Wir kämpfen uns in sengender Nachmittagshitze den kurvenreichen Wallfahrerpfad zum Gipfel des Dschudi Da(g) hinauf. Wir, das sind die fünf Bergsteiger aus Bayern, ein bärtiger Treiber mit zwei Mauleseln, ein islamischer Mullah mit Führerkompetenz und der zehnjährige Dolmetscher ›Kiek mal‹, der zwei Jahre in Berlin zur Schule ging und jeden Satz mit dieser Standardfloskel anfängt. Dazu die zwei Soldaten.«
So klingt der Bericht von Christoph Thoma, der einer kleinen Expedition zum Gipfel des Cudi angehörte. Seine Eindrücke von damals hat er in dem Büchlein »Gute Tage unter dem Halbmond« festgehalten. Heute ist er freier Journalist, seit vielen Jahren ist er mit dem Deutschen Alpenverein verbunden.

Während meiner Recherchen unternahm ich am 7. September 2009 eine Reise nach Landshut. Dort traf ich den damals 85-jährigen Hans Thoma, seinen Sohn Christoph, Verfasser des Berichtes, und ihren Gefährten Otmar Reiter, die gemeinsam im Sommer 1983 den Gipfel des Cudi besucht hatten. Eher zufällig war ich zuvor, Ende 2008, im Online-Archiv der Zeitung Die Zeit, auf eine Reportage gestoßen, in der Christoph Thoma vom damaligen Aufstieg zum Ankerplatz der Arche berichtete.

Obwohl das eigentliche Ziel der ambitionierten Alpinisten der über 5000 Meter hohe Berg Ararat war, muss doch der Abstecher zum Berg Cudi einen starken Eindruck bei der Truppe hinterlassen haben. Christoph Thoma schreibt: »Urplötzlich verlischt das Tageslicht, gerade in dem Augenblick, als wir endlich den vermeintlichen Ankerplatz der Arche erreichen. Unser Hodscha betet. Wir sechs teilen uns zwei Dosen Bier. Eiserne Reserve aus dem Rucksack. Wir entrollen unsere Schlafsäcke auf dem lehmigen Boden der Laubhütten, die neben zwei steinernen Häusern stehen. Eines der Gebäude nennt unser Geistlicher ›Kirche‹, das andere ›Moschee‹. Gläubige verschiedener Religionen wallfahren hierher. […]
Quälender Durst weckt uns zeitig auf. […] Wir sehen noch ›Noahs erstes Haus‹ und zahlreiche Zisternen aus archaischer Zeit. Doch im Sommer sind sie alle leer. Ein Stein-Iglu am Weg fasziniert uns: Da baumeln an der Innenseite des halbkreisförmigen Krals Dutzende von zauberhaften kleinen Wiegen aus grellbunten Kleiderfetzen und Wollfäden. Der Hodscha erklärt: ›Die bringen Frauen hierher, die keine Kinder kriegen können. Denn von diesem Platz aus hat sich das Leben über die ganze Erde verbreitet.‹«
Auch Hans Thoma erzählt in einem 1991 erschienenen Buch unter der Überschrift »Wo Noah wirklich gelandet ist«:
»Neben dem Schiffslandeplatz bruchsteingemauerte Einfachbauten, laubhüttenähnlich mit Dächern von Reisig und vertrockneten Blättern versehen. Sie tragen Namen wie ›Noahs Haus‹ und ›Noahs Tempel‹. Den uneingeweihten und ahnungslosen Ungläubigen wartet die Dschudi- Hochfläche noch mit besonders zu Herzen gehenden Andachtsplätzen auf. Da sind mitten im weiten, baumlosen Feld Mauern aufgerichtet, die wie primitive Altäre aussehen, kaum brusthoch, halbkreisförmig gekrümmt. Die Innenseite der Mauern behängt mit puppenhaft kleinen Nachbildungen von Kinderwiegen. Bunte Kleiderfetzen, geblümt, gepunktet, in Rot, Weiß, Blau mit Gelb, wie winzige Hängematten liebevoll mit Wollfäden aufgehängt an dürren Ästchen und Pflanzenstengeln, die in den Bruchsteinen verklemmt sind. Fromm und hoffend dargebrachte Votivgaben, hinterlegt von Frauen, die Kindersegen erflehen an diesem Platz, der neues Leben über die Erde brachte nach der großen Flut.«
Den Berg bestiegen sie unter türkischem Begleitschutz und unter widrigen Umständen: Die Wasservorräte gingen durch eine Fehleinschätzung der Führer zur Neige und der Durst verhinderte wohl genauere Untersuchungen des Geländes auf dem Berggipfel. Trotzdem wurden nicht nur die Aussicht vom Cudi, sondern auch der Landeplatz und weitere Ruinen recht eindrucksvoll auf Fotos festgehalten. In der Gesprächsrunde in Landshut konnten die drei sogar ungefähr den Weg auf den Gipfel mithilfe von Google Earth nachvollziehen. Einige Unsicherheiten in Bezug auf die Route ergaben sich allerdings aus der nachlassenden Erinnerung und auch die topografischen Begebenheiten sowie eventuelle Veränderungen nach Zerstörungen durch Kriegshandlungen am Berg zwischen türkischem Militär und der kurdischen PKK erschwerten eine eindeutige Identifikation.
Höhepunkt des Treffens in Landshut war die Präsentation von zwei kleinen Gesteinsbrocken vom Berg Cudi, die Hans Thoma in einer alten Filmschachtel aufbewahrt hatte. Ich konnte sie ausführlich fotografieren und filmen, später sogar näher untersuchen. Auf den ersten Blick wirken sie recht unscheinbar und eine erste oberflächliche Begutachtung durch mehrere Geologen ergab tatsächlich, dass es sich wahrscheinlich nur um angekohlte Kalksteinstücke handelt.

Leider lässt sich die Lage des Fundorts nicht eindeutig beweisen. Christoph Thoma schreibt darüber:
»Der Hodscha schenkt uns zum Abschied ein paar haselnussgroße Brocken mürber, schwärzlicher Substanz. Er hat sie aus dem Untergrund des Landeplatzes gegraben, sagt er. Niemand von uns hat ihn dabei gesehen. Aber – und das ist eigenartig – auch die Menschen hier im Dorf Besiri tragen solche Klümpchen als Amulette um den Hals. Der Hodscha erklärt unmissverständlich: ›Reste von der Arche Noah.‹
Sind da endlich unsere Reliquien? Hans erinnert sich sofort an einen Artikel in der ›Umschau aus Wissenschaft und Technik‹ aus dem Jahre 1972. Da standen die rätselhaften Sätze zu lesen: Holzreste von einem Wallfahrtsplatz am Berg Dschudi, gefunden 1953 durch Dr. Friedrich Bender, nach der C-14-Methode datiert. Nach Entfernung von Bitumen-Verklebungen ergab sich für das Holz ein Alter von 6500 Jahren. ›Und genau zu der Zeit‹, sagt Otmar, ›waren erhebliche Teile Mesopotamiens nachweislich überflutet.‹
Haben wir also wirklich Reste der Arche Noah gefunden, beziehungsweise von unserem Hodscha geschenkt bekommen? ›Halten wir’s mit Goe-the‹, meint Andi, ›der den Menschen geraten hat, das Unerforschliche ruhig zu verehren.‹ Und Peter lässt sich mit den Worten in den Autositz fallen: ›Der Rest ist halt Glauben, oder?‹«
»Wir sind stolz auf dieses Souvenir. Das Niedersächsische Landesamt für Bodenforschung [die Untersuchung nahm Friedrich Bender vor!] untersucht unsere ›Reliquien‹ nach der C14-Methode. Ergebnis: 19.850 Jahre alter Humusstoff.«
Ein weiterer großer Verdienst der Thoma-Truppe sind die Duplikate einiger Flachreliefs, die sie in Anatolien auffanden. Eines davon erstellten sie am Fuß des Cudi-Berges. Diese jahrtausendealten Denkmäler sind stark vom Verfall bedroht, die Inschriften aber glücklicherweise schon seit 100 Jahren übersetzt.
Wegen dieser Duplikate besuchte ich im März 2011 Otmar Reiter. Er hatte mit seinen Helfern im Jahr 1983 eines der Sanherib-Reliefs am Berg Cudi mit Silikonmasse bestrichen und bekam nach der Verfestigung des Materials einen originalgetreuen Negativabdruck des einzigartigen Bildnisses. Zurück in der Heimat konnte er nun beliebig oft Kopien des Reliefs erstellen. Hierbei wendete er ein ausgeklügeltes Verfahren an, bei dem dünnflüssiger Naturstein-Mörtel in den Silikonabdruck gegossen wird und darin aushärtet. Im Auftrag einer Bibelausstellung hatte ich bei ihm einen Abguss des Sanherib-Reliefs bestellt. Für mich selbst bat ich um einen zweiten. Zusammen mit meiner Tochter konnte ich die beiden einzigartigen Kopien schließlich in Niederaichbach abholen. Natürlich tauschten wir uns über neue Erkenntnisse aus, besonders beeindruckt hat mich die »Kommandozentrale« der Anatolienfahrer im Untergeschoss gleich neben der Werkstatt. Hier also wurden Reisepläne geschmiedet und in Erinnerungen geschwelgt. Und das schon seit über 50 Jahren!

Ich freue mich, dass nun ein »echter Sanherib« in meinem Büro hängt, nahezu ein Einzelstück. Oft wurde ich bereits nach der damit zusammenhängenden Geschichte gefragt. Der Kontakt zu Otmar Reiter und Hans Thoma besteht nach wie vor. Sie freuen sich, dass jemand den Berg Cudi weiter erforscht und bei meinen Reisevorbereitungen nach Sirnak haben sie mich mit wertvollen Tipps und Informationsmaterial unterstützt.
1983 – so lange ist es also her, dass jemand aus dem Westen auf dem Berg Cudi war! Knapp am Verdursten, mit wenig Muße und Zeit, gelang es der Gruppe dennoch, fantastische Fotos auf Mittelformatdias zu bannen und so für einige der besten Bilder vom Gipfel zu sorgen, die bisher zur Verfügung stehen. Ein großer Dank gilt den Männern von der Isar, dass sie mir die Genehmigung zum Abdruck der einzigartigen Bilder und auch des Coverfotos gaben.
Wir waren zu sechst. In zwei VW-Transportern kamen wir zunächst zum Ararat. Wir bestiegen ihn und fuhren dann den langen Weg in den Süden nach Cizre. Dank guter Vorbereitung erwartete uns dort eine Erlaubnis zum Besuch des anderen Arche-Berges, des »Djebel el-Djudi«. Denn für unsere Pläne hatten wir nicht nur im Präsidium des Türkischen Alpenvereins prominente Befürworter, sondern auch an anderen entscheidenden Stellen in Ankara. Das Genehmigungsdokument ermöglichte uns den Aufstieg noch am selben Tag.

Europäer hatten sich um den Berg Cudi lange nicht gekümmert. So wurde er auch nicht sonderlich bekannt. Außerdem machten Grenznähe und blutige Konflikte zwischen Türken und Kurden den Besuch immer schon schwierig. Inzwischen weiß man mehr über den Cudi. Er ist 2114 m hoch und man geht ihn vom 1300 Höhenmeter tiefer gelegenen Dörfchen Giriculyan aus an. Von da führt der Weg unterschiedlich steil in die von Steineichensträuchern bewachsene Südflanke des Cudi-Massivs. Weiter dann durch eine Felsenscharte zum Rücken des Berges, der allmählich sanfter in die Gipfelregion leitet. »Cebrail Kapisi«, »Gabriels Tor« heißt die felsige Einschartung, wo nach muslimischer Überlieferung Erzengel Gabriel die schwimmende Arche erwartete. Oben im höchsten Cudi-Bereich kennzeichnet eine zehn mal zehn Meter große Fläche, waagerecht wie ein Zimmerboden und eingefriedet mit groben Felsbrocken, den heiligen Platz »Sefine Yeri«, wo die Arche schließlich stillhielt.
Unsere Erkundungsmannschaft sah sich vor dem Aufbruch personell verstärkt: So hat uns Hodscha Abdullah Yasin begleitet, Schreiber von Büchern über die Sintflut und (späterer) Museumsdirektor in Cizre. Auch kam der 8-jährige Türkenjunge mit, aufgewachsen in Berlin, der jede, auch die nichtigste Bemerkung mit der Floskel »kiek mal« einleitete. So nannten wir ihn einfach »Kiekmal«. Unsere Eskorte wurde von zwei Soldaten mit G3-Gewehr gebildet.
Erstes Ziel war Giriculyan. An herrlicher Quelle füllten wir zwei 20-Literkanister mit bestem Quellwasser. Aber der Pferdeführer und sein verrückter Helfer schütteten das köstlich-frische Wasser aus: Oben beim Brunnen am Weg liefe »Wasser armdick«. Dieser Brunnen aber war versiegt: Durstig alle Beteiligten. Wütend hauen sie dem Pferdeführer das köstliche von ihm vernichtete Wasser um die Ohren. Die Soldaten erwägen, ihn zu erschießen!
Die Hitze ist barbarisch, das Wandern mühsam, der Wassermangel macht uns Sorgen. Unser Kiekmal ist schweigsam geworden. Im roten Schein eines theatralischen Sonnenuntergangs erreichen wir die heiligen Stätten. Die Traglasten der Pferde poltern zu Boden. Der verrückte Pferdetreiber führt die Tiere ein Stück tiefer in flacheres Gelände. Auf dem Rückweg steckt er einen einsamen Tragant-Strauch in Brand. Da kommt einem der brennende Dornbusch der Bibel in den Sinn.
Alpinistisch recht untergeordnet, ist der Cudi mit Mythologie vollgesogen wie ein Schwamm. Oben haben wir hinfällige Einfachbauten, laubhüttenähnlich, mit Namen, die an Noah erinnern. Wir bereiten uns ein Lager in »Noahs Kirche«. Der Lehmboden ist hart und bucklig. Lang leuchtet die Glut des brennenden Dornbuschs noch zu uns herauf.
Der nächste Tag zeigt Landschaft, Bauten und Bilder, die zu Besuch einladen und Erkundung. Aber wir haben keine Zeit. Uns plagt der Durst. Wir steigen ab nach Besiri, wo uns der bestellte Minibus erwarten soll. Aus dem ersten Haus kommt eine junge Frau mit Baby und einem Becher kühlen, frischen Wassers. Sie macht beruhigende Zeichen: Davon sei noch mehr da!


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