Ibn al-Athir und die Arche Noah

Ein spannender Fund in der Nacharbeit zum Symposium in Sirnak im Oktober 2025. Gewidmet meinem Forscherfreund Bill Crouse zu seinem heutigen 82. Geburtstag

20. Juli 2026

English version of this article

Ibn al-Athir und der Cudi Dagh

Im Sommer 2025 entdeckte ich das angekündigte Symposium über die Ibn-al-Athir-Brüder aus Cizre an der Universität Sirnak und wollte die Gelegenheit ergreifen, noch einmal zum Arche-Noah-Berg zu reisen und laut Programm auf den Gipfel des Cudi Dagh zu gelangen (siehe Reisebericht). Ich suchte ein Thema zu diesen mir bis dahin unbekannten Brüdern und tat mich schwer. Zum Arche-Noah-Thema schien es keine direkte Verbindung zu geben. Ich konzipierte einen Beitrag über ein anderes Motiv und sprach über Ali Ibn al-Athir und Sanherib als kulturelle Zwillinge. Darin schrieb ich: »Ali Ibn al-Athir erwähnt nicht direkt, dass die Arche in der Nähe seines Heimatorts gelandet war.« Die Beschreibung seines Werks deutete zwar darauf hin, dass er auch die Urgeschichte behandelt, konkrete englische Übersetzungen dieser Passagen fand ich aber nirgends. Und auf Deutsch gibt es nur wenige Abschnitte über die Zeit der Kreuzzüge.

Inzwischen wurde der Symposiumsband als PDF veröffentlicht (İbnü'l-Esîr el-Cezerî Kardeşler, Özgür Yayınları, Gaziantep 2026, Open Access unter DOI 10.58830/ozgur.pub1283) und mein eigener Beitrag ist auf academia.edu nachzulesen sowie auf dieser Website auf Englisch und Deutsch dokumentiert.

Irgendwann in den letzten Tagen hatte ich die Idee, dem KI-Sprachmodell »Claude« das komplette über 900-seitige Buch zu übergeben mit der Bitte um eine Übersicht und Zusammenfassung der überwiegend türkischen Artikel sowie um eine Analyse, ob es Anknüpfungspunkte zu meinen Forschungen gibt. Und in der Tat gab es da ein spannendes Ergebnis!

Bill Crouse aus Texas hat intensiv und umfangreich über die antiken Quellen zum Berg Cudi geforscht, es gibt aus der heidnischen, jüdischen und christlichen Literatur vielfältige Hinweise darauf, wie er in seinem Artikel »Five Reasons Noah's Ark Did not Land on Mt. Ararat; Five Reasons Why It Did Land On Cudi Dagh« erwähnt. Diesen Artikel präsentierte er bereits 2013 auf dem ersten Noah-Symposium in Sirnak (auf bibelabenteurer.de sind ein PDF-Dokument und eine Videoaufnahme verfügbar).

Inzwischen liegt ein erweiterter zweiteiliger Artikel vor: »Geographical and historical concerns in Genesis 8:4«, Teil 1 und Teil 2, beide auf creation.com. Ich hatte übrigens die Ehre, ohne seine Kenntnis am Peer-Review-Prozess des Beitrags teilzunehmen. In meinem 2014 erschienenen Buch »Das Rätsel der Arche Noah« wurde ebenfalls schon auf Bills Forschungen Bezug genommen. Er erwähnt einige muslimische Gelehrte aus dem Mittelalter, die auf die genaue Geografie hindeuten, in die der Arche-Berg des Korans eingebettet ist.

Zu diesen Quellen ist nun eine weitere sehr wichtige hinzugekommen, von einem der berühmtesten arabischen Historiker des Mittelalters überhaupt: Ali Ibn al-Athir (1160–1233), geboren und aufgewachsen in Jazirat Ibn Umar, dem heutigen Cizre am Fuß des Cudi Dagh.

Im Symposiumsband weist Abdurrahman Yapar (Universität Sirnak) in seinem Kapitel über die Koranbezüge des Geschichtswerks von Ibn al-Athir darauf hin, wie der Historiker die Landung der Arche erzählt – dem Koran folgend (Sure 11,44), aber um bemerkenswerte geographische Angaben ergänzt.

Ich habe die Stelle daraufhin mithilfe mehrerer KI-Systeme (Claude, ChatGPT und dem Google-Übersetzer) im arabischen Original geprüft, in der klassischen Leidener Edition von Carl Johan Tornberg (1867). Dort heißt es (Bd. 1, S. 52; KI-gestützte Übersetzung aus dem Arabischen, da keine englische oder deutsche Übersetzung dieses Teils existiert):

»Das Schiff trieb über die ganze Erde, ohne zur Ruhe zu kommen, bis es zum Heiligtum [von Mekka] kam; es trat aber nicht ein, sondern umkreiste das Heiligtum eine Woche lang. Dann zog es über die Erde dahin und fuhr mit ihnen, bis es zum Cudi gelangte – das ist ein Berg in Karda im Land von Mosul – und auf ihm zur Ruhe kam. Da wurde gesprochen: ›Fort mit dem Volk der Ungerechten!‹ Und als es zur Ruhe gekommen war, wurde gesprochen: ›O Erde, verschlinge dein Wasser, und o Himmel, halte ein!‹ Und das Wasser sank; die Erde sog es auf. Noah blieb in der Arche, bis das Wasser versiegt war. Als er aus ihr herausging, nahm er sich in einem Bezirk von Karda, im Land der Dschazira, einen Ort und erbaute ein Dorf, das sie ›Achtzig‹ (Thamanin) nannten. Es heißt jetzt ›Markt der Achtzig‹ (Suq ath-Thamanin), denn jeder Einzelne von denen, die mit ihm waren, baute sich ein Haus – und sie waren achtzig Mann.«

Der arabische Originaltext ist digital einsehbar in der Ausgabe Dar Sadir (Bd. 1, S. 73) unter lib.eshia.ir/22036/1/73.

Ibn al-Athir lokalisiert den Berg der Koranstelle also gleich doppelt: Der Cudi liege in Karda – dem alten Distrikt am Ostufer des Tigris direkt gegenüber seiner Heimatstadt Cizre, dessen Name das antike Qardu/Kardu fortführt – und zwar »im Land von Mosul«, der Provinz, zu der Cizre zu seiner Zeit gehörte. Auch die erste Siedlung Noahs nach der Flut, das »Dorf der Achtzig«, verortet er in Karda.

Ibn al-Athir lokalisiert also den Arche-Berg und die Noah-Siedlung ausdrücklich in seiner unmittelbaren Herkunftsregion. Er ist damit ein weiterer muslimischer Zeuge für die Tradition des Cudi Dagh, die seit den Zeiten des Korans bis heute an die Noah-Geschichte geknüpft ist. In meinem Beitrag über Ibn al-Athir und seinen »kulturellen Zwilling«, den Assyrerkönig Sanherib, gehe ich darauf ein, dass diese Verknüpfung schon sehr viel älter ist als die Geschichte des Islam und bis in früheste Zeiten zurückreicht. In meinem Beitrag für das Cudi-Symposium 2021 verfolge ich die Geschichte der Pilger zu Noah und dem Cudi Dagh zurück bis zum Anbeginn der Menschheit.

Nun ist also durch meine Teilnahme am Symposium, die Veröffentlichung des Symposiumsbands sowie den Einsatz moderner KI eine weitere wichtige Verknüpfung der Arche-Noah-Geschichte mit der Gegend am Berg Cudi gelungen – und es kann auch im westlichen Kulturkreis erkannt werden, wie eng diese Verbindung in der arabischen Welt ist. Zwar könnte man Ibn al-Athir vorwerfen, dass es ihm nahelag, seinen Heimatort zu bevorzugen, aber seine Bedeutung in der gesamten orientalischen Welt und seine Rezeption bis heute machen es mit jedem neuen Puzzlestück gewichtiger, dass der wahre Arche-Noah-Landeplatz auf dem Berg Cudi zu suchen ist und nicht am berühmten großen Ararat oder in dessen unmittelbarer Umgebung.

Viel Grundlagenforschung haben wir Bill Crouse zu verdanken, mit der ich 2013 am Morgen des 29. September bereit war, auf den Cudi-Gipfel zu gelangen – was mir damals nicht gelang, und 2025, diesmal ohne Bill, wiederum nicht. Die Forschung geht dennoch weiter. Gerade die Erwähnung von Thamanin wird einen weiteren Cudi-Forscherkollegen interessieren, der 2025 ebenfalls vor Ort war und bereits beim Noah-Symposium 2021 ausführlich dieses Dorf der Achtzig unter die Lupe genommen hat: Stephen Compton. In seinem Beitrag »Locating the City of Thamanin« beim Cudi-Symposium 2021 zeichnet er die Geschichte der Stadt nach und berichtet über seine Entdeckung der Fundamente einer antiken Stadtanlage. Der Geschichte von Thamanin liefert Ibn al-Athirs Zeugnis nun einen weiteren mittelalterlichen Fixpunkt.

Bill Crouse und Timo Roller am 29.9.2013 am Cudi Dagh
Bill Crouse und ich, am Morgen des 29.9.2013, bereit, den Gipfel des Cudi Dagh zu besteigen. Leider scheiterte dieses Vorhaben.

[ Übersicht: Aktuelles ]