Die Legende vom Heiligen Jakob ist – wie schon erwähnt – eng mit dem Berg Ararat verwoben. Im vierten Jahrhundert soll dieser Mann zum Berg der Sintflut gewandert sein, um die Arche Noah zu finden. Ararat-Erstbesteiger Friedrich Parrot gibt die Erzählung wie folgt wieder: »Dieser Mönch habe, um den damals entstandenen Streitigkeiten über die Glaubwürdigkeit der heiligen Geschichtsbücher, namentlich in Betreff ihrer Erzählung von Noahs Begebenheit ein Ende zu machen, den Entschluss gefasst, sich persönlich auf dem Gipfel des Ararat von der Gegenwart der Arche zu überzeugen. Am Abhange des Berges aber sei er mehrere Male vor Übermüdung in Schlaf versunken und habe beim Erwachen gefunden, dass er während des Schlummers unbewusst wieder ebenso weit herabgekommen sei, als er mit vieler Mühe hinangestiegen war. Als Gott seine unermüdlichen, doch fruchtlosen Anstrengungen mitleidig angesehen, habe er ihm während seines Schlafes einen Engel gesandt mit der Botschaft, seine Bemühungen wären vergeblich, denn der Gipfel sei unerreichbar, jedoch zur Belohnung seines eifrigen Strebens und zur Befriedigung der Wissbegierde der Menschen schicke er ihm ein Stück von dem auf dem Gipfel befindlichen Schiffe des Noah, eben dasselbe, welches in der Kathedrale von Etschmiadsin als eine vorzügliche heilige Reliquie aufbewahrt wird.«
Dieses Holz, eingefasst in einen vergoldeten Reliquienschrein, ist heute noch zu besichtigen. Eine genauere Untersuchung hat aber meines Wissens niemals stattgefunden. Das wertvolle Stück wird in der Kathedrale von Etschmiadsin aufbewahrt, 20 km westlich von der armenischen Hauptstadt Eriwan und etwa 50 km vom Berg Ararat entfernt.
Dieser Jakob war der Bischof von Nisibis. In der englischen Wikipedia heißt es (übersetzt): »Er war der erste Christ, der die Arche Noahs gesucht hat. Er behauptete, auf einem Berg, dem Cudi Dagh, ein Stück von ihr gefunden zu haben – in einer Region nahe Ararat, 70 Meilen von Nisibis entfernt.«
Einen weiteren Hinweis, dass es sich um den Cudi (Berg Kardu) handelte, gibt es auf einer Internetseite der syrisch-orthodoxen Kirche: »Mor Augin ging daraufhin mit Mor Jakob von Nisibis zum Berg ›Gardu‹, wo die Arche Noah ans Land gegangen war. Dort errichteten sie ein Kloster und weihten es ein. Ein Engel zeigte ihnen ein Brett von der Arche Noah. Aus einem Teil dieses Bretts machte sich Mor Augin ein Kreuz und stellte es sich in sein Zimmer.«
Nisibis liegt tatsächlich nur 120 km vom Berg Cudi entfernt, jedoch fast 400 km vom Berg Ararat. Das Grab Jakobs kann bis heute in einer ihm gewidmeten Kirche im heutigen Nusaybin unmittelbar an der syrischen Grenze besucht werden. Auf unserer Evakuierungs-Fahrt von Sirnak nach Urfa an besagtem 29. September 2013 konnten wir eine kurze Besichtigungspause an diesem Ort einlegen.

Im Zusammenhang mit Jakob von Nisibis lesen wir noch weitere interessante Dinge, z.B. die Legende des heiligen Schallita, des Apostels von Gordyene von ca. 330 n.Chr.: »In Nisibis war damals Jacob Bischof, der mit Eugen und Schallita über den Bau einer Kirche in Nisibis berät. Jacob geht auf die Reise, um eine Kirche ›Beture Qardu‹, wo die Arche Noah’s stehen geblieben, einzuweihen. Schallita begleitet ihn. Sie kommen zu einem Dorfe ›Sar-Dschudsch‹ am Fuß des Berges ›Al Dschudi‹ und dort befreit Schallita einen Knaben aus dem Rachen eines Drachen. Die Kirche wird eingeweiht und die frommen Männer kehren zurück, mit ihnen der gerettete Knabe, genannt ›Achi Merah‹, der Schüler des Schallita wird.«
Im Gegensatz zu dieser Einweihung der Kirche auf dem Cudi, die in den historischen Quellen äußerst schwer nachzuweisen ist, ist die spätere Zerstörung des inzwischen zum nestorianischen Kloster ausgebauten Anwesens hinlänglich bekannt und wird in verschiedenen Quellen überliefert und zitiert. Im »Kloster der Arche« feierten die nestorianischen Christen immer wieder große Feste zur Ehre der Überlebenden der Sintflut.
Doch im Jahr 776 wurden Kloster und Kirche zusammen mit einer Versammlung von Christen vernichtet. Und vielleicht ist damals die bis dahin noch sichtbar erhaltene Arche vollends vom Feuer verzehrt worden.
Interessant ist, dass die Spuren, die in Google Earth auf dem Gipfel des Cudi zu erkennen sind, sich sehr gut dahingehend interpretieren lassen, dass sich dort oben ein großes Kloster in Form eines Schiffes befunden haben könnte. Mit einer Länge von ca. 420 m hätte es Überreste der Arche (Länge ca. 160 m) sogar in seiner Ummauerung enthalten können. Sogar ein Kirchenschiff glaube ich unter den Umrissen zu erkennen. Die Ausrichtung dieser Kirche entspräche nicht der üblichen Ostung, sondern wäre annähernd exakt auf Jerusalem ausgerichtet.
Dass die syrische Überlieferung sich auf keinen Fall mit dem heutigen Berg Ararat zusammenbringen lässt, zeigt auch die syrische Bibelübersetzung »Peschitta«, die in der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien und auch in der Assyrischen Kirche des Ostens gebräuchlich ist: Sie berichtet in 1. Mose 8,4 nicht vom »Gebirge Ararat«, sondern von den »Bergen von Kardo«.

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