Das Rätsel der Arche Noah

Kapitel 26: Wie Urartu zu Armenien wurde

aus Teil 6 (»Rekonstruktion der Ereignisse«) der Originalausgabe von 2014

Wie für den Anfang, so hat die Wissenschaft auch für das Ende des Reiches Urartu kaum substantielle Antworten parat. »Die uns zur Verfügung stehenden archäologischen und schriftlichen Quellen bieten nicht genügend konkrete Anhaltspunkte, um den Zeitpunkt des Untergangs des urartäischen Königtums genauer zu bestimmen.« Wie es scheint, hat der Ausdruck in babylonischen Quellen des 6. Jahrhunderts v.Chr. nur noch die Funktion, ein bestimmtes Gebiet zu beschreiben: »Die in Keilschrifttexten des 6. Jahrhunderts v.Chr. aus Nippur, Uruk und Babylon genannten und mit Urartu in Verbindung gebrachten ›Uraschtaju‹ sind kein Hinweis auf eine noch existierende Staatlichkeit, vielmehr haben wir in ihnen eher Bewohner der Bergregion zu erblicken, die etwa dem urartäischen Staatsgebiet entsprach.«

Nach dem vollständigen Zusammenbruch geriet Urartu unter die Herrschaft der Meder, nach der Niederlage gegen die Perser gehörte das »Land Ararat« zum achämenidischen Großreich. Der Archäologe Ralf-Bernhard Wartke erklärt: »In dieser Zeit war dessen westlicher Teil bereits von den neu eingewanderten Armeniern besiedelt, die in ihrer Frühphase historisch kaum in Erscheinung getreten sind und die bis heute in einem großen Teil des geografischen Raumes leben, in dem sich das urartäische Königreich jahrhundertelang etabliert hatte.«

Dem ist jedoch hinzuzufügen, dass der heutige Staat Armenien nur noch einen Teil dessen darstellt. Ursprünglich besiedelten die Armenier weite Teile der Südosttürkei und des nordwestlichen Iran. In mehreren Etappen wurden sie dann aus der Gegend vertrieben, in der sich auch der Berg Cudi erhebt, und zwar in das Gebiet um den Berg »Ararat«, der bei den Armeniern »Masis« heißt und ihnen jenseits ihrer heutigen Grenze zur Türkei zwar allgegenwärtig vor Augen ist, jedoch schwer erreichbar im ihnen nicht gerade freundschaftlich gesinnten Nachbarland steht.

Auch wenn die herkömmliche Altertumswissenschaft zwischen Urartu und Armenien klare Grenzen zu ziehen scheint und dies mit unterschiedlichen Ethnien begründet, erkennt auch Wartke: »Verschüttetes urartäisches Kulturgut, und als solches kaum zu erkennen, dürfte eingewebt sein in den Kranz der Sagen und Legenden sowie durch den Volksglauben Armeniens tradiert worden sein.«

Weder in antiken Bibelübersetzungen (Peschitta, Vulgata, Septuaginta) noch bei den Geschichtsschreibern scheint es ein Problem gewesen zu sein, Ararat/Urartu und das spätere Armenien synonym zu setzen, und die Armenier führen ihre Geschichte wie selbstverständlich bis in früheste Epochen zurück. Die Zersplitterung in Kleinstaaten, das Gerangel zwischen den Persern, Makedoniern und dem Römischen Reich sowie die Auslöschung vorchristlicher Literatur im Zuge der Christianisierung im 4. Jahrhundert scheinen die offensichtliche, wissenschaftlich nachweisbare Verbindung der Armenier mit ihren urartäischen Vorläufern getrennt zu haben. Mit den Armeniern und zum Teil in der heutigen Südosttürkei angesiedelten Juden blieb auch die Tradition der Arche am Berg Cudi im Bewusstsein der Menschen. Wenn man Josephus Glauben schenkt, muss es damals noch Überreste der Arche gegeben haben und Pilger kamen dorthin, um die Arche zu sehen und – wie Sanherib – einen Teil von ihr als Talisman mitzunehmen. Dass es in der Zeit zwischen dem Bestehen einer urartäischen Besfestigungsanlage, die Sanherib erobert haben will, und dem christlichen Klosterbau ab dem 4. Jahrhundert ein Heiligtum irgendeiner Art dort gegeben haben muss, scheint offensichtlich.

 

 

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