Das Rätsel der Arche Noah

Kapitel 14: Hat der Koran recht?

aus Teil 4 (»Wo strandete die Arche?«) der Originalausgabe von 2014

Und (die Arche) kam auf dem Al-Dschudi zur Rast« (Koran, Sure 11,44).

So beschreibt der Koran die Landung der Arche und bestätigt damit den Berg Cudi als letzten Ruheplatz der Arche. Es wäre allerdings ein falscher Ansatz, nun Bibel und Koran als einander widersprechend anzusehen. Die biblische Urgeschichte wurde – wie in Kapitel 10 dargestellt –
von Mose ungefähr 1500 v.Chr. verfasst. Und vielleicht hatte er noch ältere Quellen zur Verfügung. Der Ausdruck »Ararat« deutet jedenfalls auf ein relativ weit gefasstes geografisches Gebiet nördlich von Mesopotamien. Wie wir aus der assyrischen Überlieferung ableiten können, beginnen die Berge Urartus – die Berge von Ararat – mit den ersten Erhebungen an der Grenze des Iraks zur heutigen Türkei. Und genau dort liegt als erstes die Cudi-Kette.

Die geografischen Bezeichnungen aus diesen alten Zeiten haben sich verändert, sodass schon Josephus von Armenien schrieb, das damals noch viel weiter nach Süden reichte und mit dem Vorgängerreich Urartu ungefähr übereinstimmte. Noch präziser erwähnt er das Kordyäergebirge. Der Koran, von Mohammed im 7. Jahrhundert n.Chr. abgefasst – also über 2000 Jahre nach der Genesis –, legt schließlich die Örtlichkeit genauer fest, ohne damit im Widerspruch zur Bibel zu sein. Der »muslimische« Berg Al-Dschudi liegt in Josephus’ Armenien, im Land Urartu der Assyrer und gehört zu dem Gebiet, das Mose als die »Berge von Ararat« bezeichnete.

Hinweise in der islamischen Literatur

Die meisten frühislamischen Schriften weisen – wie bereits zuvor christliche und jüdische Quellen – darauf hin, dass der Arche-Berg viel weiter südlich zu suchen ist als der heute unter dem Namen »Ararat« bekannte Berg.

In der Zeit nach der Zerstörung des Klosters im Jahr 776 bringen dann fast nur noch islamische Quellen die Arche Noah mit dem Berg Cudi in Verbindung. Zum Beispiel schreibt Guy Le Strange im Jahr 1905: »Von Jazirah Ibn Omar [Cizre] aus war der Jabal Cudi gegen Osten hin sichtbar, mit der Moschee des Noah auf seinem Gipfel.«

Al-Mas’udi schreibt im 10. Jahrhundert: »Die Stelle, an der das Schiff gelandet ist – auf dem Gipfel dieses Berges –, kann heute noch gesehen werden.«

Bill Crouse zählt in seiner neuesten Arbeit drei weitere Quellen auf, die zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert für den Arche-Berg geografische Anhaltspunkte bieten: Ibn Haukel, der den Cudi Dagh in der Nähe der Stadt Nisibis lokalisiert (120 Kilometer Entfernung); Ibn al-Amid, der erwähnt, dass der byzantinische Eroberer Herakleios (ca. 575–641 n.Chr.) nach seinem Sieg über die Perser den Berg Cudi erklommen hat, um die Arche zu sehen; und schließlich Zakariya ibn Muhammed al Qazvini, der berichtet, dass Holz von der Arche zumindest im achten oder neunten Jahrhundert noch besichtigt werden konnte und dass Teile davon verwendet wurden, um ein Kloster oder eine Moschee zu bauen.

Claudius James Rich vermerkt im frühen 19. Jahrhundert: »Hussein Aga behauptete mir gegenüber, dass er mit seinen eigenen Augen die Überreste der Arche Noah gesehen hat. Er ging in ein christliches Dorf, von wo ein steiler Weg zum Gipfel anstieg, eine Stunde zu gehen. Dort oben sah er die Überreste eines großen Schiffs aus Holz, fast vollständig verrottet, mit einem Fuß [30 cm] langen Nägeln, die noch erhalten waren.«

Die Vermutung Baumgartens, dass mit der Zerstörung des Klosters und vielleicht sogar von Trümmern der bis dahin noch einigermaßen intakten Arche der Pilgerstrom zum Berg Cudi jäh abgebrochen ist, teile auch ich. In der Folge – zeitgleich mit der Ausbreitung des Islam – haben die Christen, vor allem die Armenier, auf ihrem Rückzug nach Norden die Traditionen vom Ende der Sintflut auf einen anderen Berg projiziert. Dieser Berg war viel höher, gewaltiger und wahrscheinlich schon in vorchristlicher Zeit ein heiliger Berg: Der »Agri Dagh« oder »Masis« mit einer Höhe von über 5 000 Metern.

Der als »Ararat« bekannte »Agri Dagh« (Wikipedia: Maks Karochkin).

 

 

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