Das Rätsel der Arche Noah

Kapitel 27: Christentum und Islam

aus Teil 6 (»Rekonstruktion der Ereignisse«) der Originalausgabe von 2014

Auf die Ereignisse zwischen dem 4. und 8. nachchristlichen Jahrhundert bin ich bereits in Kapitel 15 eingegangen: Etwa 330 n.Chr. hat der Heilige Jakob, Bischof von Nisibis, zusammen mit Schallita, dem Apostel von Gordyene, eine Kirche zur Ehre der Arche Noah auf dem Berg Cudi gebaut. Später wurde diese wohl zu einem nestorianischen Kloster erweitert, das im Jahr 776 den Flammen zum Opfer gefallen ist.

Die mutmaßliche Zerstörung der letzten sichtbaren Überreste der Arche gemeinsam mit dem Kloster wird wohl – zusammen mit den politischen Gegebenheiten – dazu geführt haben, dass der Cudi als Arche-Noah-Berg langsam in Vergessenheit geraten ist.

Vermutlich schon seit dem vierten Jahrhundert könnten sich die geistlichen Führer einen neuen Arche-Berg »gesucht« haben, da in dieser Zeit die südlichen Gebiete Armeniens, die Gordyene, zum umkämpften Grenzgebiet wurden. Später drängten die Araber die Armenier weiter nach Norden zurück, als sie 640 nach Armenien vordrangen und im Oktober die Hauptstadt Dvin erstürmten. Der möglicherweise schon zu vorchristlicher Zeit heilige »Masis« wurde dann als »Ararat« der Bibel identifiziert, was wohl auch sehr nachvollziehbar begründet werden konnte: Er war deutlich höher als der traditionelle Arche-Berg Cudi und muss daher offenbar als der wahrscheinlichere Landeplatz nach einer weltweiten Flut angesehen worden sein.

Es ist interessant, dass die Kirchen am Fuße des Ararat nicht etwa Noah gewidmet sind, sondern Gregor dem Erleuchter. Das Holzbrett von der Arche, das in der Kathedrale von Etschmiadsin, unweit des Ararat, aufbewahrt wird, könnte auf dem Rückzug von der Gegend am Berg Cudi mitgenommen worden sein und ein Symbol für den »Umzug« des heiligen Arche-Berges sein. Nachdem das auf dem Cudi gelegene Kloster der dort verbliebenen syrischen und nestorianischen Christen zerstört war und sich der Einfluss des Islam festigte, wird kaum noch jemand dem Ararat seinen Status als Arche-Berg streitig gemacht haben. Diese vermutete Transformation nach Norden ist in den geschichtlichen Quellen allerdings nicht eindeutig nachvollziehbar: Die Überlieferungsstränge sind verworren, daher muss diese Phase der Historie letztlich spekulativ bleiben.

Wie schon in Kapitel 13 beschrieben, war unter den Bibelgelehrten und Geschichtswissenschaftlern noch lange Zeit bekannt, dass es alternative Sichtweisen gab. Erst mit der Besteigung des Ararat im 19. Jahrhundert und der weitgehenden Unerreichbarkeit des Cudi hat sich die Erinnerung an den wahren Berg Noahs endgültig verloren – zumindest in der Christenheit.

1989 besuchte Bill Crouse das Kloster von Etschmiadsin, um die Reliquie zu sehen, die möglicherweise ein Stück Holz von der Arche Noah enthält.

Für die Moslems war immer der Al-Cudi der »richtige« Berg, denn so stand es im Koran. Wenn die Bibel für den Ararat plädierte, musste sie wohl gefälscht sein, eine Ansicht, die unter Moslems auch heute sehr verbreitet ist. Wie ich zuvor gezeigt habe, widersprechen sich allerdings Bibel und Koran in dieser Sache nicht. Sie sind nur – aufgrund ihrer zeitlich weit auseinanderliegenden Entstehung – unterschiedlich präzise und verwenden unterschiedliche Begriffe.

Wie Al-Mas’udi im 10. Jahrhundert schrieb, konnte die Stelle, an der Noahs Schiff einst gelandet war, noch betrachtet werden. Aus dieser Epoche stammt auch eine Inschrift, die Friedrich Bender im Inneren der Ruinen gefunden und fotografiert hat. Laut dem Islamwissenschaftler Manfred Kropp handelt es sich dabei um ein Inschriftenfragment, das in der kursiven Nasḫī-Schrift graviert ist, eine arabische Kalligrafie-Schrift, die ab dem 10. Jahrhundert verwendet wurde. Leider konnte Kropp die Wörter – seiner Meinung nach handelt es sich um zwei – nicht lesen, denn das Foto war von sehr schlechter Qualität.

Friedrich Bender mit der Inschrift in den Ruinen auf dem Gipfel des Cudi Dagh

 

 

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