Im Folgenden ist das vollständige Manuskript eines Artikels von Prof. Friedrich Bender wiedergegeben, der gekürzt in der Zeitschrift Umschau, Ausgabe 1 von 1972, erschienen ist.
Bei den Unterlagen, die Sigrid Bender für mich bereitgelegt hat, befand sich das komplette Manuskript des folgenden Artikels.
Das Alter der nach der C-14-Methode untersuchten Holzreste[1] fällt mit 6635 ± 280 Jahren in den prä-sumerischen Zeitabschnitt, in dem nach archäologischen Befunden Teile Mesopotamiens überflutet waren. Die Fundstelle der Holzreste liegt in dem Gebiet, das im Gilgamesch-Epos und im Koran als »Landungsstelle eines Schiffes« bezeichnet ist, womit eine Begrenzung der Flut symbolisiert wurde. Aus zwingenden geologischen und geomorphologischen Gründen kann die Überflutung allenfalls dieses Gebiet, keinesfalls aber den 300 km weiter nördlich im Hochgebirge gelegenen Ararat erreicht haben. Aber selbst in der ersten Bergkette am Nordrand Mesopotamiens, nämlich am Cudi Dagh in der südöstlichen Türkei, ist die Höhenlage der Fundstelle mit 750 m über den Terrassenschottern der Ebene schwer erklärbar. Einige Beobachtungen deuten jedoch auf geologisch sehr junge tektonische Hebungsbewegungen im Gebiet des südlichen Taurus-Randes in der Südosttürkei.
Während nach dem Gilgamesch-Epos das Nordende der Überflutung Mesopotamiens zwischen dem Tigris und dem Zab-Fluß (am Berg Nisir) zu suchen ist, verlegt das Alte Testament (1. Mose 8,4) diesen Platz bekanntlich auf »das Gebirge Ararat«. Im Koran (XI. Sure, 44) wird der Berg Cudi (Cudi Dagh, Al-Judi) als Landeplatz der Arche Noah genannt. Dieser Cudi Dagh bildet ein Teilmassiv der südlichsten Taurus-Ketten in der Osttürkei zwischen Tigris und Zab und deckt sich damit mit dem im Gilgamesch erwähnten Gebiet. Aus geologischen und geomorphologischen Gründen ist die Nordbegrenzung einer nachgewiesenen prä-sumerischen Überflutung Mesopotamiens natürlich eher an den ersten, die Ebene im Norden überragenden Gebirgsketten zu suchen als auf dem über 300 km weiter nördlich gelegenen Ararat (5165 m). Trotzdem ist gerade der Ararat Ziel zahlreicher Expeditionen geworden, während das Gebiet zwischen Tigris und Zab in dieser Hinsicht bisher nicht näher untersucht wurde. Im Frühjahr 1953[2] konnte ich den Cudi Dagh in dem damals nur schwierig zu erreichenden Gebiet in der östlichen Türkei besteigen und dort asphaltverklebte Holzreste bergen. Anlass zu dieser Unternehmung waren vor allem die Nachrichten kurdischer Moslems, wonach der Cudi Dagh als Wallfahrtsort galt und wonach dort nach »Holzstücken der Arche Noah« gegraben werde, die als Reliquien von großem Wert seien. Die Begleitumstände bei dieser Besteigung des Cudi Dagh ließen detaillierte geologisch-quartärstratigrafische Geländeaufnahmen nicht zu. Für Durchführung der C-14-Altersbestimmung und ergänzende Erläuterungen möchte der Verfasser Herrn Dr. M.A. Geyh, Niedersächsisches Landesamt für Bodenforschung, besonders danken. Sein Dank gilt ferner Herrn Dr. L. Benda, ebenfalls NLfB, Hannover, für wichtige Hinweise zum Text.
Der Cudi Dagh stellt eine südvergente Antiklinale jurassisch-kretazischer Kalke dar, deren WNW-OSO streichende Achse für etwa 40 km Länge erkennbar ist. Die steile Südflanke wird von zwei, im Abstand von rund 1 km bis 2 km parallel verlaufenden Hauptstörungszonen begleitet, zwischen denen stark gestörte und verstellte mitteleozäne Kalke liegen (»Midyat-Kalke«). Im Störungskontakt südlich davon beginnen neogene Sedimente. Das Neogen des südlichen Taurus-Vorlandes wird im Gebiet östlich von Cizre nach Oberflächen-Aufschlüssen ausschließlich aus einer beige-hellbraun gefärbten terrestrisch-fluviatilen Wechselfolge von meist kalkigen Schluffen, Sanden, Kiesen und Konglomeraten aufgebaut. Analoge Sedimente in Südwestanatolien konnten anhand zahlreicher Vertebratenfunde in das Unterpliozän eingestuft werden. In Zentralanatolien treten lithofaziell gleich ausgebildete Schichten auch noch im höheren Pliozän auf. Die im Becken von Diyarbakir sowie im Gebiet von Cizre/Silopi/Gita auftretenden terrestrisch-fluviatilen Sedimente können deshalb, trotz zur Zeit noch ausstehender biostratigrafischer Befunde, ebenfalls dem Pliozän zugeordnet werden. Im Vorland des Cudi Dagh zwischen Tigris und Zab werden große Flächen dieser neogenen Sedimente von Hochterrassenschottern und terrassierten Schuttfächern abgedeckt. Sie überlagern winkeldiskordant das Neogen und sind ihrerseits tektonisch verstellt. Es lassen sich mindestens drei verschiedene Terrassenniveaus unterscheiden, die vom Gebirgsrand (um 1000 m NN) deutlich nach S hin (auf rund 500 m NN) abfallen. Ihre Altersstellungen sind im einzelnen ungeklärt. Westlich Cizre liegen vergleichbare Schotter zwischen quartären Basaltdecken. Morphologisch bildet der Cudi Dagh einen WSW-OSO streichenden Bergrücken von etwa 1800 m Höhe über NN, der nach Norden, Westen und Osten allmählich, nach Süden jedoch steil einfällt. Die terrassierte Ebene beginnt südlich der Störungszone in rund 1000 m NN und ist flach nach Süden geneigt. Sie erreicht am Tigris, rund 20 km südlich vom Fuß des Cudi Dagh, rund 500 m NN.
Die Fundstelle der untersuchten Holzreste liegt in einer Mulde am oberen Südhang des Cudi Dagh, rund 3000 m nordöstlich des Kurdendorfes Kericulya, in etwa 1700 m (Höhenangabe unsicher) über NN und damit rund 750 m über den höchsten Terrassenschottern. Die flache, nach Süden offene Mulde ist von dickgebankten bis massigen Kalken und dolomitischen Kalken der »Cudi Group« umgeben. Sie war am 6. April 1953[3] zum größten Teil schneebedeckt. Darunter fand sich ein nicht näher untersuchtes lehmig-feinsandiges Sediment, das in 0,80 bis 1,0 m Tiefe dunkelbraun und schwärzlich verfärbt war und bis erbsengroße, mürbe, zerfallene Holzreste enthielt. Die meisten dieser Holzstückchen waren von einer asphalt- oder teerartigen Substanz verkittet. Eine weitergehende Grabung und nähere Untersuchung ließen die kurdischen Begleiter nicht zu, von denen die Fundstelle als besonderes Heiligtum verehrt wurde.
Die Holzfragmente wurden nach gründlicher Auslösung des Asphaltes mit Tetrachlorkohlenstoff im C-14-Laboratorium des Niedersächsischen Landesamts für Bodenforschung, Hannover, nach der C-14-Methode datiert und ein Modellalter von 6635 ± 280 Jahren (vor 1950) ermittelt. Eine Zweitmessung, wobei alles vorhandene Material verbraucht wurde, bestätigte dieses Ergebnis. Als einzig mögliche Fehlerquelle kommt eine Kontamination mit unvollständig abgetrenntem Asphalt in Frage, dessen Alter sicher höher als 50.000 Jahre war. Dann kann die scheinbare Alterserhöhung maximal 400 Jahre betragen, falls der kohlenstoffhaltige Fremdanteil in der gereinigten Probe noch 5% betrug, was als unwahrscheinlich angesehen werden kann.
Sollte das untersuchte Holz durch eine Überflutung Mesopotamiens zur heutigen Fundstelle transportiert worden sein, so ist deren Höhenlage mit rund 750 m über den Terrassenschottern der Ebene schwer erklärlich. Einige Beobachtungen lassen jedoch auf geologisch sehr junge Hebungsbewegungen im Gebiet des südlichen Taurus-Randes in der Osttürkei schließen. So ist das Neogen mit Annäherung an das Taurus-Orogen örtlich zu einer fast saigeren (senkrechten) Stellung aufgerichtet. In den epirogenen Aufstieg (großräumige Hebung) wurden auch noch wesentlich jüngere Schichten mit einbezogen, wie z.B. im Vorland des Cudi Dagh, wo pleistozäne Sedimente unter jüngere Alluvionen (Anschwemmungen) abtauchen (mündl. Mitt. U. Staesche). Hinweise auf den erheblichen Aufstieg des Taurus in diesem Gebiet sind auch aus den Beobachtungen Bobeks zu entnehmen, der für die Heraushebung seit dem älteren Pliozän im Gebiet des Bitlis Cay Werte bis zu 1500 m angibt. Geologisch junge Aufstiegsbewegungen können sich an den Hauptstörungszonen am Südrand des Cudi Dagh abgespielt haben.
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