Das Rätsel der Arche Noah

Anhang 1: Die Suche nach Eden

aus dem Anhang der Originalausgabe von 2014

»Und Gott, der Herr, pflanzte einen Garten in Eden im Osten, und er setzte dorthin den Menschen, den er gebildet hatte« (1. Mose 2,8). Mit Adam und Eva begann nach der Bibel die Geschichte der Menschheit. Das Menschenpaar lebte sprichwörtlich im Paradies und genoss die Freiheit und Fülle des Lebens. Doch Gott hatte keine Marionetten erschaffen: Mit einem freien Willen ausgestattet, hatte – und hat! – der Mensch die Möglichkeit, sich gegen die Anweisungen seines Schöpfers zu entscheiden. So aßen Adam und Eva vom verbotenen »Baum der Erkenntnis« und wurden zur Strafe aus dem Garten Eden vertrieben und zu Arbeit und Schmerzen verurteilt – und zur Vergänglichkeit. Der Weg zurück nach Eden war von nun an versperrt: »Nachdem er sie aus dem Garten vertrieben hatte, stellte Gott, der Herr, Cherubim auf, die mit einem flammenden, blitzenden Schwert den Weg zum Baum des Lebens bewachen« (1. Mose 3,24). Ohne den Zugang zum »Baum des Lebens« starb Adam, allerdings erst im Alter von 930 Jahren. Wo lag der Garten Eden? Der ernsthaften Suche steht meist die Ansicht im Wege, die Schöpfungsgeschichte sei nur ein Mythos, eine fromme Legende. Die Genesis möchte aber offensichtlich nicht als Mythos verstanden werden, sondern als tatsächlich geschehene Geschichte. Jesus, der den Anspruch erhebt, selbst die Wahrheit zu sein (Johannes 14,6), bezieht sich wiederholt auf die biblische Urgeschichte und erweckt mit keiner Aussage den Anschein, hier ginge es um erfundene Geschichten. Schließlich beglaubigt er die Bücher Mose mit den Worten: »Denn wenn ihr Mose glaubtet, so würdet ihr mir glauben, denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?« (Johannes 5,46-47). Adam war nach biblischem Verständnis eine Person und kein Symbol für irgendeinen Frühmenschen, die Menschheit im Allgemeinen oder – wie Sigmund Freud es sah – eine »Massenfantasie von der Kindheit des Einzelnen«.[1]

Paulus beschreibt Adam als Gegenstück zu Jesus Christus: »Durch die Sünde des einen Menschen gerieten wir unter die Herrschaft des Todes, doch durch den anderen Menschen, Jesus Christus, werden alle, die Gottes Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit annehmen, über Sünde und Tod siegen und leben!« (Römer 5,17). Adam und Jesus werden einander gegenübergestellt. Adam brachte Sünde und Tod in die Welt; Jesus Gnade, Erlösung und ewiges Leben. Wenn der eine – Jesus – wirklich gelebt hat, muss auch der andere – Adam – eine real existierende Person gewesen sein. Auf die weitreichende Bedeutung der Ausführungen des Apostels im Römerbrief kommen wir weiter hinten in diesem Abschnitt noch einmal zurück – direkt im Anschluss an den Versuch, das biblische Eden zu lokalisieren. Ist die Urgeschichte der Bibel in 1. Mose 1 in geografischer Hinsicht noch universal angelegt, wird sie in der Beschreibung Edens in Kapitel 2 und 3 erstaunlich konkret: »Und Gott, der Herr, pflanzte einen Garten in Eden im Osten, und er setzte dorthin den Menschen, den er gebildet hatte« (1. Mose 2,8). Weitere geografische Angaben folgen: die vier Flüsse mit den Namen Pischon, Gihon, Tigris (hebr. »Hiddekel«) und Euphrat, die Länder Hawila, Kusch und Assyrien (bzw. Assur).

Auf diesen Angaben beruhen die zahlreichen Überlegungen zur Lokalisierung des Gartens Eden. Der heutige Irak, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, in dem einst auch das Weltreich der Assyrer lag und dem die erste Hochkultur der Menschheit entsprang, ist natürlich ein naheliegendes Zielgebiet. Schon der Reformator Johannes Calvin und in neuerer Zeit der berühmte Assyrologe Friedrich Delitzsch haben diese Gegend als das ursprüngliche Eden favorisiert. Das in Amos 1,5 erwähnte Bet-Eden (»Haus Eden«) ist vermutlich identisch mit dem aramäischen Kleinstaat Bit-Adini, der am Oberlauf des Euphrat in der Gegend von Harran in der heutigen Türkei gelegen hat.[2] In sumerischen Texten wird ein Ort namens Dilmun erwähnt, der gewisse Ähnlichkeiten mit dem biblischen Garten Eden aufweist. Es wird vermutet, dass damit die Insel Bahrain gemeint war.[3]

Die plausibelste Erklärung für die geografische Lokalisierung des Gartens Eden aus archäologischer Sicht bietet der Ägyptologe David Rohl. Auf ihn wurde vor einigen Jahren sogar der Spiegel aufmerksam, obwohl sein entsprechendes Buch »Legend – The Genesis of Civilisation« gar nicht auf Deutsch erschienen ist: »Seit Langem prüfen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, ob die Geschichte aus der Bibel einen historischen Kern hat – jetzt scheinen Archäologen fündig geworden zu sein.«[4] Rohl hat Ortsbezeichnungen der Bibel im Norden des Iran entdeckt und seine Theorie besagt, Eden müsse in der westiranischen Provinz Aserbaidschan – nicht zu verwechseln mit dem angrenzenden Staat Aserbaidschan – sowie dem Gebiet Kurdistan liegen. Der sehr große »Garten« ist nach dieser Theorie das Tal um die Stadt Täbris, zwischen dem Urmia-See und dem Kaspischen Meer gelegen. Der Euphrat ist der modernen Welt bekannt. Mit einer Länge von 2736 Kilometern ist er der längste Strom Vorderasiens. Daher hielt es Mose auch nicht für nötig, eine nähere geografische Beschreibung hinzuzufügen, wie er es bei den drei anderen Flüssen tat. Der Euphrat entspringt im Südosten der Türkei und fließt durch das türkische Bergland, danach durch Syrien und den Irak. Er vereinigt sich schließlich mit dem Tigris zum Schatt al-Arab, der nach 193 Kilometern in den Persischen Golf mündet. Auch der Tigris, der »östlich von Assyrien« fließt, ist bekannt. Er ist 1899 Kilometer lang, entspringt im Zagros-Gebirge im Süden der heutigen Türkei, fließt an der Grenze zu Syrien entlang und danach ebenfalls durch den Irak. Nach Euphrat und Tigris ist das »Zweistromland« benannt, in dem sich die ersten Hochkulturen bildeten. Der an zweiter Stelle im biblischen Bericht erwähnte Strom, Gihon, ist heute unbekannt. Eine Suche auf der Landkarte endet ohne Ergebnis. Und doch – der Gihon ist nicht ganz verschollen: Der Fluss Araks war in frühislamischer Zeit als Gaihun bekannt und fließt ins Kaspische Meer. In alten Karten werden die beiden Bezeichnungen noch gleichgesetzt. Nun fehlt noch der erste Strom: Pischon, der um das Land Hawila fließt. David Rohl glaubt, dass der Qezel Uzun gemeint ist. Er entspringt östlich des Urmia-Sees und mündet schon nach wenigen Kilometern ins Kaspische Meer. Interessant an dieser Interpretation ist, dass die Flüsse nun der Größe nach geordnet sind, der erste Strom ist der kleinste, der vierte – der Euphrat – der größte. Der Bibeltext bereitet aber noch ein weiteres Problem: Von Eden soll ein Strom ausgegangen sein, der sich in »vier Arme« teilte. Auch hier fand Rohl eine Erklärung: Dieser Hauptstrom könnte der Meidan Chay sein, der durch die Stadt Täbris in den Urmia-See fließt. Das Wort im hebräischen Grundtext bedeutet »Quellort« oder »Kopf«, nach damaligem Verständnis könnte der Urmia-See als Quellbecken der vier Paradiesflüsse verstanden worden sein. Das Motiv von zwei oder vier Strömen als Quellorte einer Gottheit findet sich bei verschiedenen frühen Völkern in Vorderasien. Täbris ist die Hauptstadt der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan und ein wichtiges kulturelles Zentrum. Südlich der Stadt liegt der Vulkan Sahand mit 4000 Metern Höhe. Diesen bringt Rohl mit dem Berg Gottes in Verbindung, der laut Hesekiel 28,12-16 im Garten Eden existiert haben muss.

So weit, so gut. Doch kehren wir noch einmal zurück zu Paulus. Ein bekannter Satz aus dem Römerbrief lautet: »Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn« (Römer 6,23). Dies betrifft nicht nur die Menschheit, sondern seit dem Sündenfall auch die Tier- und Pflanzenwelt: »Alles auf Erden wurde der Vergänglichkeit unterworfen […] Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt, wie unter den Schmerzen einer Geburt« (Römer 8,20a.22). Vor dem Sündenfall war die Schöpfung dagegen vollkommen, »sehr gut« (1. Mose 1,31). Es gab keinen Tod. Aus diesen Bibelstellen ergibt sich, dass vor dem Sündenfall keine Tiere gestorben sein können – in der Konsequenz bedeutet dies, dass alle Fossilien erst nach dem Sündenfall entstanden sind! Aus geologischer Sicht betrifft dies alle Gesteinsschichten, die auf ein radiometrisches Alter von bis zu 540 Millionen Jahren datiert werden. Auch die meisten Gebirge bestehen aus solchen Gesteinen.

Oft sprechen Christen davon, wie schön Gott die Natur, die Landschaft, die Berge erschaffen habe. Genau genommen hat er nach diesen Überlegungen die Berge gar nicht so erschaffen, wie wir sie heute sehen – sie sind im Laufe der Erdgeschichte in ihre heutige Form gekommen. Wenn wir die Bibel ernst nehmen, ist diese Zeit fast genau mit einer Menschheitsgeschichte von wenigen Tausend Jahren gleichzusetzen – abzüglich der Zeitspanne zwischen Schöpfung und Sündenfall. In 1. Mose 7,19.23 lesen wir, dass die Sintflut globale und katastrophale Auswirkungen gehabt hat und somit auch einen gewissen – wahrscheinlich erheblichen – Teil der geologischen Prozesse verursacht haben muss. Vermutlich ist dadurch die vorsintflutliche Welt weitgehend ausgelöscht worden. Die Suche nach Eden endet daher letztlich im Nirgendwo und lässt unbequeme Fragen zurück: Wie kommt es, dass die Bibel uns vertraute geografische Angaben mitteilt, diese aber wohl für eine ganz andere – die vorsintflutliche Welt – gelten müssen? Es kann zwar vermutet werden, dass die Überlebenden der Flut die geografischen Angaben einfach auf die Welt nach der Flut übertragen haben, »ähnlich der Namensgebung bei der Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer«.[5] Allerdings ist uns beispielsweise der Namensgeber Assyriens erst aus nachsintflutlicher Zeit bekannt: Assur war einer der Söhne Sems, also ein Enkel Noahs. Ob es zuvor einen Namensvetter gegeben hat, nach dem die Gegend am vorsintflutlichen Tigris benannt wurde, bleibt im Dunkeln. Sehr wahrscheinlich ist der Garten Eden von einer dicken Gesteinsschicht überdeckt oder wurde sogar von den geologischen Katastrophen weggewaschen. Was die Cherubim zu Beginn übernommen haben, ließ Gott später ganz und gar geschehen: Der Garten Eden – das Paradies – ist auf der Erde nicht mehr erreichbar und noch nicht einmal mehr lokalisierbar. Einen Zustand, der mit Eden vergleichbar ist, wird es erst im ewigen Leben geben. Der Weg dorthin führt über Jesus. Im Reich Gottes wird einst der Endpunkt unserer Suche nach Eden sein. So haben wir also vorläufig Eden nicht gefunden, doch wir lesen in Offenbarung 21,1: »Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr«. Die vollkommene Schöpfung, wie sie einst war, wird am Ende der Zeit wiederhergestellt werden.

So eindrucksvoll Berge unsere Landschaft prägen – sie sind Zeugen großer Katastrophen einer gefallenen Schöpfung.


  1. Zitiert im »Spiegel« 23/2006, S. 158.
  2. Helmut Burkhardt et al.: »Das große Bibellexikon«, Band 1, S. 290.
  3. Siehe z.B. »Die artesischen Quellen von Dilmun« in Spektrum der Wissenschaft, Juni 2008, S. 62ff.
  4. »Spiegel« 23/2006, S. 3.
  5. Martin Obenland: »Archäologie und Urgeschichte der Genesis«, S. 140.

 

 

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