»Die Dinosaurier werden immer trauriger, die armen Saurier […] dürfen nicht an Bord. […] Mein Gott, was mach ich bloß? rief Noah und fuhr los, die Biester sind für meinen Kutter leider viel zu groß.« – So lauten einige Liedzeilen aus dem Schlager »Die Dinosaurier« des deutschen Musikers Lonzo Westphal. 1980 wurde das lustig gemeinte Liedchen mit dem eingängigen Refrain zum großen Hit. Aber war es wirklich so? Waren die Saurier nicht an Bord der Arche? Sind sie lange zuvor ausgestorben? Oder sogar durch die Sintflut?
Schon unsere Kinder werden aufgeklärt: »Ein Blick auf den Zeitstrahl des Lebens verrät, dass die Riesenechsen schon seit über 60 Millionen Jahren ausgestorben waren, als unsere Vorfahren den aufrechten Gang lernten.«[1] Merkwürdig: Feuerdrache und Tyrannosaurus sehen sich ähnlich, wenn sie im Kinderzimmer nebeneinander stehen. Ist es Zufall, dass es offensichtlich eine gewisse Verwandtschaft zwischen Drache und Dinosaurier gibt? Sind Drachen der Fantasie unserer Vorfahren entsprungen, sind sie reine Sagengestalten oder waren sie eigentlich Dinosaurier?
Carl Sagan ist vielen bekannt durch sein Buch »Contact«, das mit Jodie Foster als Hauptdarstellerin verfilmt wurde. Er war Berater einer Raumfahrt-Mission für die NASA und Mitgründer des SETI-Projekts. Die Suche nach außerirdischer Intelligenz (SETI steht für »Search für Extraterrestrial Intelligence«) wird auch in »Contact« thematisiert. Ein anderer kluger Kopf, Isaac Asimov, sagte laut Wikipedia über ihn, »dass er nur zwei Menschen getroffen habe, die er für klüger hielt als sich selbst. Carl Sagan sei einer dieser Menschen gewesen«. Carl Sagan (1934–1996) war überzeugter Evolutionist. In seinem Buch »Die Drachen von Eden« stellt er fest: »Dass es in so vielen Kulturen Drachenmythen gibt, ist vermutlich kein Zufall.«[2] Bevor wir uns die verblüffende Erklärung Sagans für dieses Phänomen ansehen, wollen wir einen Blick in die Bibel und die Geschichte werfen, um den »schrecklichen Echsen« (griechisch: »deinos« = schrecklich; »sauros« = Echse; daher der Name »Dinosaurier«) auf die Spur zu kommen.
Das Suchwort »Drache« findet sich im Alten Testament der aktuellen Lutherübersetzung zwölf Mal. In der ursprünglichen Ausgabe von 1545 sind es 23 Treffer, in der Elberfelder Bibel dagegen nur zwei. Oft wird der Drache – wie z.B. in der Offenbarung – als Metapher für das Böse verwendet, so auch in Jeremia 51,34: »Nebukadnezar, der König von Babel, […] hat mich verschlungen wie ein Drache.« Wenige Zeilen nach diesem Vers folgt bei genauerem Betrachten eine Überraschung: In Jeremia 51,37 steht im ursprünglichen Luthertext »Drachenwohnung«. In den heutigen Lutherausgaben ist dort aber von einer »Wohnung der Schakale« die Rede. Die Übersetzung aus dem Grundtext ist hier nicht immer eindeutig und der Autor Darek Isaacs vermutet, dass die Übersetzer neuerer Ausgaben an jenen Stellen das Wort »Drache« durch »Schakal« ersetzten, wo es der Bibeltext offensichtlich keinesfalls als Metapher verwendet, sondern ein echtes Wesen meint.[3]
Der vollständige Vers lautet also in einer Lutherbibel von 1841 noch: »Und Babel soll zum Steinhaufen und zur Drachenwohnung werden, zum Wunder und zum Anpfeifen, dass niemand darinnen wohne.« Die Elberfelder Übersetzung liest sich so: »Und Babel soll zum Steinhaufen, zur Wohnung der Schakale, zum Entsetzen und zum Gezisch werden, ohne Bewohner« (Jeremia 51,37). Vielleicht will der Grundtext eindrücklich schildern, wie urzeitliche Reptilien die zerstörte Stadt Babylon beherrschen: »Babel wurde zu einer Ruine, zu einer Behausung von Drachen, die mit ihrem Gezisch Entsetzen verbreiten und alle Menschen vertrieben haben.« Es gibt einige Stellen, in denen durchaus Drachen als wirkliche Wesen gemeint sein könnten, zum Beispiel: »Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten« (Psalm 91,13). In Jesaja 30,6 ist gar von »feurigen fliegenden Drachen« die Rede. Auf eine andere spannende Begebenheit treffen wir in Ägypten: Der Stab Mose verwandelt sich am Dornbusch in eine »Schlange« (2. Mose 4,3). Bei der Auseinandersetzung mit dem Pharao heißt es wieder: »Und Aaron warf seinen Stab hin vor dem Pharao und vor seinen Großen und er ward zur Schlange« (2. Mose 7,10). Allerdings verwendet hier der hebräische Grundtext ein anderes Wort: »Drache«.
Angsteinflößende Tiere werden auch im Buch Hiob beschrieben: Behemot und Leviathan. Nach den kulturellen Gegebenheiten zu urteilen wird die im Buch Hiob beschriebene Welt meist in die Zeit der Erzväter eingeordnet. Das Wort »Behemot« kommt in der Bibel eigentlich öfter vor. Es ist die Mehrzahl von »Tier« oder »Vieh«. In Hiob 40,15 wird das Wort allerdings als »Intensivplural« verwendet, der die Besonderheit und Größe eines einzigen Tieres hervorhebt. Wörtlich bedeutet »Behemot« daher »gewaltiges Tier« oder »das (ultimative) Tier«. Es wird in den dann folgenden Versen sehr genau beschrieben und manches deutet darauf hin, dass es sich nicht um ein Nilpferd – wie in den meisten Übersetzungen angegeben – handeln kann: Zwar wird der Behemot als Pflanzenfresser beschrieben, doch seine Kraft und Stärke sind immens. »Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder« (Hiob 40,17 Lutherübersetzung) – ein Hauptargument gegen das Nilpferd –, er scheint groß und kräftig gebaut und wenn er in den Sümpfen liegt, können ihm weder Wassermassen noch Feinde irgendetwas anhaben. Es hat Vermutungen gegeben, dass es sich hier um einen Saurier handeln könnte, vielleicht um ein Iguanodon.[4] Da Behemot als »das erste der Werke Gottes« (Hiob 40,19 Lutherübersetzung) bezeichnet wird, könnte er aber auch einer der ganz großen Saurier gewesen sein, ein Brachiosaurus oder Diplodocus. In den weiteren Versen (Hiob 40,25–41,26) folgt eine ausführliche Beschreibung des Leviathan, der noch weitaus gefährlicher zu sein scheint. Er ist unbezwingbar, mächtig gepanzert und hat bedrohliche Zähne. Das Erstaunliche: Er kann Feuer speien. »Sein Niesen strahlt Licht aus, und seine Augen sind wie die Wimpern der Morgenröte. Aus seinem Rachen schießen Fackeln, sprühen feurige Funken hervor. Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie aus einem angefachten und glühenden Kochtopf. Sein Atem entzündet Kohlen, und eine Flamme fährt aus seinem Rachen.« (Hiob 41,10-13) – der Leviathan erscheint hier wie eine Kreuzung aus Tyrannosaurus Rex und einer mittelalterlichen Drachengestalt. Fred Hartmann stellte die Vermutung auf, dass Parasaurolophus mit dem Leviathan gleichzusetzen sein könnte, denn dieser Saurier besitzt einen Knochenkamm mit unbekannter Funktion – konnte er mit diesem Organ ein explosives Chemiegemisch herstellen, das er ähnlich wie der Bombardierkäfer auf einen Gegner schleuderte?[5] Handelt es sich bei Behemot und Leviathan wirklich um Sagengestalten? Oder hat es sie tatsächlich gegeben? Gott selber spricht von ihnen in seiner sogenannten »Zweiten Rede aus dem Wettersturm«. Anhand dieser Tiere führt er Hiob die Größe und Gewalt seiner Schöpfung vor Augen. Würde er das durch einen Vergleich mit erfundenen Geschöpfen tun? Nein. Diesen Tieren muss Hiob leibhaftig begegnet sein, sonst wäre jeder Vergleich nutzlos. Diese Tiere muss es zu Hiobs Zeit gegeben haben und sie waren etwas anderes als Nilpferde und Krokodile.
Noch einmal zurück nach Babylon: Die im Berliner Pergamonmuseum ausgestellten Gebäude aus Babylon zeigen Darstellungen von Löwen, Auerochsen und – Drachen. Löwen hat es in Babylon mit Sicherheit gegeben: Wir kennen die Geschichte von Daniel in der Löwengrube und auch in Vers 38 des erwähnten 51. Jeremiakapitels werden Löwen erwähnt. Der deutsche Archäologe Robert Koldewey, der 1902 das Ischtar-Tor entdeckte, zog in Erwägung, dass der Drache die Darstellung eines echten Tieres war. Über mehrere Jahrhunderte seien diese Abbildungen in der babylonischen Kunst konsistent geblieben, während mythologische Wesen sich teilweise drastisch gewandelt hätten. Außerdem legte die Darstellung neben wirklichen Tieren wie dem Löwen und dem Auerochsen für ihn nahe, dass der Drache eine Kreatur war, die die Babylonier tatsächlich kannten. Noch 1918 betrachtete er den Dinosaurier Iguanodon als mögliches Gegenstück aus der Urzeitforschung.[6] Hat es also zu biblischen Zeiten, um 600 v.Chr., in Babylon noch Drachen gegeben? Waren diese tatsächlich Dinosaurier?
Auf einem babylonischen Siegelabdruck sind Wesen dargestellt, die in der Wissenschaft als »Schlangenlöwen« bezeichnet werden. Sie erinnern allerdings stark an langhalsige Sauropoden wie den Diplodocus.
In den apokryphen »Stücken zu Daniel« gibt es einen weiteren Hinweis: »Es gab da auch einen großen Drachen, den die Babylonier wie einen Gott verehrten. Und der König sagte zu Daniel: Wie? Willst du von dem auch behaupten, dass er nichts als ein eherner Götze ist? Siehe, er lebt ja, denn er isst und trinkt, und du kannst nicht behaupten, dass er kein lebendiger Gott ist. Darum bete ihn an! Aber Daniel antwortete: Ich will den Herrn, meinen Gott, anbeten; denn er ist der lebendige Gott. Du aber, mein König, erlaube es mir, dann will ich diesen Drachen umbringen ohne Schwert und Spieß. Und der König sagte: Ja, es sei dir erlaubt. Da nahm Daniel Pech, Fett und Haare und kochte es zusammen, machte Fladen daraus und warf sie dem Drachen ins Maul; und der Drache barst davon mitten entzwei. Und Daniel sagte: Seht, das sind eure Götter!« (Stücke zu Daniel 2,22–26).[7]
Übrigens eigneten sich die babylonischen Drachen nach zeitgenössischen Beschreibungen gut als Torwächter, da sie Feinde mit tödlichem Gift bespritzen konnten. Vielleicht gehörten »schreckliche Echsen« ebenso zu den Kreaturen, die man in Babylon gehalten hat, wie Löwen und Auerochsen. Haben die Drachen, die auf der Prozessionsstraße dargestellt und im apokryphen Danielbuch erwähnt werden, nach der Zerstörung Babylons die Oberhand gewonnen? Die Ruinen Babylons könnten so tatsächlich zum Drachennest geworden sein und kein Mensch konnte sich mehr dorthin wagen. Das alles bleibt spekulativ, aber ist es nicht zu dogmatisch, ein solches Szenario auszuschließen, nur weil nach evolutionistischer Weltsicht Dinosaurier ausgestorben sind, Jahrmillionen bevor der Mensch die Bühne der Geschichte betreten haben soll?
Nessie ist sicherlich das bekannteste Beispiel dafür, dass manche Menschen vermuten, Dinosaurier könnten bis in die heutige Zeit hinein überlebt haben. Das Gegenargument auch hier: »Loch Ness entstand im Zuge der jüngsten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren. Wäre Nessie ein Plesiosaurier, hätte das Tier demzufolge rund 65,488 Millionen Jahre ausharren müssen, bevor es im See abtauchen konnte.«[8] Manche Forscher, die sich mit mysteriösen Lebensformen befassen (sogenannte Kryptozoologen), vermuten in den Tiefen des afrikanischen Dschungels ein Wesen namens »Mokele Mbembe«. In der Sprache der Eingeborenen bedeutet dies: »Der den Lauf des Flusses stoppt«. »Wenn den Einheimischen Bilder von [rekonstruierten] lebenden prähistorischen Tieren gezeigt wurden, haben sie den Sauropoden als den Mokele-mbembe identifiziert.«[9] Skulpturen, Darstellungen und Legenden von Drachen und dinosaurierähnlichen Wesen kommen in den Kulturen aller Kontinente vor. Interessanterweise umfasst der chinesische Tierkreiskalender zwölf Tiere, von denen elf unbestritten wirklich existieren. Sollte mit dem Drachen als Ausnahme gerade ein Wesen darunter sein, das der Mensch frei erfunden hat? Der Fachausdruck für Dinosaurier in chinesischer Sprache ist »Kong Long«, »Schrecklicher Drache«.[10]
Es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass es heute noch Dinosaurier gibt, aber auch nicht ausgeschlossen. Wenn wir die biblische Chronologie heranziehen, die offensichtlich keine Jahrmillionen kennt und von Anfang an die Existenz von Menschen voraussetzt, so scheint es jedenfalls denkbar, dass sich Menschen und Dinosaurier – Drachen – in der Vergangenheit wahrhaftig begegnet sind. Diese Vorstellung ist möglicherweise überzeugender als die Erklärung eines Carl Sagan, der erkannt hat, dass die Ähnlichkeit zwischen Drachen und Dinosauriern kein Zufall sein kann. Er schreibt: »Ist es möglich, dass die Reptilien[11] für unsere frühmenschlichen Vorfahren vor etlichen Millionen Jahren ein großes Problem waren und dass der Schrecken, den sie erregten, und die Todesfälle, die sie verursachten, mit zur Evolution der menschlichen Intelligenz beitrugen?«[12] Sagan mutmaßt weiter: »Wir stammen sowohl von Reptilien als auch von Säugetieren ab. […] im nächtlichen Treiben der Traumdrachen spielt vielleicht jeder von uns noch einmal den hundert Millionen Jahre alten Krieg zwischen Reptilien und Säugetieren nach.«[13] Seine Erklärung ist, dass traumatische Erlebnisse unserer Vorfahren (die allerdings nach heutiger Lehrmeinung zu jener Zeit noch nagetierähnliche Vorprimaten gewesen sein sollen – Primaten sollen erst vor ca. 55 Millionen Jahren entstanden sein) unsere Angst vor Ungeheuern und die Vorstellung von Drachen in allen Kulturen verursacht haben: »Man kann die Reptilien[14] zischeln und rascheln hören, und die Dinosaurier toben noch immer.«[15] Diese Folgerungen hören sich recht abenteuerlich an und Darek Isaacs kommentiert trocken: »Die Erinnerungen, die genetisch vererbt worden sind, müssen logischerweise von den Kreaturen stammen, die nicht von den Dinosauriern umgebracht worden sind. Denn die getöteten Opfer hatten überhaupt keine Gelegenheit mehr, Nachwuchs zu bekommen, dem sie ihr dramatisches Erlebnis hätten vererben können.«[16] Nach biblischem Weltbild ist die Interpretation einfacher und einleuchtender: Wenn Gott die Menschen am sechsten Schöpfungstag erschaffen hat, dann können sie sich selbstverständlich an alle Wesen erinnern, die sonst noch existiert haben. Und weil Noah »von allen kriechenden Tieren des Erdbodens« (1. Mose 6,20) ein Paar mit an Bord der Arche nahm, haben die Saurier sicherlich auch die Sintflut überlebt, um später Hiob und den Augenzeugen der Geschichte zu begegnen.
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