Landläufig ist heute nur ein einziger Berg als Landeplatz der Arche Noah bekannt: der Berg Ararat ganz im Osten der Türkei, der große, eindrucksvolle und weithin sichtbare Vulkankegel. Dieser Berg scheint dem biblischen Text zu entsprechen und war das Ziel zahlreicher abenteuerlicher Expeditionen auf der Suche nach dem Schiff Noahs – bis in die Gegenwart hinein.
Nur als Randnotizen findet man an manchen Stellen den Hinweis auf alternative Möglichkeiten: So schreibt beispielsweise der niederländische Journalist Frank Westerman in seinem Bericht »Ararat – Pilgerreise eines Ungläubigen«: »Korangelehrte wiesen die Osttürkei als den wahrscheinlichsten Platz an, an dem der Prophet Nuh mit seiner Arche auf Grund gelaufen war. Moslems im Irak und Iran sowie in Saudi-Arabien kannten allesamt einen Berg vor Ort, der al-Gudi hieß, aber die Osttürkei, das erkannten Sunniten ebenso wie Schiiten an, hatte die besten Chancen mit dem Ararat im Norden und im Süden dem Berg Cudi.« Westerman verweist auf Fotos der Ruine von Gertrude Bell und die »Sitte der Umwohnenden, Moslems und Christen, jedes Jahr auf dem Gipfel gemeinsam der Sintflut zu gedenken«, erinnert aber auch an die Vertreibung der assyrischen Christen in den Jahren 1915 und 1993. Seit Jahrzehnten hat es kein gemeinsames Pilgern mehr gegeben.
Ein weiterer »Westermann«, der im Jahr 2000 verstorbene evangelische Theologe Claus Westermann, führt in seinem Genesis-Kommentar aus: »Berossos gibt eine andere babylonische Tradition wieder, die Berge der Kordyener (Kurden); so auch Peschitta mit Targum Onkelos: ›auf den Bergen von Qardu‹, Targum Pseudo-Jonathan: ›auf den Bergen von Qardun‹. Diese Berge entsprechen wahrscheinlich dem Jebel Judi, südlich des Van-Sees, den die Einwohner dieses Gebietes als Landeplatz der Arche ansahen; er wird auch im Koran als solcher genannt.«
Peter Höffken schreibt: »Dabei hilft seine [Berossos’] Angabe über das Gebirge der Kordyäer zu einer gewissen Präzisierung: Dieser Berg hat sicher mit dem Gebiet der Corduene, Gordyene oder ähnlich zu tun, das im südlichen Teil des damaligen Armenien (südlich des Van-Sees, in der Südost-Türkei) zu suchen ist. Dem entsprechen dann auch etliche Übersetzungen oder Paraphrasen des AT, wenn sie Ararat mit QRDW wiedergeben. In diesem Bereich sucht dann auch die muslimische Tradition seit oder auch nach Mohammed das Ende des Flutgeschehens (Dschebel al-Dschudi). Noch 1814 wurde ein Reisender von Einheimischen dieser Region darauf verwiesen, dass in der Nähe Noachs Arche zu finden sei.«
Im millionenfach gedruckten Buch von Werner Keller »Und die Bibel hat doch recht« wird ebenfalls kurz auf den alternativen Berg hingewiesen: »Schließlich lokalisieren Mohammedaner die Archenlandung viel lieber auf dem ein gutes Stück südlich vom Agri Dag gelegenen Berg Dschudi, der einen weiten Ausblick auf die Ebene des Zweistromlandes gewährt.«
Warum ist die Diskussion um diesen anderen Berg der Arche heutzutage fast verstummt? Meiner Ansicht nach aus zwei Gründen:
Erstens: Selbst wenn Wissenschaftler eine größere regionale Überschwemmung in der Türkei oder in Mesopotamien als sogenannte »Sintflut« noch für möglich halten, ist für nahezu alle ein Ereignis wie der Bau einer großen Arche, wie er in der Bibel (und z.B. im Gilgamesch-Epos) beschrieben wird, völlig ausgeschlossen und gehört in den Bereich der Mythen und Fabeln. Daher befasst sich kaum noch jemand mit der Frage, wo diese »erfundene« Geschichte von Noah und seiner Arche stattgefunden haben könnte. Selbst das schon erwähnte Autorenpaar Alexander und Edith Tollmann, das die Sintflut als weltweite Katastrophe sieht, ist in Bezug auf das in der Bibel berichtete Geschehen der Meinung: »Als Erfindung überführt ist das fantasievolle Beiwerk verschiedenster Art, das sich in ganz unterschiedlicher Weise bei vielen Völkern der Erde um das schreckliche Urerlebnis gerankt hat – im biblischen Fall die schöne, reich ausgeschmückte Legende von Noahs Arche.«
Und zweitens haben die Abenteuer und vermeintlichen Funde am Ararat über die letzten 150 Jahre so stark die Schlagzeilen zum Thema »Arche Noah« bestimmt, dass alternative Deutungen in den Hintergrund geraten sind. Auch die eindrucksvolle Erscheinung und schiere Größe des Vulkankegels inmitten einer vergleichsweise flachen Landschaft lenkt die Blicke der Archeforscher intuitiv auf den Großen Ararat.
Alte Veröffentlichungen, die lange vor dem Trubel um den Ararat und vor allem in einer Zeit erschienen sind, in der man der Bibel noch einige Glaubwürdigkeit zugeschrieben hat, diskutieren mitunter ausführlich, wo der Landeplatz der Arche zu suchen sei. So ist in dem bereits erwähnten, 1744 erschienenen Werk »Übersetzung der Allgemeinen Welthistorie« von Siegmund Jacob Baumgarten ein ganzes Kapitel diesem Thema gewidmet: »Eine Untersuchung von der Lage des Gebirges Ararat und den mancherley Meinungen darüber«.
1821 hieß es in der »Urgeschichte der Menschheit in ihrem vollen Umfange« von Friedrich Wilhelm Pustkuchen, dass manche Ausleger den Ararat nicht in der armenischen Provinz Erivan suchen, sondern in den gordiäischen Bergen.
Und in einem Kommentar zu »Die Reisen des Venezianers Marco Polo« von August Bürck aus dem Jahr 1855 spricht dieser von einem »Syrischen« und einem »Armenischen Ararat«.
Es ist also an der Zeit, diese damals geführte Diskussion noch einmal aufzugreifen – denn die Suche am Ararat war ja offensichtlich bisher ergebnislos.

Bei der geografischen Suche nach dem Berg, der mit dem biblischen Gebirge Ararat gemeint ist, bringt uns der Historiker Flavius Josephus ein Stück weiter. Die biblische Überlieferung gibt er so wieder:
»Als dann die Arche in Armenien auf dem Gipfel eines Berges stehen geblieben war, öffnete Noah dieselbe und schöpfte, da er einiges Land sah, daraus neue Hoffnung.«
Einige Sätze später steht:
»Diesen Ort nennen die Armenier Apobaterion, das heißt ›Ort des Ausgangs‹, und man zeigt heute dort noch Reste der Arche.«
Nun hat aber auch das Gebiet Armeniens in römischer Zeit – als Josephus diese Zeilen niederschrieb – beide Berge eingeschlossen. Doch der Geschichtsschreiber führt weiter aus:
»Es heißt, dass noch jetzt in Armenien auf dem Kordyäergebirge ein Teil jenes Fahrzeuges vorhanden sei, und dass manche Harz davon entnehmen, um sich desselben als Zaubermittel gegen drohende Übel zu bedienen.«
Dabei zitiert er den babylonischen Priester Berossos, der im dritten vorchristlichen Jahrhundert lebte. Berossos war mit Sicherheit bestens mit dem babylonischen Gilgamesch-Epos und der dort enthaltenen Sintfluterzählung vertraut.
Die Angabe »Kordyäergebirge« grenzt die Lage des Noah-Berges bereits deutlich ein: Der antike Staat Gordyene lag zwischen Van-See und Tigris, in der heutigen Provinz Sirnak. Und tatsächlich gibt es dort eine tief in der Geschichte und in den verschiedenen Religionen verwurzelte Tradition, die den Berg Cudi als Landeplatz der Arche Noah ansieht. Die Provinzhauptstadt Sirnak hat sogar die zwischen Berggipfeln gestrandete Arche im Wappen. Namen und Logos von Busunternehmen und Hotels erinnern wie selbstverständlich an Noah und die Arche.
Josephus zitiert auch noch Nikolaus von Damaskus: »Oberhalb Minyas in Armenien liegt ein gewaltiger Berg, Baris genannt, auf den viele zur Zeit der großen Flut geflohen sein sollen, wodurch sie gerettet wurden. Einer soll in einer Arche gefahren und auf dem Gipfel des Berges gelandet sein, und es sollen sich lange Zeit Überreste des Schiffsholzes dort erhalten haben. Vielleicht ist das derselbe, von dem Moyses, der jüdische Gesetzgeber, berichtet hat.«
Dreimal berichtet Josephus also von Überresten der Arche, die er zwar nicht selbst gesehen habe, die dort aber – für jedermann nachweisbar – zu seiner Zeit noch existiert haben sollen.
Minyas könnte mit dem in Jeremia 51,27 genannten Königreich Minni gleichzusetzen sein. Dieses wird für gewöhnlich mit dem Reich der Mannäer identifiziert, das südöstlich des Urmia-Sees lag, also ca. 300 km östlich vom Berg Cudi. Dieses Gebiet dürfte aber außerhalb Armeniens gelegen haben und so bleiben die Angaben des Nikolaus von Damaskus unklar.
Eine weitere Ortsangabe im Zusammenhang mit Noahs Arche steht bei Josephus, als er eine viel spätere Epoche beschreibt: »Als Monobazus [der König von Adiabene] nun zu hohem Alter gelangt war und das Ende seines Lebens herannahen fühlte, wünschte er vor seinem Tode noch einmal seinen Sohn zu sehen. Er beschied ihn deshalb zu sich, nahm ihn mit herzlicher Liebe auf und schenkte ihm die Landschaft Karrae [wird in den Erläuterungen mit Harran identifiziert]. Diese Gegend ist besonders ergiebig an Amomum [einem würzigen Balsam], und es befinden sich dort auch noch Überreste der Arche, in welcher Noe der Sintflut entkommen sein soll. Jedem, der sie sehen will, werden die Trümmer noch bis auf den heutigen Tag gezeigt.«
Wiederum bestätigt Josephus also, dass die Arche noch existierte, und ich sehe keinen Grund, warum man diese beiläufige Aussage für Fiktion halten sollte.
Im ersten Jahrhundert nach Christus umfasste das Reich Adiabene eindeutig Gebiete im nördlichen Mesopotamien. Es könnte bis nach Harran gereicht haben, die Geschehnisse spielten sich also sicherlich südlich des Van-Sees umd damit weit entfernt vom Großen Ararat ab. Somit sind die damals noch sichtbaren Überreste der Arche in dieser Gegend zu suchen.
Wie es scheint, war der Berg Cudi aufgrund seiner Lage im Grenzgebiet zwischen den antiken Reichen Adiabene, Gordyene und Armenien und vielleicht auch wegen seiner historischen und symbolischen Bedeutung mitsamt den Überresten der Arche heiß umkämpft.
Wir können aus den Schriften des Flavius Josephus zwei Dinge mit einiger Sicherheit schließen:
Im ersten Jahrhundert nach Christus gab es noch Überreste, »Trümmer« der Arche, die eine Bedeutung für Pilger hatten.
Die Gegend, in der sich diese Reste befanden, wird mit unterschiedlichen Namen beschrieben, die nicht alle eindeutig identifizierbar sind. Sehr deutlich wird jedoch, dass keinesfalls der heute unter dem Berg Ararat bekannte Vulkankegel gemeint gewesen sein kann – viel eher ist der in der Tradition verwurzelte Berg Cudi gemeint.
Bill Crouse hat auf dem Symposium in Sirnak im September 2013 eine Arbeit vorgestellt, die seine bisherige Erforschung der antiken Quellen bezüglich des Arche-Bergs zusammenführt: »Fünf Gründe, warum die Arche Noah nicht auf dem Berg Ararat gelandet ist; fünf Gründe, warum sie auf dem Cudi Dagh gelandet ist.«
Neben Berossos, auf den sich Josephus bezieht und der auch von weiteren Schriftstellern wie Polyhistor zitiert wurde, führt Bill Crouse einige wichtige jüdische und christliche Quellen an. Aus der Antike gibt es jüdische Übersetzungen des Alten Testaments in die aramäische Sprache, die Targumim. In zweien dieser Schriften, dem »Targum Onkelos« und dem »Targum Pseudo-Jonathan«, wird der Landeplatz der Arche in die »Berge von Kardu« gelegt. Dies kann daran liegen, dass das Königreich Ararat (Urartu) zu dieser Zeit – im 1. und 2. nachchristlichen Jahrhundert – schon lange nicht mehr existierte und die geografische Angabe aktualisiert und präzisiert wurde. Auch andere Bibelstellen, in denen »Ararat« im hebräischen Text erwähnt wird, wurden im Targum mit »Kardu« auf den neuesten Stand gebracht. Kardu ist eine andere Schreibweise für das Gebiet der Kryäer bzw. die Gegend von Gordyene. Weitere jüdische Quellen wie das »Buch der Jubiläen« enthalten geografische Angaben, die aber schwieriger zu deuten sind. Allerdings weisen sie ebenfalls da-rauf hin, dass sichtbare Überreste der Arche in der Antike noch existiert haben. Die geografische Fixierung des Landeplatzes muss durch materielle Relikte deutlich stärker gewesen sein, als wenn es sich bei der Arche-Erzählung um eine reine Legende aus uralter Zeit handeln würde.
Crouse listet neun christliche Quellen auf, die sehr viel eher auf den Berg Cudi als Landeort hinweisen als auf den heute von vielen Moslems irrtümlich so angesehenen »christlichen« Arche-Berg Agri Dagh. Bischof Theophilus von Antiochien (spätes 2. Jahrhundert n.Chr.) weist auf Überreste der Arche in den »arabischen Bergen« hin, Eusebius von Cäsarea (ca. 263–339 n.Chr.) spricht von den »Gordiäischen Bergen«, der Heilige Ephraim von Syrien (ca. 306–373 n.Chr.) erwähnt die »Berge Kardus«.
Der Bibelgelehrte Hieronymus scheint im 5. Jahrhundert die Geografie schon etwas durcheinanderzubringen und stellt den nördlichen Ararat am Fluss Araxes an den Anfang des Taurus-Gebirges, das eigentlich viel weiter südlich liegt.
Wiederum eindeutig ist die syrische Übersetzung der Bibel, die sogenannte Peschitta. Sie ist ab dem 5. Jahrhundert bekannt und vermerkt in 1. Mose 8,4 wieder die »Berge von Kardu«. Epiphanius, Bischof von Salamis (ca. 315–403 n.Chr.), erwähnt auch Überreste der Arche »auf den Bergen von Ararat in der Mitte Armeniens und Gordyenes auf einem Berg namens Lubar«. Dieser Name »Lubar« kommt auch in anderen Quellen wie z.B. dem »Buch der Jubiläen« vor und wird sich somit ebenfalls auf den Berg Cudi beziehen, wenn dort tatsächlich zu jener Zeit noch Reste der Arche existierten.
Der berühmte Prediger Johannes Chrysostomus (ca. 349–407 n.Chr.) bleibt geografisch wenig exakt bei den »Bergen von Armenien«, weist aber nachdrücklich darauf hin, dass man die Arche noch sehen könne – als »Ermahnung«. Auch Isidor von Sevilla (ca. 560–636 n.Chr.) bestätigt das Vorhandensein von Überresten. Er nennt den Berg »Ararat«, es ist aber anzuzweifeln, dass er als einziger damit den Agri Dagh meinte. Viel eher war für den Berg Cudi in damaliger Zeit der biblische Ausdruck »Ararat« noch geläufig.
Eine besonders interessante christliche Quelle ist Eutychus, Patriarch von Alexandria, der im neunten und zehnten Jahrhundert lebte. Er war arabischer Abstammung und kannte vermutlich den Koran. Er schreibt: »Die Arche landete auf den Bergen von Ararat, das ist Jabal Cudi in der Nähe von Mosul.« Mosul, das biblische Ninive, liegt 130 Kilometer südlich des Cudi-Berges, daher kann sich diese Angabe niemals auf den heute als »Ararat« bekannten Berg beziehen. Die Aussage zeugt aber eindrücklich davon, dass der Cudi Dagh zu jener Zeit noch als einer der Berge von Ararat bekannt war.
Sehr wichtig ist auch Crouses Untersuchung einer historischen Quelle, die als früheste geografische Bestimmung des Arche-Landeplatzes auf dem nördlich gelegenen Berg Ararat gilt. Sie bezieht sich auf die Kirchengeschichte von Philostorgius, der im 5. Jahrhundert gewirkt hat. Das zwölfbändige Originalwerk ist nicht erhalten, es gibt nur eine Zusammenfassung von Photius, dem Patriarchen von Konstantinopel, aus dem 9. Jahrhundert. Es heißt dort:
»Der Euphrat nimmt seinen Anfang allem Anschein nach unter den Armeniern. In dieser Region steht der Berg Ararat, der so auch bis zum heutigen Tag von den Armeniern genannt wird. Das ist der Berg, von dem die Schrift sagt, die Arche ruhte auf ihm. Viele Holzfragmente und Nägel, aus denen die Arche gebaut war, sollen noch an diesen Orten aufbewahrt werden.«
Es ist offensichtlich, dass sich Philostorgius hier auf den einzeln stehenden Ararat bezieht, an dessen Fuß einer der Quellflüsse des Euphrat entspringt. Und doch fragt sich Bill Crouse, warum im Gegensatz zu den frühen armenischen Quellen, die gewöhnlich vom Berg »Masis« sprachen, Philostorgius behaupten würde, dass dieser Berg »Ararat« genannt würde. Auch den Bezug der Bibel auf einen spezifischen Einzelberg stellt Crouse infrage. Seltsam findet er zudem die Erwähnung von Holzfragmenten und Nägeln, die sonst nie im Zusammenhang mit dem Ararat erwähnt worden sind. Dagegen wird eine intakte vollständige Arche, wie sie neuere Augenzeugen gesehen haben wollen, nicht erwähnt. Photios gibt den Originaltext wohl auch nicht immer genau wieder, was daran liegen wird, dass er kein Bewunderer von Philostorgius war, denn dieser gehörte der später geächteten eunomianischen (»radikal-arianischen«) Glaubensrichtung an.
Aufgrund dieser Einzigartigkeit von Philostorgius’ Lokalisierung und seiner »Vorliebe für seltsame geografische Angaben« hält Bill Crouse diese Quelle für wenig zuverlässig und als nicht geeignet, gegenüber dem Gewicht der Cudi-Referenzen standhalten zu können. Er geht davon aus, dass die Arche-Tradition nicht vor dem 12. Jahrhundert in die nördliche Gegend projiziert worden ist, wodurch der heute bei uns unter dem Namen »Ararat« bekannte »Agri Dagh« den zuvor ebenfalls als »Ararat« bezeichneten Cudi Dagh abgelöst hat. Crouses Fazit in seinem Artikel: »Heutzutage lesen viele Genesis 8,4 und schlussfolgern irrtümlich, dass dieser einzelne Berg gemeint ist, da er als höchster Berg in dieser Region steht.«
Neben der Untersuchung Baumgartens in seiner »Welthistorie« ist vor allem eine Schrift aus dem Jahr 1901 sehr aufschlussreich, widmet sie sich doch der Frage nach der Lage des Ararat auch auf Grundlage armenischer Literatur. Das Buch »Ararat und Masis« von Friedrich Murad ist für einen der schärfsten Cudi-Kritiker, Rick Lanser, neben den Augenzeugen und der scheinbaren Reduktion der Traditionsströme auf Berossos ein Hauptargument gegen den Berg Cudi. Er stellt ihn in einem Artikel als Kronzeugen gegen den Cudi vor: »Introducing Friedrich Murad«. Daher müssen dieses Buch und seine Argumente näher unter die Lupe genommen werden.
Zunächst ist anzumerken, welche theologische Einstellung Murad vertritt: Er ist ein Theologe, der der Quellenscheidungstheorie eine maßgebliche Bedeutung beimisst. Daher scheint er auch die Geschichte von der Sintflut für reine Fiktion zu halten. In seinen Ausführungen beschreibt er das Land Ararat, »auf dessen Gebirge der Verfasser des biblischen Sintflutberichtes die Arche Noahs aufsitzen lässt«. Er widmet sich also im Kern nicht der Frage, was zu Noahs Zeiten tatsächlich passiert ist, sondern woher die Überlieferungen stammen. Und hier stellt er offensichtlich »Babel« vor »Bibel«, denn er sieht im Gilgamesch-Epos und in anderen babylonischen Quellen die Ursprünge der biblischen Erzählungen. Die übernommenen Geschichten hätten sich dann geografisch mit umgesiedelten Juden und Christen zum Berg Cudi hin verlagert. Ursprünglich seien sie am Ararat (»Agri Dagh«) lokalisiert gewesen.
Wie ich ausführlich gezeigt habe, legen einige Quellen wie z.B. Josephus die Vermutung nahe, dass Überreste der Arche Noah noch mindestens bis ins 1. nachchristliche Jahrtausend hinein existiert haben. Die Gebäude, die offensichtlich spätestens in frühchristlicher Zeit gebaut wurden, lassen vermuten, dass sie vielleicht sogar um die Überreste der Arche herum gebaut worden sind. Falls dies tatsächlich der Fall sein sollte – und Murad geht überhaupt nicht auf diese Augenzeugenberichte ein – dann muss von einem historischen Ereignis ausgegangen werden. Und unter diesem Gesichtspunkt sind einige der bei Murad beschriebenen historischen Zusammenhänge komplett entgegengesetzt zu deuten: Wahrscheinlich gehörte auch der Berg Cudi zum Reich der Armenier, das ursprünglich das Gebiet Urartu (Ararat) umfasst hat. Als die Armenier in ihrer Auseinandersetzung mit den Römern und später den Arabern immer weiter nach Norden gedrängt wurden, hat sie vermutlich der – sicher schon zuvor – heilige Berg »Masis« nachhaltig beeindruckt. Dort wurden dann Kirchen und Klöster gebaut, die bezeichnenderweise zunächst nicht Noah, sondern Gregor dem Erleuchter gewidmet wurden. Erst im Laufe der Zeit könnte sich dann – vielleicht aus wissenschaftlichen Überlegungen über die Höhe des Berges heraus – die Überzeugung verfestigt haben, dass doch der Masis der biblische Ararat gewesen sein müsste.
Mit der Ausbreitung des Islam und der Zerstörung des Klosters auf dem Cudi im 8. Jahrhundert durch ein Feuer wurden die Erinnerungen an den wahren Landeplatz immer undeutlicher und schließlich unter den Armeniern ganz ausgelöscht.
Ein entscheidender Hinweis darauf könnte die Geschichte vom Heiligen Jakob sein, der laut alter Quellen die Arche sehr wahrscheinlich am Cudi gesucht hat. Dessen Legende wurde später allerdings durch ein Kloster am Berghang sowie eine heute noch zu sehende Reliquie im Kloster von Etschmiadsin am Ararat manifestiert.
Der Transfer der Arche-Tradition zum Ararat war also nach einigen Jahrhunderten vollständig vollzogen. Leider wurden im Zuge der Christianisierung im 4. und 5. Jahrhundert wohl weite Teile armenischer Literatur »so gründlich vernichtet…, dass kaum zwanzig Zeilen davon in der Historie des Moses von Choren (9. Jh.) erhalten blieben«. Daher gibt es auch keine eindeutigen Belege für diesen Wechsel mehr.
Vom Cudi-Kritiker Rick Lanser wurde Friedrich Murad quasi als Trumpfkarte präsentiert. Doch die Argumente sind sehr dürftig, da sie statt von tatsächlichen Ereignissen nur von überlieferten Sagen ausgehen und Lanser den Geschichtsschreiber Berossos als Ausgangspunkt der Traditionsströme sieht.
Viel einleuchtender gelingt hingegen die Interpretation der vorliegenden Daten umgekehrt: dass nämlich die Tradition erst später, nachdem die reale Arche zerstört und unzugänglich geworden war, vom Cudi zum Ararat verlagert wurde, wahrscheinlich zusammen mit der Vertreibung der Armenier Richtung Norden.

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