich Bender in »Bergposition«

Ausgerechnet einem Geologen gelang im Jahre 1954 (nach manchen Angaben 1953 – auch seine eigenen Aufzeichnungen sind widersprüchlich) die Besteigung des Berges Cudi. Hierbei handelt es sich um den namhaften deutschen Geologen Friedrich Bender, der 1984 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde. Im Mai 2008 ist er verstorben. Ich bin über eine Veröffentlichung in der amerikanischen Zeitschrift »Bible and Spade«
auf ihn aufmerksam geworden. Bender war Professor und von 1975 bis 1985 Präsident der Bundesanstalt für Bodenforschung. Im Juni 2009 konnte ich seine Witwe Sigrid Bender besuchen, die eine große Menge an Dokumenten und zahlreiche Bilder für mich vorbereitet hatte.

Friedrich Karl-Heinrich Bender wurde am 17. September 1924 in Ziegenhain in Hessen geboren. Er besuchte Grundschule und Gymnasium in Bad Hersfeld, Kleve und Wetzlar. 1941 wurde er während des Zweiten Weltkrieges zur Wehrmacht eingezogen und kam bald an die Front nach Russland. Den ersten Teil seiner Autobiografie widmet er diesem unerfreulichen Kapitel seines Lebens. Seine Notizen über die »fürchterlichen Erlebnisse in den letzten beiden Kriegsjahren« lagen 40 Jahre auf seinem Schreibtisch, bevor er Anfang der 1990er-Jahre »die grausigen Erlebnisse in eine lesbare Form« brachte. Er beschreibt bildhaft und immer ein wenig sarkastisch den Rückzug von den Toren Leningrads bis nach Königsberg und die Flucht durch das »tote Ostpreußen«, über Berlin und Ostdeutschland bis nach Hessen.

Nach dem Krieg und seiner Rückkehr nach Deutschland studierte Bender in Stuttgart Geologie und begann seine berufliche Laufbahn 1951 in Norddeutschland. In »vieler Herren Länder« forschte der Geologe. Im Vorwort seines Buches schreibt er: »Ich hatte das seltene Glück und die Gesundheit, fast alle Länder der Erde kennenzulernen: Die Menschen unter den unterschiedlichsten Lebensbedingungen, ihre natürliche Umwelt von der Küste bis zum Hochgebirge, ja sogar politische Vorstellungen von Staatschefs, wobei ich auch lernte, was Reisbauern und Holzfäller dazu meinten.«

1958 begann er seine Arbeit beim Amt für Bodenforschung, das er später bis zu seiner Pensionierung leitete.

Im nordhessischen Spangenberg bauten Benders ein Haus. Der Großvater war Bürgermeister der kleinen Stadt gewesen, noch heute ist eine Straße nach ihm benannt.

Der Schreibtisch des verstorbenen Friedrich Bender. Ein Bild von ihm steht darauf.

Anfang der 1950er-Jahre arbeitete Bender als Geologe in Kurdistan und hatte so immer wieder engen Kontakt zu Einheimischen. Anlass für Friedrich Bender, seine Reise zum Cudi Dagh zu unternehmen, war die Diskussion mit einem Hodscha – einem islamischen Gelehrten und Priester – über die Bibel und den Koran. Als die beiden auf die Geschichte Noahs zu sprechen kamen, ergab sich die Inspiration zu einer Reise, die Bender nachhaltig beeindruckt hat. Seine Frau erzählte mir von diesen Ereignissen und meinte: »Fritz war nach dem Besuch wie verdreht und ganz in sich gekehrt.« In einer Ausgabe der Zeitschrift Kosmos aus dem Jahr 1956 beschreibt Friedrich Bender, wie ihn der islamische Hodscha auf den Berg Cudi aufmerksam gemacht hatte:

»Am Cudi-Dağ seien noch heute Reste des alten Fahrzeugs hoch oben im Gebirge unter Sand verborgen. Er selbst sei vor ungefähr zwanzig Jahren dort gewesen und habe den Platz mit eigenen Augen gesehen. Die Stelle sei ein heiliger Wallfahrtsort für alle Rechtgläubigen in Kurdistan und dem nördlichen Arabien. Noch kein Christ sei je dort gewesen; doch glaube er, dass ich vielleicht einen Führer durch das unwegsame Land fände.«

Auf etlichen Bildern hat Bender seine abenteuerliche Reise zum Berg Cudi festgehalten. Seine Ankunft auf dem Gipfel beschreibt er wie folgt: »Nach einem weiteren Anstieg von zehn Minuten zeigten mir meine Führer in etwa 2000 m Höhe die Stelle, die sie für den Landeplatz der Arche Noahs hielten. Es war eine etwa 300 m lange, nach Süden, also zum Flachland hin, offene Mulde direkt unter dem Gipfel des Cudi-Dağ. Oberhalb der Mulde fand ich Ruinen einer kleinen Moschee oder Schutzhütte aus dicken, rohbehauenen Felsbrocken. Ein eingemauerter Stein mit merkwürdigen, mir unbekannten Schriftzeichen fiel mir auf.«

Benders Begleiter auf dem Weg zur Ruine auf dem Gipfel

Das Einzigartige an Benders Expedition: Der Geologe hat dort oben Ausgrabungen vorgenommen! »Wir begannen alsbald, die 1 bis 2 m mächtige Schneedecke an mehreren Stellen am Rande der Mulde wegzuräumen; denn man versicherte mir, dass im Sande unter dem Schnee Holzreste zu finden seien. Wirklich stießen wir auf feinkörnigen Kalksand, der auch Quarzkörner enthielt. Meine Spannung war trotz aller Skepsis auf dem Höhepunkt angelangt, als wir tatsächlich in etwa 1 m Tiefe braune Sandverfärbungen und darunter völlig zerfallenen, schwarzen Holzmulm freilegten. Ich glaubte zunächst, es handle sich um die Reste eines alten Lagerfeuers. Schnell aber hatte ich festgestellt, dass die Holzreste asphaltverklebt waren! (Ich führte einige Chemikalien mit, die zur Ex-traktion von Bitumen, Öl oder Asphalt aus Gesteinen dienen.) Wir gruben mit frischem Eifer weiter, doch erwies sich der Sand unter 1 m Tiefe als steinhart gefroren. Grabungen an tieferen Stellen der Mulde verhinderte der dort meterhohe Schnee. Wir hatten keinen weiteren Erfolg.«

Unter dem Schnee graben Benders Helfer »völlig zerfallenen, schwarzen Holzmulm« aus.

Das Ergebnis einer näheren Untersuchung durch den Geologen: »Die Holzfragmente wurden nach gründlicher Auslösung des Asphaltes mit Tetrachlorkohlenstoff nach der C-14-Methode im Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung, Hannover, datiert und ein Modellalter von 6635 ± 280 Jahren (vor 1950) ermittelt. Eine Zweitmessung, wobei alles vorhandene Material verbraucht wurde, bestätigte dieses Ergebnis. Als einzig mögliche Fehlerquelle kommt eine Kontamination mit unvollständig abgetrenntem Asphalt in Frage, dessen Alter sicher höher als 50.000 Jahre war. Dann kann die scheinbare Alterserhöhung maximal 400 Jahre betragen, falls der kohlenstoffhaltige Fremdanteil in der gereinigten Probe noch 5% betrug, was als unwahrscheinlich angesehen werden kann.«

Seine Frau sprach von einem »viereinhalb Zentimeter großen halbaufgefaserten Mulchstück«, von dem leider kein Foto existiert.

Sein Fazit aus seinen Erkundungen am Cudi: »Ich selbst denke, man sollte der Sache nachgehen. Immer wieder findet man ein Körnchen Wahrheit in alten Überlieferungen, und oft begann man erfolgreiche Unternehmungen mit weniger Ausgangsmaterial, als sich hier darbietet.«

Er selbst hat sich dieser Sache angenommen, jedoch ohne eine für ihn befriedigende Antwort zu finden und ohne jemals wieder den Gipfel zu erreichen. 1991 war er noch ein letztes Mal am Fuße des Cudi-Gebirges, jedoch ließen es die politische Lage und seine gesundheitliche Verfassung nicht mehr zu, den Berg zu erklimmen.

Friedrich Bender erlitt in den letzten 22 Jahren seines Lebens fünf Schlaganfälle, die letzten vier Jahre konnte er nicht mehr sprechen. Er starb am 27. Mai 2008 und ist auf dem Friedhof in Spangenberg begraben.

Insgesamt hat Professor Bender allerhand interessante geologische Informationen aus der Gegend zusammengetragen. Diese flossen zwar nicht in die Endversionen seiner Artikel ein, doch ich erhielt beim Besuch in Spangenberg Einblick in deren Rohfassungen mit ausführlichen Angaben zur Geologie. Diese Aufzeichnungen und die von ihm zusammengetragenen Karten sind die Grundlage der in Kapitel 31 dargelegten geologischen Fakten über den Berg Cudi und einiger Überlegungen zur erdgeschichtlichen Sintflutforschung.

 

 

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