Zu all den bisherigen Berichten fehlten Fotos und handfeste Belege. Sie waren entweder von zweifelhafter Qualität oder aus irgendeinem Grund nicht mehr aufzufinden, wie im Falle der russischen Expedition, nach der sie in den Wirren der Revolution 1917 verschwunden sein sollen. Den scheinbar hieb- und stichfesten Beweis lieferte im Jahr 1955 ein Franzose, dessen Name in Bezug auf die Arche-Noah-Suche der berühmteste werden sollte: Fernand Navarra. Sein Buch erschien in den 1970er-Jahren auf Deutsch und ich erhielt es auf einer Tagung von einer älteren Dame. Sie hatte erfahren, dass ich mich mit der Arche-Forschung beschäftigte. Eigentlich wollte sie es wegwerfen, um ihre Nachkommen einmal vor »Lügengeschichten« – wie sie dick auf die erste Seite geschrieben hatte – zu schützen. Sie dachte dann aber, es könnte mir vielleicht nützen. In der Tat, denn ich kann nun daraus zitieren, wie Navarra die Entdeckung der Arche beschreibt. Der Durchbruch gelang angeblich auf einer Expedition, die er allein mit seinem elfjährigen Sohn Rafael vornahm:
»Nach einer halben Stunde hatte ich erst ein Loch von 50 qcm geschlagen, das ungefähr 20 cm tief war. Dann erschien unter der Eiskruste das Wasser. Und im Wasser das Ende eines schwarzen Balkens ... Ich traute meinen Augen nicht und betastete ihn, ich grub meine Nägel hinein; hätte ich mit meinem Mund darankommen können, ich glaube, ich hätte hineingebissen, so sehr fürchtete ich, abermals das Opfer eines Trugs zu werden. Aber ich träumte nicht; was ich mit meinen klammen Fingern in dem eisigen Wasser berührte, das war wirklich ein Stück Holz, und zwar nicht von einem Baumstamm, sondern ein behauener Balken … Mir war die Kehle zugeschnürt, ich hätte weinen, ich hätte auf die Knie niederfallen mögen, um Gott zu danken, dass er mir den Erfolg geschenkt hatte. – Nach der grausamsten Enttäuschung verspürte ich nun die Freude meines Lebens. Ich hielt meine Freudentränen gewaltsam zurück, um zu Rafael hinaufzuschreien: ›Ich habe Holz gefunden!‹ In keiner Weise verwundert rief er zurück: ›Beeil dich und komm zurück, ich friere ...‹ Ich versuchte den Balken loszubekommen, brachte es aber nicht fertig, auch nicht, als ich die Öffnung im Eis vergrößert hatte. Der Balken musste sehr lang sein, vielleicht stand er noch in Verbindung mit anderen Teilen des Gerippes. Um das Ganze freizulegen, wären ganz andere Geräte nötig gewesen als jene, die ich zur Hand hatte. Außerdem hätte man dazu mehr Leute und viel mehr Zeit gebraucht. Ich begnügte mich also damit, ein Stück von anderthalb Meter Länge von der freiliegenden Partie abzutrennen. Als ich es aus dem Wasser herausnahm, wunderte ich mich über sein Gewicht. Es war bearbeitet worden, das sprang in die Augen. Seine Kompaktheit war bemerkenswert; das Liegen im Wasser hatte seine Fasern nicht so sehr aufquellen lassen, wie man hätte annehmen müssen. War das die Wirkung des Teers? Ich machte eine erste Serie von Foto- und Filmaufnahmen, dann ging ich zum unteren Ende der Leiter zurück. Dort befestigte ich das Balkenstück am Seil und ließ es liegen, denn Rafael sollte die Freude haben, es heraufzuziehen. Das andere Ende des Seils in der Hand erklomm ich die Leiter. Wieder am Rand der Spalte, filmte ich meinen Sohn, wie er das älteste Wrackstück der Welt bis vor unsere Füße heraufzog ... Es war 7 Uhr morgens, am 6. Juli 1955.«
Im Jahr 1969 gab es noch eine letzte Expedition mit Navarra:
»Mithilfe eines am Bohrgestänge befestigten Jagdmessers gelang es Navarra, etwa ein Dutzend kleiner Holzfragmente zutage zu fördern. So fand die SEARCH-Expedition 1969 ihren erfolgreichen Abschluss.«
Arche-Experte Bill Crouse, der jahrelang regelmäßig einen »Ararat-Report« herausgegeben hat, befasste sich eingehend mit dem Fall Navarra und befragte in der Türkei beteiligte Personen persönlich. Er schrieb mir: »Als ich 1984 am Berg Ararat war, sprach ich mit einem Kurden, der ihm geholfen hat, alte Eisenbahn-Schwellen auf den Parrot-Gletscher zu tragen. Angeblich stammten sie von einer durch die Russen während des Ersten Weltkrieges gebauten Eisenbahnlinie.« Die Datierung anhand veralteter Techniken hält Crouse für fragwürdig. Eine C-14-Bestimmung sei zunächst nicht vorgenommen worden. Dies bestätigt auch das Buch von Balsiger und Sellier, wogegen Rafael Navarra in einer Fernsehsendung behauptet: »Untersuchungen nach der C-14-Methode haben ein Alter von 4900 Jahren ergeben«. Ist die Erinnerung verblasst oder durchschaut man selbst nicht mehr seine »Lügengeschichten«? Crouse jedenfalls unterstellt Navarra vorsätzlichen Betrug, den er zusammen mit seiner Frau inszeniert habe. Diese soll ihm dann auch geholfen haben, seine Geschichte in Büchern zu vermarkten. Die Navarras hätten Schulden gehabt und hier eine Chance gewittert. Rafael Navarra hält er für ein Opfer des Betrugs, da er damals von seinen Eltern nicht eingeweiht worden sei und die Funde immer noch für echt halte. Im Fernsehinterview sagt Rafael:
»Glauben Sie mir: Ich wünschte, dass dies das Holz der Arche wäre. Dann hätte man einen Beweis für die Wahrheit der Bibel. Darum geht es.«
Vater Navarra habe – so Bill Crouse – den amerikanischen Arche-Forschern unterschiedliche Versionen seiner Geschichte erzählt und gezielt versucht, die genaue Stelle seines Fundes zu verheimlichen.

Eine detaillierte Chronologie des Auffindens des Balkens durch Navarra und seinen Sohn im Jahr 1955 lässt zusätzliche Zweifel aufkommen, dass die erzählte Situation plausibel ist.
Eine Analyse seines Buches ergibt folgenden Ablauf:
1. Abstieg in die Gletscherspalte durch Fernand Navarra mit Entdeckung des Holzes, er fotografiert den Fund.
2. Schnee fällt, Vater und Sohn suchen Schutz in einer nahegelegenen Eisgrotte für 13 Stunden, danach liegen dreißig Zentimeter Neuschnee.
3. Fernand geht wieder hinunter und ist enttäuscht, statt der Arche findet er nur Schutt. Dieser Abstieg wird vom gegenüberliegenden Rand der Gletscherspalte gefilmt und fotografiert.
4. Navarra schlägt ein zwanzig Zentimeter tiefes Loch ins Eis und kann ein 1,5 Meter langes Stück Balken von einer Holzstruktur abtrennen.
5. Am Fundort im Innern der Gletscherspalte macht Navarra Film- und Fotoaufnahmen.
6. Er befestigt den Balken am Seil und nimmt das andere Ende mit hoch, damit Rafael den Balken heraufziehen kann.
7. Fernand filmt vom gegenüberliegenden Spaltenrand (im Gegensatz dazu gibt Rafael im Film an, er habe das gefilmt). Rafael zieht Balken hoch.
8. Fernand kommt mit dem Balken am Rand der Gletscherspalte entlang. Hier muss wieder Rafael gefilmt haben.
Auch wenn die Navarras mehrere Filmkameras und Fotoapparate dabei hatten, scheint es sehr unglaubwürdig, dass die beiden angesichts des spektakulären Fundes unter schwierigen Bedingungen auf etwa 4200 Metern nichts Besseres zu tun hatten, als jeweils die beste Einstellung auszusuchen, um die Bergung festzuhalten. Ging man bewusst das Risiko ein, lieber ausgiebig zu filmen, anstatt sich gegenseitig an der Gletscherspalte zu sichern? Im Interview erzählt Rafael Navarra, er habe sich gefragt: »Was, wenn er nun in die Gletscherspalte fällt und da unten bleibt, trotz seines Sohnes, der oben auf ihn wartet?«
Alles in allem wäre die Aktion geradezu irrsinnig fahrlässig gewesen – außer sie wurde in deutlich geringerer Höhe inszeniert. »Die Expedition, die vier Tage dauert, wird rasch zur Qual«, heißt es in der ZDF-Dokumentation, in der Navarras Interview gezeigt wird – trotzdem gelangen den Navarras eindrückliche Filmaufnahmen, die diese Strapazen festhielten. Das ist doch sehr merkwürdig.
Schon lange gab es nicht mehr so viele und auch kaum so spektakuläre Meldungen über die Suche nach der Arche Noah wie im Jahr 2010. Ein chinesisches Team mit der Bezeichnung »Noah's Ark Ministries International« (NAMI) veröffentlichte Fotos und Videos von einem sensationellen Fund auf dem Berg Ararat: War nun endlich der unwiderlegbare Beweis für die wörtliche Auslegung der biblischen Sintflutgeschichte gefunden?

»Arche Noah am Ararat gefunden«, schrieb die Bild-Zeitung am 27. April 2010, und auch die Welt, National Geographic und einige weitere Me-dien berichteten über den angeblichen Fund einer chinesisch-türkischen Forschergruppe in etwa 4000 Metern Höhe. Die Nachricht schien für alle bibelfesten Christen sensationell: Es gab ein Video, verschiedene Fotos aus dem »Inneren der Arche« sowie ein auf ein Alter von 4800 Jahren datiertes Stück Zypressenholz.
Bemerkenswert war die geringe Resonanz ausgerechnet in den christlichen Medien. Und dort, wo es sie gab, herrschte eher Skepsis – allerdings nicht nur dem Fund gegenüber, sondern der biblischen Überlieferung insgesamt: Das Schweizerische Katholische Bibelwerk lehnte die Sensationsmeldung als »ausgemachten Blödsinn« mit der Begründung ab, ein mythisches Schiff könne nicht gefunden werden.
In den Kreisen der Schöpfungsforschung rund um den Globus wurden schon bald Fragen gestellt und auch ich selbst beschäftigte mich eingehend mit den Zweifeln, die aufkamen:
Warum wurde die C-14-Datierung ausgerechnet im Iran vorgenommen?
Warum waren Filmemacher anstatt Wissenschaftler im Entdeckerteam?
Lassen die geologischen Bedingungen am Fundort – der übrigens vorerst geheim gehalten wurde – die jahrtausendelange Konservierung der Arche Noah zu?
Sind Stroh, Spinnweben und Spuren von Holzwürmern, die auf den Fotos zu erkennen sind, am Fundort denkbar?
Wurden die Fotos tatsächlich an der angegebenen Stelle aufgenommen?
Welche Motivation hatten die Teammitglieder?
Wegen dieser und weiterer Ungereimtheiten blieben die Stellungnahmen von Organisationen wie »Wort und Wissen«, »Answers in Genesis« oder »Associates for Biblical Research« skeptisch. Auch Noahs-arksearch.com listete neben der Webseite der christlichen Organisation »Noah’s Ark Ministries International Limited« (NAMI) aus Hong Kong entsprechende Fragen auf. Nicht zuletzt berichtete die Zeitschrift Factum – in Rücksprache mit mir – am 28. April differenziert über den Fall.
Schon bald kristallisierte sich heraus, dass vor allem ein Mann sehr starke Vorbehalte gegenüber dem Fund der chinesischen Gruppe hatte: Dr. Randall Price, Archäologe und Präsident der »World of the Bible Ministries«. Price selbst war (und ist auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt) in mehrere Arche-Expeditionen involviert und gehörte nach eigenen Angaben zeitweise auch zum NAMI-Team. Nun lag natürlich einerseits der Verdacht nahe, er könnte seinen Konkurrenten den Erfolg auf dem Ararat missgönnen. Andererseits geht er in seinem am 22. November 2010 veröffentlichten 33-seitigen »Special Report« ausführlich auf seine Beweggründe ein, bevor er zahlreiche Beweise gegen die »Made-in-China-Arche« vorlegt: »Die Wahrheit kann nicht von einer Lüge unterstützt werden« – wenn der Anspruch formuliert werde, man habe die Arche gefunden, müsse diese Behauptung wissenschaftlich überprüft werden können. Er wolle verhindern, dass die Öffentlichkeit durch immer wiederkehrende Falschmeldungen und Betrügereien künftige Funde zur Bestätigung der Bibel nicht mehr ernst nimmt. Nach dieser Klarstellung seiner Motivation präsentiert er dem Leser seines Reports die Geschichte der Arche-Entdeckung durch NAMI aus seiner Sicht.
Dreh- und Angelpunkt der Arche-Entdeckung sei demnach ein kurdischer Bergführer und Unternehmer mit dem Namen Ahmet Ertugrul, der unter dem Spitznamen »Parasut« bekannt ist. Dieser hatte wohl schon im Juli 2008 verkündet, die Arche Noah auf dem Berg Ararat gefunden zu haben. Damals war ein chinesisch-amerikanisches Team unter Beteiligung von Dr. Price bereits auf der Suche nach der Arche und stützte sich dabei auf Satellitenbilder und Augenzeugenberichte. Gegen ein Entgelt von 120.000 € versprach Parasut, den Forschern Fotos zu zeigen und sie anschließend zu seinem Fund zu führen. Bereits zum Betrachten dieser Bilder sollten die Forscher aber in die Türkei reisen und einen Vorschuss überweisen. Ein Verschicken der Bilder über das Internet sei Parasut zu unsicher, ließ er über eine Mitarbeiterin ausrichten.
Da Randall Price und sein amerikanischer Kollege, der Geologe Dr. Don Patton, die Bilder für wenig überzeugend hielten, brach Parasut den Kontakt zu ihnen ab und arbeitete fortan nur noch mit den chinesischen Team-Mitgliedern zusammen. Nach einigen vorgeblichen Schwierigkeiten gelangte das NAMI-Team unter Leitung von Parasut im Oktober 2009 zur Fundstelle und ging mit den Ergebnissen im April 2010 an die Öffentlichkeit.
Schon kurz nach Bekanntwerden des Fundes gelangten interne Äußerungen von Dr. Price an die Öffentlichkeit, in denen er Parasut unterstellte, die angebliche Arche in betrügerischer Absicht selbst im Gletschereis des Ararat installiert zu haben. Kurz darauf bestätigte er diesen Verdacht öffentlich und untermauerte ihn mit Belegen. Im November 2010 schließlich, nachdem er im Sommer selbst eine weitere Expedition auf den Ararat unternommen hatte, legte er den ausführlichen »Special Report« vor.
Gemäß eigenen Aussagen gelang es Price, im Ararat-Gebiet einige kurdische Arbeiter ausfindig zu machen, die Parasut bei der Durchführung seines Arche-Projekts geholfen haben wollen. Mit Lastwagen, Maultieren und schließlich zu Fuß hätten sie etliche Holzteile auf den Berg geschafft, um daraus zwischen Felsen und Gletschereis eine »Arche« zu erbauen. Im Glauben, dass es sich um die Kulisse für Filmaufnahmen handelte, waren die Arbeiter froh über diesen Auftrag. Erst nach der Bekanntgabe des Fundes seien einige der Arbeiter verblüfft gewesen, dass man die Stelle als Fundort der »richtigen Arche« ausgab.
Im Auftrag von Parasut und mehrerer Komplizen hätten 30 Arbeiter schon eineinhalb Jahre zuvor mit dem Bau der Arche begonnen. Für die Errichtung der Konstruktion seien Schnee und Gletschereis weggeschmolzen worden, damit es nach einigen Monaten den Anschein erwecken würde, das künstlich gealterte Holz befinde sich schon seit langer Zeit im Eis. Kurz vor der NAMI-Expedition wären demnach die letzten Feinheiten erledigt worden, zum Beispiel wurden Stroh und Getreide-samen am Fundort platziert. Allerdings sind wohl nicht alle Fotos, die später präsentiert wurden, auf der Expedition entstanden. Einige habe Randall Price schon 2008 gesehen und augenscheinlich wurden sie an anderer Stelle aufgenommen. Auch das analysierte Stück Holz stamme von anderswo.
Mithilfe eines kurdischen Arbeiters gelang es zwei Mitarbeitern von Randall Price, zur NAMI-Fundstelle zu gelangen. Die installierten Räume waren durch die Bewegung des Gletschers und durch Felsstürze inzwischen unzugänglich geworden. Don Patton fand jedoch ein Stück Holz, eindeutig ein auf alt getrimmtes modernes Brett – im Report sind Fotos davon zu sehen. Der »Fundort« soll sich an den Koordinaten 39.6876N, 44.2874E sowie 39.6877N, 44.2877E befinden.
NAMI hatte auf ihrer Internetseite schon im Frühjahr 2010 auf die Anschuldigungen von Randall Price reagiert. Sie behaupteten, es sei nicht möglich, so viel Baumaterial in große Höhen zu transportieren. Auch auf dieses Argument geht Price in seiner Schrift ein, indem er Bilder von einem Generator zeigt, den sein eigenes Team zum Gipfel transportiert hat und der »mehrere hundert Pfund wiegt«.
Im Dezember 2010 war allerdings auf der NAMI-Internetseite eine Stellungnahme zu den massiven Vorwürfen zu finden: Die von Price und Patton identifizierte Fundstelle sei falsch, der kurdische Arbeiter aufgrund seiner Anonymität unglaubwürdig. Die Motivation der Gegner wurde infrage gestellt und die Reputation von Patton angezweifelt. Darüber hinaus wurde auf die einzelnen Kritikpunkte und Fragestellungen nicht eingegangen. NAMI versprach, »in naher Zukunft weitere Informationen über die Entdeckung zu veröffentlichen«. Seither wurde jedoch nichts weiter unternommen, als DVDs zu produzieren, die im asiatischen Raum verkauft werden. Inzwischen kann der Film mit deutschen Untertiteln auf Youtube angeschaut werden. Ein neues Buch des dänischen Autors Henri Nisson beruft sich ebenfalls auf den zweifelhaften Fund. Auch in Deutschland wurde von einzelnen Personen die neue Sensation als Bestätigung der biblischen Glaubwürdigkeit eine Zeit lang in die Gemeinden getragen.
Es ist traurig und für das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Bibel äußerst schädlich, wenn sich wieder einmal eine vermeintliche Sensation als Falschmeldung herausstellt. Meine anfängliche Skepsis hat sich bestätigt und wohl kein Bibelwissenschaftler wird dem NAMI-Fund Glauben schenken können. Ich bedaure sehr, dass solche Fälschungen nicht nur viele Christen verwirren, sondern auch zu Todesopfern führen können, wie die Meldung des vermissten Briten Donald Mackenzie zeigte. Dieser 47-jährige Abenteurer hatte sich im Herbst 2010 im Alleingang zum Ararat aufgemacht, um die Arche zu finden – seither ist er verschollen. Der Aufwand an Zeit, Geld und persönlichem Einsatz ist also nach wie vor sehr hoch – zu hoch!
Eine berühmte Arche-Sucherin ist Donna D’Errico, Darstellerin in der Fernseh-Serie »Baywatch« und – zum christlichen Glauben bekehrtes – Playmate des Monats September 1995. Im Jahre 2012 erlebte sie auf dem Ararat einen Absturz, nachdem sie eine Fundposition des angeblichen Augenzeugen Ed Davis untersuchen wollte. Sie konnte ihre Aktion gut vermarkten, doch dies war weniger ein wissenschaftliches Unternehmen als ein – gefährliches – Abenteuer. Im August 2013 war sie noch einmal auf dem Berg, doch außer einer Erkältung und Verletzungen bei ihren Begleitern blieb die Suche ohne Ergebnis. In einem Facebook-Kommentar schrieb sie: »Der Widersacher möchte nicht, dass die Arche gefunden wird«.
In seinem Report über die China-Arche berichtete Randall Price auch über die Expedition seines eigenen Teams »Ark Search LCC« unter der Leitung von Dr. Richard Bright: Mittels Bodenradar-Untersuchungen habe man eine große, offensichtlich von Menschen gemachte Struktur identifiziert, bei der es sich um Holz handeln könnte. Der Fundort liege auf 5100 Metern Höhe. Inzwischen hatte das Team einen tiefen Schacht ins Eis gegraben und soll sich nur noch wenig über der vermeintlichen Struktur befunden haben. Price war Anfang 2013 optimistisch: »Im fünften Jahr wird die Expedition mit einer Erkundungsbohrung beginnen, um die genaue Tiefe zu bestimmen, in der die Konstruktion liegt, und um Bohrproben zu erhalten, die dann untersucht werden können, um das Alter der Konstruktion zu ermitteln. Darauf folgt eine neue 3-D-geophysikalische Untersuchung, um den genauen Ausgrabungsplatz festzulegen und ausgehend von den bisher gesammelten Daten die Konstruktion auf Bildern so genau wie möglich darzustellen.«

Wie Randall Price während eines Vortrages in Deutschland erzählte, konnten 2012 anhand von Daten, die über einen Spionagesatelliten gewonnen wurden, die genauen Stellen ermittelt werden, an denen die Forscher dann ins Eis gruben. Price zeigte Bilder von Holzsplittern, die einem Bohrkern entnommen wurden. Die Datierung eines der Splitter habe das 16. Jahrhundert n.Chr. ergeben. 2013 gab es wohl keine weiteren Ergebnisse. Der ausgehobene Schacht wurde nach dem langen Winter aufgefüllt vorgefunden. Ich halte Randall Price für einen ernsthaften Bibelwissenschaftler und schätze besonders seine biblisch fundierten Ausführungen über Israel. Doch per Handzeichnung weitergegebene Satelliteninformationen, in letzter Minute von Helfern aufgefundene Holzsplitter sowie sehr interpretationsbedürftige Radardaten lassen zumindest Raum für gewisse Zweifel an der Integrität aller Mitglieder des Forschungsteams und der Zuverlässigkeit der zugrunde liegenden Daten.
Randall Price jedenfalls hofft, dass das Auffinden der Arche ein wichtiger Hinweis sein könnte: »Heute ist diese ›Arche‹ Jesus Christus. Er ist der einzige Weg zur Erlösung und die einzige Möglichkeit, vor dem kommenden Gericht Gottes in Sicherheit gebracht zu werden.« Allerdings ist für mich fraglich, ob ein solcher Beweis für Skeptiker wirklich überzeugend wäre – heißt es doch in 2. Petrus 3,3 unter Hinweis auf das Ereignis der Sintflut (Vers 6), »dass in den letzten Tagen Spötter mit Spötterei kommen werden, die nach ihren eigenen Begierden wandeln«. Könnten die Menschen im Angesicht einer wahrhaften Arche aus dem Eis noch spotten? Vielleicht.
Die immer noch stattfindenden Expeditionen der letzten Jahre gehen auf die für diese Forscher nach wie vor überzeugenden Augenzeugenberichte zurück. Die Arche-Jäger sind tiefgläubige Christen mit zum Teil besten Motiven und hoher Opferbereitschaft. Und doch scheinen sie sich zu viel zu versprechen. Prominenz und Geld als günstige Voraussetzungen brachten auch den Mond-Astronauten James Irwin (1930–1991) mehrmals auf den Ararat. Er war ein gläubiger Christ und sein Buch »Höher als der Mond« ist auch auf Deutsch erschienen. Seine Mondlandung beschreibt er so:
»›Okay, Houston. Der Falke ist auf der Ebene beim Hadley.‹ Es war überwältigend aufregend, aber jetzt konnte ich es glauben. Dave und ich waren auf dem Mond. Wir blickten über ein schönes kleines Tal. Auf drei Seiten waren wir von hohen Bergen umgeben, und eineinhalb Kilometer im Westen lag die tiefe Schlucht der Hadley-Rille. Die großen Apenninen leuchteten goldbraun in der frühen Mondmorgensonne. Es war wie in einem kleinen Hochtal in den Bergen von Colorado, hoch über der Baumgrenze. Es war aufregend, einen Ort zu erforschen, wo noch nie ein Mensch gewesen war, aber eines war noch aufregender und packte mich im Innersten: Ich konnte hier Gottes Gegenwart spüren. Während der drei Tage, die wir den Mond erforschten, sah ich einige Male auf zur Erde – ein schwieriges Manöver in dem sperrigen Raumanzug –, und dieser schöne, warme, lebendige Planet sah so fein und zart aus, als würde er auseinanderbröckeln, wenn man ihn mit dem Finger berührte. Solch ein Anblick muss einen Menschen einfach ändern, muss ihm die Schöpfung und die Liebe Gottes groß machen.«
Irwin war mehrmals vergeblich auf dem Ararat und resümiert in einem anderen Buch:
»Der Grund unserer Expedition war, einen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz der Arche zu erbringen. Wir fanden keinen.«
»Wir haben nicht ein Bruchstück eines Beweises für die Arche gefunden, keine Spur davon. Worum ging es also überhaupt auf dieser Reise? Mit Sicherheit hatte Gott irgendetwas vor mit diesen vierzehn seiner eigenen Kinder, die so viel Zeit, Energie und Geld in dieses Abenteuer investiert hatten.«
Irwin hat also – so der Buchtitel – zumindest geistliche Lektionen gelernt. Erfreulich, aber im Hinblick auf seinen oben zitierten Anspruch letztlich unbefriedigend – und sehr gefährlich. Er wurde von einem abstürzenden Felsen getroffen und musste mit dem Hubschrauber gerettet werden. Vor der Heimreise verbrachte er fünf Tage im Krankenhaus von Erzurum in der Osttürkei.
Auf der deutschsprachigen Internetseite www.archa.ch und im Buch »Arche Noah – Die Geschichte der Entdeckung« des Pfarrers Paul Veraguth wird die auf den ersten Blick erstaunliche Entdeckung des umstrittenen Bibelforschers Ron Wyatt dokumentiert. Dessen These ist aber keines-wegs neu, sondern stammt aus dem Jahr 1977. Ron Wyatt selbst ist bereits 1999 verstorben. Andere haben seine scheinbar sensationellen – die englische Wikipedia spricht von »pseudoarchäologischen« – Funde wieder aufgegriffen. Zu diesen »Funden« gehören auch die Bundeslade und Blutstropfen von Jesus Christus.
Die Arche-Fundstelle Durupinar sieht zunächst – vor allem aus der Satellitenperspektive – beeindruckend aus: Ihre Form erinnert tatsächlich an ein Schiff. Die geologische Formation in der Osttürkei, 30 Kilometer vom Gipfel des Ararat entfernt, wurde nach dem türkischen Luftwaffenkapitän Ilhan Durupinar benannt, der die Stelle entdeckte, als er 1959 für die NATO die Gegend aus der Luft kartografierte.
Die »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« hat sich zu dieser Fundstelle schon 1993 mit einem Diskussionsbeitrag von Dr. John Morris geäußert, dem Leiter des »Institute for Creation Research« in Kalifornien:
»Die Struktur, die zwischen zwei Hügeln am Rand einer größeren Erhebung ausgebildet ist, entstand, als Erde und Schlamm von den benachbarten Hängen abrutschten; es entstand ein stromlinienförmiges Gebilde. Es sei abschließend gesagt, dass es eine rundum zufriedenstellende geologische Erklärung für diese Struktur gibt und keinerlei Hinweise von archäologischer Bedeutung.«

Nach meinen Informationen hat sich in den Jahren seither nichts ergeben, was dazu berechtigen würde, bei der dortigen Struktur ernsthaft von der Arche zu sprechen. Nichtsdestotrotz wurde in der Türkei an der Stelle ein Besucherzentrum gebaut und viele Christen halten an der Echtheit der »seltsamen bootsförmigen Gesteinsform im Ararat-Gebirge« fest.
Eine skurrile Entdeckung wurde seit dem Frühjahr 2012 auf der Seite www.biblecode-news.com vertreten: Ein Rentnerehepaar aus Siegen will unmittelbar am Fuße des Ararat Überreste der Arche entdeckt haben, die Koordinaten seien im Bibelcode gefunden worden. Bereits die Theorie eines »Bibelcodes« hat sich angesichts zahlreicher grammatikalisch (nicht inhaltlich) abweichender Textformen als unhaltbar erwiesen. Darüber hinaus ist es (rein mathematisch) sehr fragwürdig, wie man aus einem Bibelcode genaue Koordinaten herausbekommen kann. Die ermittelten Koordinaten scheinen sehr willkürlich zu sein und die gezeigte Struktur in Google Earth ist im Vergleich mit der näheren Umgebung nicht außergewöhnlich.
Es gibt einige weitere Kandidaten für den Landeplatz der Arche, die allerdings nie eine wesentliche Rolle in der Forschung spielten: Darunter der Omar Gudrun (der mit dem im Gilgamesch-Epos erwähnten Berg Nisir gleichgesetzt wird), der Süphan Dagh oder der Takht-e Suleiman im Iran, wo der amerikanische Amateurarchäologe Bob Cornuke die Arche vermutet hat. Auf die vielversprechendste Alternative zum Ararat kommen wir in Kapitel 17 ausführlich zu sprechen. Denn diese hat mich voll und ganz überzeugt.
Weiter zu Kapitel 9: »Die große Enttäuschung«