Die englische Originalfassung des Papers ist hier auf bibelabenteurer.de sowie als Kapitel des Symposiumsbands auf Academia nachzulesen. Über den neuen Fund zur Arche-Noah-Passage bei Ibn al-Athir berichtet ein separater Artikel.
Im Oktober 2025 habe ich einen Vortrag bei einem Symposium an der Universität Sirnak gehalten. Im Fokus des Symposiums standen die Ibn-al-Athir-Brüder, drei einflussreiche Gelehrte in der muslimischen Welt, die aus der Stadt Cizre stammten und um das Jahr 1200 lebten und wirkten.
Ich hatte noch nie von ihnen gehört, und mein wichtigstes Vorhaben war eigentlich, wieder einmal zum Berg Cudi zu kommen. Und so recherchierte ich intensiv, um eine Verbindung herzustellen zwischen diesen Brüdern und den Themen, bei denen ich mich auskenne: der Geschichte des Arche-Noah-Bergs Cudi Dagh, an dessen Fuße die Städte Sirnak und Cizre liegen.
Mein Anknüpfungspunkt war der assyrische König Sanherib, den ich als »kulturellen Zwilling« von Ali Ibn al-Athir vorstellte. Mein Abstract wurde angenommen, ich arbeitete den Vortrag aus, lernte selbst viel Neues – und reiste schließlich nach Sirnak.
In gewisser Weise – und dies beleuchtete ich – sind Ali Ibn al-Athir und Sanherib verbunden durch Orte, Eroberungserzählungen und historische sowie religiöse Bedeutungsräume. Durch den Vergleich ihrer Perspektiven auf die Städte Jerusalem, Mossul/Ninive und Cizre eröffnet sich ein Panorama über drei Jahrtausende Geschichte im Fruchtbaren Halbmond. Zugleich können neue – unterschiedliche und aus westlichem Denken heraus überraschende – Sichtweisen ein tieferes Verständnis für biblische und kirchengeschichtliche Ereignisse aufzeigen.
In dieser erweiterten Version geht es zudem um einen historisch-biblischen und aktuellen Blick auf Jerusalem sowie um die Glaubwürdigkeit und Bedeutung der Jona-Geschichte.
Ali Ibn al-Athir (1160 bis 1233) gilt als der bedeutendste muslimische Historiker des Hochmittelalters. In seinem Werk »Die vollständige Geschichte« beschreibt er unter anderem die Belagerung und Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer im Jahr 1099.
Fast 1900 Jahre vor Ibn al-Athir lebte in derselben Region der assyrische Großkönig Sanherib, dessen Eroberungszüge – insbesondere gegen Jerusalem, aber auch zum Berg Cudi (nach meinen Forschungen der Landeplatz der Arche) – in Inschriften und Reliefs festgehalten sind.
Es gibt heilige Orte auf dieser Welt, die für Gläubige verschiedener Religionen von Bedeutung sind. Dazu gehört der Berg Cudi Dagh, zu dem ich gereist bin. Es war sehr spannend, zwölf Jahre nach meinem ersten Besuch 2013 noch einmal dort sein zu können. Ich hoffte, den Arche-Landeplatz erreichen zu können, was bei der ersten Reise nicht gelungen war.
Auch ein anderer Ort ist für die großen Religionen besonders heilig: Jerusalem.
Baha ad-Din, ein Zeitgenosse von Ibn al-Athir, gibt uns einen Einblick in die Bedeutung von Jerusalem zur Zeit des Dritten Kreuzzugs: Er zitiert einen Brief des Kreuzritters Richard Löwenherz an Sultan Saladin: »Jerusalem ist für uns ein Gegenstand des Glaubens, auf den wir nicht verzichten könnten.« – Saladin schrieb zurück: »Jerusalem gehört uns nicht weniger als euch, es ist sogar noch heiliger für uns als für euch.«1
Das sind die christliche und die muslimische Perspektive der damaligen Zeit. Aus Psalm 137,5+6 kennen wir die jüdische Sicht: »Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meine Rechte vergessen. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein.«
Zwei der Zitate wurden in der Zeit der Ibn-al-Athir-Brüder geschrieben, im 12. und 13. Jahrhundert. Izz ad-Din Ibn al-Athir, auch Ali Ibn al-Athir genannt, wurde 1160 in Cizre geboren und starb 1233 in Mossul.2
Die Kreuzzüge sind im kollektiven Gedächtnis geblieben als Zeit voller Gewalt und des Kampfes zwischen den Religionen. In vielen Schlachten des Mittelalters wurde sehr viel Blut vergossen, auch in Jerusalem. Die Eroberung von Jerusalem im Jahr 1099 war nicht einmal so ungewöhnlich, obwohl sie bis heute besonders stark rezipiert wird und sich in unterschiedlicher Weise in die kollektive Erinnerung der muslimischen und der christlichen Welt eingebrannt hat.
Im Westen gibt es Überlieferungen aus dieser Zeit aus christlicher Perspektive, doch Ibn al-Athir, von dem wir Übersetzungen haben, ermöglicht uns darüber hinaus eine andere, die muslimisch-arabische Perspektive. Das ist sehr wertvoll im Blick auf das multiperspektivische Empfinden und auf den interkulturellen und interreligiösen Dialog. Ein Unterrichtsentwurf der Universität Bonn für die Sekundarstufe II (Gymnasium) geht ausführlich auf die sich ergänzenden Quellen ein.
Es werden zwei Berichte über die Einnahme Jerusalems im Jahr 1099 einander gegenübergestellt: die christliche Sicht von Wilhelm von Tyrus und die von Ibn al-Athir geschriebene muslimische Perspektive. Beide berichten von einem schrecklichen Massaker und hemmungslosen Morden der Kreuzfahrer. Ibn al-Athir erzählt von sehr vielen Todesopfern, gibt aber an, dass es auch Begnadigungen gab, denn er schreibt: »Eine Gruppe von diesen suchte Schutz in Davids Bethaus, verschanzte sich dort und leistete einige Tage Widerstand. Nachdem die Franken ihnen das Leben zugesichert hatten, ergaben sie sich; die Franken hielten den Vertrag, und sie zogen des Nachts in Richtung Askalon ...« – Später berichtet er von den Geflohenen: »Sie waren in Tränen und rührten zu Tränen bei der Erzählung, was die Muslime in dieser erhabenen heiligen Stadt erlitten hatten.«3
Ganz anders berichtet über die gleichen Ereignisse der christliche Autor, der betont, dass man durch das Gemetzel die »Verhältnisse in der Stadt so geordnet« habe – die Eroberer zogen mit »Hymnen und Gesängen« in die christlichen Heiligtümer hinein.4
Durch beide Perspektiven bekommen wir ein vielseitiges Bild, doch müssen sie sorgfältig verglichen und kritisch analysiert werden. So sind die Todeszahlen wahrscheinlich deutlich zu hoch, denn nach einigen anderen Eroberungen und Massakern vor diesem Ereignis haben wahrscheinlich viel weniger Menschen in Jerusalem gelebt. Manche Menschen in der Stadt kamen auch mit dem Leben davon, wie die Schilderungen von Flüchtlingen belegen. Statt 70.000 Opfern, die Ibn al-Athir angibt, werden es wahrscheinlich eher 10.000 gewesen sein – aber das ist natürlich ebenfalls schrecklich. Auch Wilhelm hat möglicherweise mit seinen Schilderungen übertrieben, und die Eroberer wollten sich offensichtlich brüsten, indem Stellen aus der christlichen Offenbarung und aus dem Buch der Makkabäer fast wörtlich zitiert wurden.
Nun bringe ich den »Zwilling« ins Spiel, König Sanherib. Auch er berichtet über einen Angriff auf Jerusalem, im Jahr 701 v. Chr. – aus assyrischer Perspektive. Im Alten Testament finden wir die gegnerische Perspektive aus Sicht der belagerten Stadt: Die Belagerung Sanheribs scheitert, und das Heer der Assyrer wird von einem Engel Gottes geschlagen. Wahrscheinlich ist auch hier die Zahl der Opfer mit 185.000 viel zu hoch. Es werden eher 185 militärische Einheiten gemeint sein, die fälschlicherweise mit »1000« übersetzt wurden: »Und in dieser Nacht fuhr aus der Engel des HERRN und schlug im Lager von Assyrien hundertfünfundachtzigtausend Mann. Und als man sich früh am Morgen aufmachte, siehe, da lag alles voller Leichen. So brach Sanherib, der König von Assyrien, auf und zog ab, kehrte um und blieb zu Ninive.«5
EXKURS: Die Zahl der assyrischen Soldaten
Die Sache mit den militärischen Einheiten, die mit dem hebräischen Wort »ELEP« gemeint sein könnten – statt »1000« – ist kompliziert und wird von Uwe Zerbst in »Keine Posaunen vor Jericho?« weiter ausgeführt. Andreas Späth greift dies in »Und der HERR erhörte Hiskia« auf (S. 82f, Fußnote), denkt aber nicht, dass diese Interpretation hier zutrifft. Er begründet dies in erster Linie damit, dass auch in den Inschriften Sanheribs immer wieder von Heeresgrößen im sechsstelligen Bereich die Rede ist. Es muss also offen bleiben, wie viele assyrische Krieger tatsächlich durch den Engel Gottes umkamen.
Sanheribs Reliefs wurden ab 1847 im heutigen Irak freigelegt und führen uns in detailverliebten Bildern die assyrische Sichtweise des biblischen Berichts vor Augen. Auf einem sechsseitigen Zylinder, dem sogenannten Sanherib-Prisma, ist in Keilschrift die assyrische Version des »Dritten Feldzugs« festgehalten: Hiskias »Gefangensetzung«, die Eroberung von 46 befestigten Städten, darunter Lachisch – von einer Niederlage ist nicht die Rede. Solche Nachrichten sind nicht das, was ein assyrischer Weltherrscher seinen Nachfahren hinterlassen wollte.
»... Wie ein Vogel im Käfig war Hiskia in seiner königlichen Residenz eingeschlossen. Schanzen warf ich gegen ihn auf, und das Hinausgehen aus seinem Stadttor machte ich unmöglich.«6
In der Bibel erfahren wir, dass die Söhne Sanheribs, nachdem sie ihn ermordet haben, in das Land Ararat flohen – laut späteren Übersetzungen Kardu: das Cudi-Gebirge! Obwohl man es nach der biblischen Erzählung vermuten kann, geschah dies nicht direkt nach dem Feldzug gegen Jerusalem, sondern viele Jahre später. Er hatte noch Zeit, bildliche Darstellungen in seinem Palast anbringen zu lassen, von denen wir noch hören werden.
Jerusalem – für viele ein heiliger Ort, über die Jahrtausende voller Konflikte – und bis heute. Im Alten Testament steht geschrieben: »Siehe, ich will Jerusalem zum Taumelbecher zurichten für alle Völker ringsumher, und auch Juda wird's gelten, wenn Jerusalem belagert wird. Zur selben Zeit will ich Jerusalem machen zum Laststein für alle Völker.«7
Im Neuen Testament weint Jesus Christus: »Und als er nahe hinzukam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest an diesem Tag, was zum Frieden dient!«8
Bis heute hat Jerusalem keinen Frieden. Vielleicht kann multiperspektivisches Verständnis dazu beitragen, dass sich Wege zum Frieden öffnen! – Diese Hoffnung hatte ich auf dem Symposium so geäußert, auch wenn ich aus der Bibel und aus den Beobachtungen der letzten Jahrzehnte weiß, dass dies eher unwahrscheinlich ist. Der Prophet Jeremia schreibt: »Friede, Friede – und ist doch nicht Friede!« (Jeremia 8,11)
An die mittelalterlichen Quellen schließt sich im Unterrichtsentwurf der Universität Bonn ein Interview mit dem französisch-amerikanischen Historiker Philippe Buc (*1961, Universität Leiden) an, der betont, dass es wichtig sei, die Rolle der Gewalt in der damaligen Zeit aus den verschiedenen Perspektiven zu betrachten und daraus zu lernen: »Politiker wie Staatsbürger sind [...] in der Lage, Terror in dieser Tradition besser zu verstehen und ihn so besser einzudämmen.«9
Das Lernen aus der Vergangenheit sollte nach meiner Überzeugung – so betonte ich auf dem Symposium – dazu führen, einander die Hand zu geben und der Gewalt abzuschwören. Als Christ orientiere ich mich an Jesus Christus, der in der berühmten Bergpredigt sagte: »Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.«10
Menschen anderen Glaubens werden sicherlich ähnliche Sätze kennen, die zum Frieden aufrufen und die Welt in Zukunft besser machen können. Dies war, wie gesagt, eine Hoffnung, die ich an der Uni äußerte – eine Hoffnung, die im Oktober 2025 auch aus aktuellen Gesprächen zwischen Trump und Netanjahu aufkeimte. Eine Hoffnung, die aber doch vielleicht zu wenig die biblischen Aussagen und die geistliche Dimension des momentanen Kampfes gegen Israel berücksichtigt. Dieser offensichtlich weltweit geführte antisemitische Kampf richtet sich nicht nur gegen die »zionistische« Regierung, sondern gegen das ganze Land inkl. ESC-Sängerinnen und Israel-Premier-Tech-Radfahrern – und gegen das ganze Volk Israel, die Juden in aller Welt. Der Hass auf Israel ist seit dem 7. Oktober 2023 allgegenwärtig geworden; dies war und ist auch in der Türkei zu spüren: Gerade an der Universität Sirnak gab es bereits vor dem Symposium mehrere Solidaritätsaktionen für Palästina und einseitige Verurteilungen Israels.
Mossul ist heute die zweitgrößte Stadt des Irak und hat knapp 3 Millionen Einwohner. Sie liegt am Tigris und umgibt die uralte Stadt Ninive, deren Ruinen teilweise überbaut sind. In den letzten Jahrzehnten ist Mossul immer wieder in die Schlagzeilen geraten, vor allem 2003 während des Irakkriegs sowie 2014, als der sogenannte »Islamische Staat« die Stadt unter seine Kontrolle brachte. In der Schlacht um Mossul 2016 und 2017 wurde die strategisch wichtige Stadt zurückerobert. In den letzten Jahren hat die UNESCO viel Geld in den Wiederaufbau investiert, so wurde die zerstörte »Große Moschee des an-Nuri« rekonstruiert, die aus der Zeit der al-Athir-Brüder stammt. Mossul ist eine Stadt kultureller Vielfalt mit einer arabischen Bevölkerungsmehrheit, aber auch Assyrern, Kurden, Turkmenen, Jesiden und anderen Gruppen.
Ninive war eine der wichtigsten Städte Assyriens. In der biblischen Überlieferung hat der große Städtegründer Nimrod auch Ninive erbaut. 1. Mose 10,11: Nimrod dehnte »sein Reich bis nach Assyrien aus, wo er Ninive, Rehobot-Ir und Kelach sowie Resen – das zwischen Ninive und Kelach gelegen ist – erbaute.«
Nach assyrischen Legenden soll die Stadt von der Göttin Ischtar gegründet worden sein. Archäologisch erforschte Siedlungsspuren gehen bis in die Jungsteinzeit zurück. Ninive und Assur waren über Jahrhunderte die wichtigsten Städte, »eine wie die andere war umgeben von einer besonderen sakralen Aura, die ihr eine überragende Bedeutung für die assyrische Welt verlieh.«11
Bekannt ist Ninive durch das Wirken des Propheten Jona – für die Stadt war dies eine Zeit der Umbrüche und des Niedergangs. Bis 2014 erinnerte an ihn die Prophet-Jona-Moschee in Mossul, die damals zerstört wurde. Auch sie wird restauriert.
EXKURS: »Seemannsgarn« und das Zeichen des Jona
Die Geschichte von Jona ist weltbekannt, schon bei Kindern: Gott schickt den Propheten los, gegen die Bosheit in der Stadt Ninive zu predigen. Er weigert sich, flieht mit dem Schiff, wird von einem Fisch verschluckt und nach drei Tagen wieder ausgespuckt. Stopp! Das kann ja nur ein Märchen sein, reines Seemannsgarn, oder?
Ein Mensch soll drei Tage im Innern eines Fischs überleben? Das könnte ja nur ein Wal sein, aber das wäre ja dann gar kein Fisch im biologischen Sinne. Also müsste die Bibel in jedem Fall irren! Doch die Definition des hebräischen Worts »Dag« haben nicht moderne Wissenschaftler vorgenommen. Es bedeutet einfach »Wasserlebewesen« oder sogar (im Griechischen mit dem Evangelisten Matthäus) »Seeungeheuer«. Es könnte also ein Wal, ein Hai oder auch ein bereits ausgestorbenes Meereslebewesen gewesen sein.
Es gab moderne Erklärungsversuche, dass Menschen im Innern eines Meerestiers überlebt haben sollen, die Beweislage ist aber dünn. Jedenfalls: Wenn Gott handelt, dürfen wir an Wunder glauben, an sein übernatürliches Eingreifen. Sonst könnten wir gleich die komplette Bibel ad acta legen: veraltet, naiv, erledigt.
Jesus hat sich mehrmals auf Jona bezogen, auf die »drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches«. Er hat dies als Tatsache dargestellt, als wirkliches Geschehen und als Prophetie auf die Zeit im Grab, die ihm selbst noch bevorstand! Hat Jesus gelogen? Hat er Märchengeschichten geglaubt? Sicher nicht! Übrigens leitet sich aus dieser Aussage eine neue Theorie von Tom Tribelhorn ab, der in seinem Buch »›When‹ changes everything« aufzeigt, dass die Karwoche nach dem Kalender der Essener ganz anders abgelaufen sein muss: Wenn Jesus nicht drei Tage und drei Nächte, also volle 72 Stunden tot gewesen wäre, hätten die Juden es wahrscheinlich nicht als Wunder akzeptiert. Spannende Sache, auf die ich zu Ostern 2026 in einem Artikel eingegangen bin.
Jona, der Sohn Amittais, hat wirklich gelebt, wir lesen von ihm auch in 2. Könige 14,25: »Er [König Jerobeam II. von Israel] stellte wieder her das Gebiet Israels von dort, wo es nach Hamat geht, bis an das Meer der Araba nach dem Wort des HERRN, des Gottes Israels, das er geredet hatte durch seinen Knecht Jona, den Sohn Amittais, den Propheten, der von Gat-Hefer war.«
Jona wurde in der Nähe von Nazareth geboren, im Ort Gat-Hefer. Über 700 Jahre nach Jona wurde dieses Nazareth auch die Heimat von Jesus. Interessante Frage am Rande: Warum dachten die Hohenpriester und Pharisäer, die in Johannes 7,52 behaupten: »Aus Galiläa steht kein Prophet auf«, nicht an Jona?
Zur Zeit Jonas herrschte Jerobeam II. über das Nordreich Israel, seit Langem war es getrennt vom Südreich Juda. Die Könige waren nicht besonders gehorsam gegenüber Gott, besonders Jerobeam nicht. Aber mindestens einmal muss er gemerkt haben, dass es eigentlich besser wäre, auf Gott zu hören: Jona hatte ihm nämlich verraten, dass es ihm gelingen würde, verlorene Gebiete wieder zurückzuerobern. Jona war ein Prophet, durch den Gott zu den Menschen, auch zu Königen sprach. Es gelang dem König dann auch, »das Gebiet Israels von Hamat bis ans Salzmeer« wiederherzustellen.
Jona war also Prophet mit einigem Einfluss. Und so bekam er – wir wissen nicht, ob es nach seinem oben genannten Wirken war, aber es ist sehr wahrscheinlich – von Gott den Auftrag: »Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.« (Jona 1,2)
Ausgerechnet nach Ninive! In eine riesige Stadt, die damals allerdings wahrscheinlich ihren alten Glanz verloren und eine erneut große Zeit noch vor sich hatte. Dort wohnten die Erzfeinde der Israeliten! Und ausgerechnet denen soll Jona sagen, dass sie böse sind und sich ändern sollen? Und noch dazu: Von Nazareth nach Ninive sind es über 800 Kilometer – Luftlinie durch die Wüste!
EXKURS: Die Größe Ninives
DREI TAGESREISEN FÜR FÜNF KILOMETER? Wer Ninive mit dem Lineal in Google Earth ausmisst – wie ich es für die Recherche zu meinem Buch »Bible Earth« gemacht habe –, wird feststellen, dass die gemessenen maximal fünf Kilometer Ausdehnung den in Jona 3,3-4 angegebenen drei Tagesreisen offensichtlich widersprechen. Des Rätsels Lösung ist: In 1. Mose 10,12 wird der Ausdruck »die große Stadt« für vier Städte gebraucht: Ninive, Rehobot-Ir, Kelach und Resen. Der Gesamtumfang dieser vier Zentren des wahrscheinlich im Buch Jona gemeinten »Ninive-Bezirks« beträgt in der Tat knapp hundert Kilometer, was drei Tagesreisen entsprechen würde.
Sanherib regierte von 704 bis 681 v. Chr. und machte Ninive zur Hauptstadt Assyriens. Er und seine Nachfolger ließen dort imposante Paläste bauen mit reichem Bildmaterial und vielen Keilschrifttafeln. In seinen Annalen und auf Steinreliefs erfahren wir – wie bereits erwähnt – von der Eroberung judäischer Städte und der Belagerung Jerusalems. Aber auch der Feldzug zum Berg Cudi wird erwähnt!12 Auf diesem Relief wurde nach seiner Herrschaft sein Gesicht zerstört.
Viele Jahrhunderte später, im 12. und 13. Jahrhundert, lebte Ali Ibn al-Athir in derselben Stadt, die nun Mossul hieß. Zwar waren die Ruinen Ninives längst vergangen, doch die Nähe zur alten Königsstadt war spürbar: Mossul war ein wichtiger Ort im zengidischen Herrschaftsgebiet, ein Zentrum von Politik, Handel und Kultur. Für Ibn al-Athir war es der Lebensmittelpunkt und zugleich die Stadt, in der er seine monumentale Weltchronik verfasste und später starb.
So sind Sanherib und Ibn al-Athir auch durch diese Stadt wie Spiegelbilder miteinander verbunden: der eine als König und Bauherr, der andere als Chronist und Erzähler.
Cizre: Die al-Athir-Brüder wurden hier geboren und gehörten zu den berühmtesten Persönlichkeiten der Stadt – bekannt, wie ich ausgeführt habe, bis in die Universitäten des christlichen Westens. In der Vorbereitung auf das Symposium habe ich viel über sie und ihre Zeit gelernt. Cizre liegt wenige Kilometer entfernt von mehreren eindrucksvollen Reliefs des Königs Sanherib an den Hängen des Cudi-Gebirges. Der Landeplatz der Arche Noah liegt hier in Sichtweite! Ich forsche nun schon seit fast 20 Jahren daran.
Ali Ibn al-Athir erwähnt nicht direkt, dass die Arche in der Nähe seines Heimatorts gelandet war, aber sicherlich kannte er die Traditionen aus dem Koran. Und durch all die Jahrhunderte waren Cizre und der Cudi Dagh ein wichtiges Pilgerziel.13
EXKURS: Ibn al-Athirs Hinweise auf den Arche-Noah-Berg
Ali Ibn al-Athir wies doch direkt auf den Cudi Dagh als Arche-Landeplatz hin! Während des Symposiums wusste ich das noch nicht, da die deutschen und englischen Übersetzungen seines Werks »Die vollständige Geschichte« die entsprechenden Passagen nicht enthalten. Er beginnt seine Ausführungen bereits mit der Urgeschichte und erwähnt auch die Geschichte von Noah und der Sintflut. Als er die Landung auf dem Cudi beschreibt, erklärt er, dass dieser sich geografisch in Kardu befinde, also in der Gegend um seine Heimatstadt Cizre. Diese neue Erkenntnis, die mit der KI-gestützten Auswertung des Sammelbands der Symposiumsbeiträge entstand, greife ich in einem separaten Artikel auf.
Seine Zeitgenossen haben dann sogar berichtet, dass es damals noch Überreste der Arche gab.14 Al-Mas'udi schreibt im 10. Jahrhundert: »Die Stelle, an der das Schiff gelandet ist – auf dem Gipfel dieses Berges –, kann heute noch gesehen werden.«
Viele Jahrhunderte zuvor war Sanherib hier, wir haben bei den Symposien 2013 und 2021 viel darüber erfahren: Sein 5. Feldzug führte hierher, zum Berg Cudi, den er Nipur nannte. Sanherib ließ in seinen Annalen festhalten:
»Mein fünfter Feldzug führte [zum] Gipfel des Nipur, eines steilen Berges. Mein Lager hatte ich am Fuße des Nipur aufgeschlagen und mit meinen auserlesenen Leibwächtern und unerbittlichen Kriegern stieß ich wie ein starker Wildochse zu ihnen hinauf [...] Zu den Gipfeln der Berge folgte ich ihnen und siegte über sie. Ich nahm ihre Städte ein und nahm Beute mit. Ich zerstörte, ich verwüstete, ich verbrannte alles mit Feuer.«15
Eine alte jüdische Legende erzählt: »Auf seiner Rückkehr nach Assyrien fand Sanherib eine Holzplanke, die er als ein Götzenbild verehrte, denn sie war ein Teil der Arche, die Noah von der Sintflut rettete.«16
Dieser Berg war Sanherib wichtig, er ließ mehrere Felsreliefs einmeißeln, bei Sah und Hassana.17 In meiner eigenen Forschung bin ich auf die Darstellung des 5. Feldzugs auf den Reliefs in Ninive eingegangen.
In den letzten Monaten habe ich die Ausrichtung des Zeigefingers von Sanherib auf den verschiedenen Reliefs untersucht. Meine Studie, die noch veröffentlicht werden muss, legt nahe, dass der Finger mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Landeplatz der Arche Noah (Sefine) ausgerichtet ist und so seine große Verehrung besonders zum Ausdruck bringt.
Diese und andere Untersuchungen zeigen, dass der Landeplatz der Arche nicht nur für den Islam, das Christentum und das Judentum eine besondere Bedeutung hatte, sondern schon zu sehr frühen Zeiten für die Assyrer und möglicherweise die Hurriter.
Über Jahrhunderte war der Berg Cudi ein heiliger Ort für Gläubige verschiedener Religionen. Dann kamen Zeiten der Konflikte, der Kriege und des Terrors. Diese Zeiten schienen nun überwunden, und ich hatte fasziniert die Bilder und Filmausschnitte des Cudi-Festivals im Juli 2025 gesehen. Danach hatte ich mich voller Hoffnung auf das Symposium in Sirnak beworben.
Hier versammeln sich Menschen, hier wird eine Moschee gebaut. Für die Einheimischen ist die Sefine wieder als heiliger Ort in den Blick geraten, wie seit über 2700 Jahren. Ali Erbaş, der damalige Präsident des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten, hat gesagt: Die Sefine sei fast so bedeutend wie Mekka.
Zum Abschluss äußerte ich die Hoffnung, dass diese dritte Stadt – Cizre mit dem Berg Cudi – ein Ort des gemeinsamen Pilgerns, des Friedens und der Verständigung werden könne. Das Landen der Arche nach der Sintflut und der Frieden unter den Menschen sind von einem gemeinsamen Symbol geprägt: der Taube. Auch bei den Cudi-Festivals hat man Tauben fliegen lassen – auch 2026 wieder.
Unter Christen in Europa ist der Cudi Dagh nicht sehr bekannt, aber er wird es immer mehr. Durch meine Forschungsarbeit wurde in die Bibel-Übersetzung der katholischen Kirche der Berg Cudi als Alternative zum Ararat (Agri Dagh) eingetragen.
Ich konnte eine Reise unternehmen, bei der ich diesen Vortrag halten konnte, ich verschenkte eine (katholische) Bibel – und hoffte darauf, den Landeplatz der Arche zu betreten. Ich war sehr gespannt auf diese Reise, aber auch sehr nervös.
Ein Neuanfang der Menschheit nach der Sintflut, Ninive als Symbol für die Vergebung Gottes, Jona als Vorbild der Auferstehung – und der Messias Jeschua, der tatsächlich auferstanden ist in Jerusalem, dieser Stadt, die so eine bewegte Geschichte hat, der Taumelbecher bis heute. Aber sie ist auch ein Zeichen der Hoffnung, wie in Psalm 122: »Wünschet Jerusalem Glück!« (Luther 1984) – »Wünschet Jerusalem Frieden!« (Luther 2017) – Wünschet Jerusalem SCHALOM!
Zwar gelang es auch 2025 wieder nicht, den Gipfel des Cudi-Bergs zu erreichen – und doch war es eine lohnenswerte Reise! Mit einigen Herausforderungen und mit vielen Fragen, die noch offen sind, aber auch mit neuen Erkenntnissen, Fotos, Videoaufnahmen und tiefen emotionalen Eindrücken, die mich bis heute aufwühlen und beschäftigen – und in der Frage münden: Wird es für mich eine weitere Chance geben, eines Tages den Landeplatz der Arche Noah zu besuchen?
Diese erweiterte Version des Symposiumsbeitrags entstand in ähnlicher Form bereits einige Tage vor der Reise nach Sirnak: Ich durfte darüber einen Vortrag halten in Stuttgart bei einer messianischen Gemeinde zum hohen jüdischen Feiertag Jom Kippur.
1. Montefiore: Jerusalem, S. 302; Gabrieli: Kreuzzüge, S. 281 ↩
2. Gabrieli: Kreuzzüge, S. 24 ↩
3. Gabrieli: Kreuzzüge, S. 49, S. 50 ↩
4. Universität Bonn: Religion und Gewalt, S. 8 ↩
5. Bibel, 2. Könige 19,35–36 ↩
6. siehe Roller: Gottes Axt ↩
7. Sacharja 12,2+3 ↩
8. Lukas 19,41-42 ↩
9. Universität Bonn: Religion und Gewalt, S. 10 ↩
10. Matthäus 5,9 ↩
11. Matthiae: Ninive, S. 27; siehe auch: Roller: Bible Earth ↩
12. Roller: Arche Noah, S. 110ff ↩
13. Roller: Pilgrims to Noah ↩
14. Crouse: Geographical II, S. 4; Roller: Arche Noah, S. 104 ↩
15. Crouse: Sennacherib; Roller: Bibelabenteurer ↩
16. Roller: Gottes Axt ↩
17. Baz: Cudi Dagh ↩
Ali Ibn al-Athir: »al-Kamil fi't-tarih« (»Die vollständige Geschichte«), ed. C. J. Tornberg, Bd. 1, Leiden 1867 (die Arche-Passage auf S. 52); siehe dazu den separaten Artikel
Ibrahim Baz: »Cudi Dagh'nda Kadim Bir Mesken: Sah Köyü«; in: »Hz. Nuh ve Cudi Dagh Sempozyum Bildirileri«, 2014, Sirnak
Die Bibel: 2. Könige 19,35–36; Sacharja 12,2+3; Lukas 19,41-42; Matthäus 5,9
Universität Bonn: »Religion und Gewalt: die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer (1099)«, https://www.igw.uni-bonn.de/medien/medienordner-abtl-geschichtsdidaktik/qvid/mittelalter/unterrichtsentwuerfe/jerusalem-1099.pdf
Bill Crouse: »Sennacherib's Fifth Campaign To The Cizre Plain«; in: »Nuh Tufani ve Cudi Dagh Sempozyum Bildirileri«, 2021, Sirnak
Bill Crouse: »Geographical and historical concerns in Genesis 8:4 – part 2«; in: Journal of Creation 39(1) 2025
Francesco Gabrieli: »Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht«, 1976, München
Paolo Matthiae: »Ninive – Glanzvolle Hauptstadt Assyriens«, 1999, München
Simon Sebag Montefiore: »Jerusalem – die Biografie«, 2024, Stuttgart
Timo Roller: »Das Rätsel der Arche Noah«, 2014, Witten
Timo Roller: »Gottes Axt und Noahs Planke«, https://www.bibelabenteurer.de/html/121212_sanherib_de.html
Timo Roller: »Bible Earth«, 2007, Holzgerlingen
Timo Roller: »Pilgrims to Noah«; in: »Nuh Tufani ve Cudi Dagh Sempozyum Bildirileri«, 2021, Sirnak
Timo Roller: »Presentation at the 2nd Noah Symposium«, https://www.bibelabenteurer.de/html/210605_timo_roller_en.html
Quellen zu den EXKURS-Blöcken:
Peter van der Veen und Uwe Zerbst: »Keine Posaunen vor Jericho?«
Andreas Späth: »Und der HERR erhörte Hiskia«
Tom Tribelhorn: »›When‹ changes everything«
Timo Roller: »Bible Earth«