Das Rätsel der Arche Noah

Kapitel 25: Aus Geschichte wurde Mythos

aus Teil 6 (»Rekonstruktion der Ereignisse«) der Originalausgabe von 2014

Wenn die biblischen Geschichten von Noah und der Sintflut wirklich Tatsachenberichte sind und es sich um historisch wahre Ereignisse handelt, dann hat dies sehr weitreichende Konsequenzen für unser Bild von der Menschheitsgeschichte. Dieses ist gewöhnlich geprägt von der in den Medien, der Schule und der Wissenschaft allgemein akzeptierten Evolutionstheorie. Danach haben sich die Menschen innerhalb einer Zeitspanne von zwei Millionen Jahren aus primitiven Vorfahren entwickelt.

Die Kapitel im ersten Buch Mose, die der Sintflutgeschichte vorausgehen, erzählen von der Schöpfung der Welt, den ersten Menschen Adam und Eva, dem Sündenfall und der Zeit vor der alles zerstörenden Flut. Wie passt dies mit der Evolution der Menschheit zusammen? Was ist gemeint, wenn es heißt: »Und Gott, der Herr, pflanzte einen Garten in Eden im Osten, und er setzte dorthin den Menschen, den er gebildet hatte« (1. Mose 2,8)?

Wenn wir nicht nur an die wirkliche Existenz Noahs und der Arche glauben wollen, sondern auch die historische Glaubwürdigkeit der allerersten Genesis-Kapitel ernsthaft in Erwägung ziehen möchten, müssen wir die Ereignisse der menschlichen Urgeschichte aus biblischer Sicht von Grund auf rekonstruieren. Ich denke nicht, dass man sich für einen solchen Versuch entschuldigen oder sich den Vorwurf eines wissenschaftsfeindlichen Arbeitens gefallen lassen muss. Es sollte erlaubt sein, die Theorie der menschlichen Evolution zumindest in Zweifel zu ziehen. Auch wenn viele Menschen heute die Entwicklung des Lebens als ein in Stein gemeißeltes Dogma betrachten, so gibt es doch sehr
viele berechtigte Anfragen an dieses Entstehungsmodell und gleichermaßen viele Hinweise darauf, dass eben nicht der blinde Zufall in endlosen Mutations-Selektions-Schritten das Leben gebildet hat, sondern ein intelligenter und kreativer Schöpfer.

Wo lag dieser Garten Eden, in den Gott das erste Menschenpaar hineinsetzte? Aufgrund der katastrophalen globalen Auswirkungen der Sintflut müssen wir vermuten, dass die vorsintflutliche Welt weitgehend ausgelöscht worden ist.

Die außerbiblischen »Mythen«

Nicht nur aus der Bibel erfahren wir übrigens von der Zeit vor der Flut. Es gibt etliche Legenden, Mythen und Ausführungen der antiken Geschichtsschreiber, die uns Einblicke in die Vorzeit geben möchten. Ein bekanntes Zitat stammt vom assyrischen König Assurbanipal, der in Ninive eine große Bibliothek besaß. Dort wurden Tausende von Keilschrifttafeln gefunden. Assurbanipal erwähnt eine seiner besonderen Vorlieben: »Ich habe Inschriften aus der Zeit vor der Flut studiert.«

In der Tat finden sich in den alten Mythen erstaunliche Parallelen zur Bibel: In der Sumerischen Königsliste sind zehn Herrscher aufgeführt, die in der Vorzeit herrschten. Zwar gelingt es nicht, sie durchgängig mit den biblischen Ahnherren gleichzusetzen, aber vielleicht sprechen gerade die Unstimmigkeiten für unabhängige Überlieferungsstränge.

Dieser Rollsiegelabdruck war ursprünglich als Adam-und-Eva-Siegel bekannt. Heute vermerkt das Britische Museum, es bestehe kein Anlass, die dargestellte Szene mit dem Buch Genesis in Verbindung zu bringen.

Die bekannteste mythische Urgeschichte ist sicherlich das Gilgamesch-
Epos, das besonders auffällige Parallelen mit dem Sintflutbericht der Bibel aufweist. Aber es gibt auch andere, wie zum Beispiel das abgebildete Rollsiegel, das in Mesopotamien gefunden wurde und aus dem 23. Jahrhundert v.Chr. stammt, das an das in 1. Mose 2 und 3 beschriebene Paradies erinnert.

Die plausibelste Erklärung für diese deutlichen Parallelen ist in meinen Augen, dass alle Überlieferungsstränge auf tatsächliche historische Ereignisse zurückgehen. Diese historischen Ereignisse werden einfach in verschiedenen Traditionen, die ihrerseits jeweils von eigenen Gottesbildern und Weltanschauungen geprägt sind, aus unterschiedlichen Blickwinkeln wiedergeben.

Ein Problem sind beispielsweise die Namen der Städte vor der Flut. Während in der Genesis nur Henoch namentlich erwähnt ist (1. Mose 4,17), werden in den Keilschriften der Sumerischen Königsliste zumindest noch Schuruppak, Larsa und Eridu genannt. Diese Städte bestanden auch noch in nachsintflutlicher Zeit. Somit hätten also die Nachfahren Noahs entweder die alten Namen der durch die Sintflut zerstörten Städte wiederverwendet oder aber die Städte an ihrer alten Stelle neu aufgebaut. Die zweite Möglichkeit ist aufgrund geologischer Befunde eher unwahrscheinlich. Die Frage ist allerdings auch, ob die Identifikation der vorsintflutlichen Städte sicher ist. So kann zur Identifikation von Schuruppak lediglich auf den Fund eines Tonnagels zurückgegriffen werden, auf dem sich die Inschrift eines gewissen »Haladda, Stadtfürst von Schuruppak« befindet (siehe auch Kapitel 32: »Archebau in Schuruppak«). Anstatt tatsächlich auf den Ursprung Noahs hinzudeuten, könnte dieser Hinweis auch alte Erinnerungen an die vorsintflutliche Königsstadt widerspiegeln, die geografisch gesehen ganz woanders gewesen sein könnte.

Gehen Mythen auf geschichtliche Tatsachen zurück? Sicherlich nur eingeschränkt, aber man sollte sie nicht einfach pauschal als unhistorisch verwerfen, wie dies die konventionelle Geschichtsschreibung heute tut, denn diese vertritt für gewöhnlich eine naturalistische Ausgangsposition, die übernatürliche Einflüsse von vornherein auszuschließen pflegt.

Wenn wir für möglich halten, dass Mythen in gewissem Umfang die Realität abbilden, und dafür die Theorie der menschlichen Evolution infrage stellen, so ergeben sich einigermaßen plausible Erklärungsansätze auch für Themen, für die die konventionelle Wissenschaft überhaupt keine befriedigende Erklärung bieten kann. Dies soll an einem Beispiel verdeutlicht werden:

Der Sintflut-Held des Gilgamesch-Epos gilt im Mythos als unsterblich. Dies würde gut zu den biblischen Angaben der sehr hohen Lebensalter passen, die die ersten Menschen nach der Flut erreicht hatten. Diese Langlebigkeit könnte klimatische oder auch geistliche Gründe gehabt haben, und von späteren Generationen als Unsterblichkeit wahrgenommen worden sein. Damit wäre Gilgameschs Pilgerreise zu Noahs (Utnapischtims) Heimat durchaus vorstellbar. Diese Heimat könnte dabei eventuell am Fuße des Berges Cudi gelegen haben, was auch die alten Traditionen nahelegen. Wie Werner Papke ausführlich dargestellt hat, spielten bei der Niederschrift des Epos wohl auch astrologische Erwägungen eine entscheidende Rolle. Der Legende des Gilgamesch könnte also durchaus eine wirkliche Pilgerfahrt zum Urahn der Menschheit – Noah – zugrunde liegen.

Insgesamt ist eine Interpretation der Überlieferung im Rahmen des biblischen Berichts wohl durchaus zulässig und den wenigen Autoren, die sich mit dieser Thematik befasst haben, sollte mehr Beachtung geschenkt werden. Die weitere Erforschung einer bibelorientierten Geschichte, die von der zwingenden Vorgabe einer naturalistischen Evolutionstheorie befreit ist, wäre wünschenswert.

Geschichtsschreibung der Bibel

Für das Zeitalter unmittelbar nach der Flut enthält die Bibel in 1. Mose 10 die heute kaum noch beachtete, aber für die Rekonstruktion der frühen Menschheitsgeschichte hochinteressante Völkertafel, in der alle Menschen, die sich nach der Flut ausgebreitet haben, auf die drei Söhne Noahs zurückgeführt werden. Wie in Kapitel 11 ausgeführt, lässt sich bei genauer Erkundung die Abstammung einiger europäischer Völker auf
Jafet zurückführen. Auch der Geschichtsschreiber Flavius Josephus nimmt auf diese Völkertafel Bezug und fügt Erklärungen aus der Perspektive der Zeitenwende hinzu. Für unsere Rekonstruktion sehr interessant schreibt er: »Ulus beherrschte Armenien«. Dieser Ulus ist mit dem »Hul« der Bibel identisch, laut 1. Mose 10,23 neben Uz, Geter und Masch einer der Söhne Arams, der wiederum ein Sohn Sems und Enkel Noahs war.

In der armenischen Literatur, vor allem in der »Geschichte Groß-Armeniens« des Historikers Moses von Choren (5. Jahrhundert n.Chr.), werden die Wurzeln der Nation auf Haik zurückgeführt, der über Tiras vom Noah-Sohn Jafet abstammen soll (siehe 1. Mose 10,3). Dieser sei nach der Zeugung seines Sohnes aus Babylon verschwunden, da er Bel nicht gehorchen wollte. Er nahm »seinen Weg ins Land des Ararad, welches im Norden liegt«. Dort hatten »wenige schon früher zerstreute Menschen Halt gemacht und sich angesiedelt«.

Erst unter den Nachkommen dieses Haik führt Moses von Choren dann Namen wie Aram, Ara und Kardos auf. Bel und Ninus, die beide eigentlich mit Nimrod gleichzusetzen sein müssten, führt er als unterschiedliche Personen ein, wobei Bel allerdings ein Ahne des Ninus sein soll.

Interessant sind erzählerische Parallelen der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Haik und Bel mit alten sumerischen Heldengeschichten: In der Wissenschaft wurden diese Gemeinsamkeiten zwischen den »Sagen« der antiken Geschichtsschreiber und den keilschriftlich überlieferten uralten Epen meines Wissens bisher kaum thematisiert. Könnten es nicht wahre Geschichten sein, die mitunter ein neues Licht werfen auf die Geschehnisse, die in der Bibel nur ganz kurz angerissen werden? Es wäre an der Zeit, die Bücher aus vergangenen Jahrhunderten daraufhin zu prüfen, wie die biblische Version der Menschheitsgeschichte vielleicht zusammen mit der Berücksichtigung neuer Erkenntnisse plausibel rekonstruierbar ist. Gerade die Auseinandersetzung zwischen Enmerkar, den David Rohl mit dem biblischen Nimrod gleichsetzte, und dem König von Aratta erinnert an den von Moses von Choren geschilderten Krieg zwischen Haik und Bel, den er selbst mit Nimrod gleichsetzt. Auch die wesentliche Rolle einer Frau ist auffällig: Im sumerischen Epos ist es die Göttin Inanna, bei Moses von Choren ist von Schamiram die Rede, nach der rabbinischen Tradition ist Semiramis die Frau Nimrods. In der konventionellen Geschichtsforschung wird solchen Verbindungen keine Bedeutung beigemessen, da die Geschichten als Legenden und Sagen gelten, zwischen deren Abfassung viele Jahrhunderte oder sogar einige Jahrtausende liegen.

Ralf-Bernhard Wartke erklärt: »Damit scheint Urartu plötzlich aus dem Dunkel der Vorgeschichte Ostanatoliens aufzutauchen, obwohl es von anderen Zentren der großen vorderasiatischen Kulturen, etwa Assyrien, nur durch relativ geringe räumliche Entfernungen getrennt war. In ethnischer Hinsicht sind die vom 12. bis 10. Jahrhundert v.Chr. verstreut im Armenischen Bergland lebenden Stämme mit hurritischen Bevölkerungselementen in Verbindung zu bringen.«

Das Reich Aratta wird sehr selten in die Diskussion eingebracht, obwohl Wikipedia als eine mögliche Lokalisierung die Urartu-These aufführt: »Teilweise wird Aratta als ein Vorläufer des Urartu-Staates angesehen und in das von Mesopotamien aus gesehen nördliche Hochland im heutigen Armenien, Aserbaidschan, Iran und der Türkei verlegt. Demnach wäre Aratta ein sehr früher Flächenstaat gewesen.«

David Rohl ist überzeugt: »Das verlorene Königreich Aratta, das in den frühesten sumerischen Epen erwähnt wird, muss in der Miandoab-Ebene im Süden des Urmia-Sees in Groß-Armenien lokalisiert werden.«

Auf diesen verschlungenen und ungewissen Pfaden kommen wir in einer Epoche an, für die sich die Wissenschaft einig ist, dass das in der Bibel sogenannte Land Ararat mit dem antiken Urartu identisch ist, ein Königreich, das nördlich von Assyrien lag und dessen Berge abrupt die Landschaft verändern, da sie sich – angefangen mit dem Cudi-Gebirge – jäh aus der mesopotamischen Tiefebene erheben.

Um 700 v.Chr. bekommen wir einen sehr konkreten Nachweis, dass sich der Cudi Dagh in der außerbiblischen Geschichtsschreibung wiederfindet. Für den assyrischen König Sanherib hatte der Berg wohl eine besondere Bedeutung und ab dieser Zeit können wir mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass der Arche-Berg Ziel zahlreicher Pilgerreisen war, die sich wohl bis in die Neuzeit fortgesetzt haben.

Aus der Bibel sind uns die Sätze überliefert: »Und Sanherib, der König von Assur, brach auf, zog fort und kehrte zurück; und er blieb in Ninive. Und es geschah, als er sich im Haus seines Gottes Nisroch niederwarf, da erschlugen ihn seine Söhne Adrammelech und Sarezer mit dem Schwert; und sie entkamen in das Land Ararat. Und sein Sohn Asarhaddon wurde an seiner Stelle König« (2. Könige 19,36-37).

Das Land Ararat ist uns als Zufluchtsort von Sanheribs Mördern überliefert. Der Geschichtsschreiber Josephus erwähnt zusätzlich Sanheribs »eigenen Tempel, der Araska genannt wurde«. Die besagte Erzählung ist uns, wie bereits in Kapitel 16 erwähnt, überliefert durch Rabbi Louis Ginzberg (1873–1953) und geht wohl auf das Mischna-Traktat »Sanhedrin« zurück. Ginzberg beschreibt, dass Sanherib eine Holzplanke fand, die er dann als Götzenbild verehrte, da sie ein Teil der Arche gewesen sei. Seine Söhne, die ihn ermordeten, flohen in dieser Version der Geschichte nach »Kardu«.

Diese Begebenheit, zusammen mit der Erwähnung von »Kardu« anstelle des biblischen Begriffs »Ararat«, bestätigt – wie in Kapitel 16 ausgeführt –, dass der Berg Cudi im Süden der heutigen Türkei als Landeplatz der Arche dem heute unter dem Namen »Ararat« bekannten Berg vorzuziehen ist, weil letzterer weit jenseits der Route von Jerusalem nach Ninive liegt.

In der wissenschaftlichen Literatur wird »Nisroch« mit einem adlerköpfigen Wesen gleichgesetzt, da sich im Arabischen und Persischen die Wörter ähneln und die geflügelten Wesen eine große Rolle im Sanherib-Palast in Ninive spielten. Auch mit Noahs Taube wurde »Nisroch« schon in Verbindung gebracht; dies ist vielleicht der Versuch, die verschiedenen Interpretationen miteinander in Einklang zu bringen.

Dass die Verehrung eines heiligen Gegenstandes – vielleicht tatsächlich eines Stücks Holz von der Arche Noah – damals nicht ungewöhnlich gewesen wäre, sehen wir bei Hiskia, der die Bronzeschlange von Mose vernichtete, weil sie als Götzenbild verehrt wurde:

»Er ließ die Höhenheiligtümer zerstören, die Gedenksteine umhauen und die Ascherabilder umstürzen. Er zerbrach die bronzene Schlange, die Mose gemacht hatte, weil das Volk Israel angefangen hatte, sie anzubeten, indem es Weihrauch vor ihr verbrannte. Die Bronzeschlange wurde Nehuschtan genannt« (2. Könige 18,4).

Ähnliches könnte bei Hiskias Zeitgenossen Sanherib der Fall gewesen sein. Dessen »Reliquienverehrung« wurde ihm zum Verhängnis, weil seine Söhne sie möglicherweise als Anlass zur Verschwörung gegen ihn nahmen.

An Glaubwürdigkeit gewinnt die Erzählung von der Arche-Noah-Reliquie dadurch, dass Sanheribs fünfter Feldzug ihn von Ninive aus nach Norden führte. Das assyrische Heer zog 697 v.Chr. unter anderem zum Arche-Berg Cudi, wo mehrere in den Fels eingelassene Reliefs die Anwesenheit Sanheribs belegen.

Durch seinen Einsatz an der Nordgrenze unter Sargon II. kannte sich Sanherib im Norden gut aus. Sein Bericht lautet wie folgt:

»Mein fünfter Feldzug führte zu den Kriegern von Tumurru, Sharum, Ezama, Kibshu, Halgidda, Kua and Kana, die sich meinem Joch nicht mehr beugen wollten. Ihre Wohnstätten waren gleich Adlerhorsten auf dem Gipfel des Nipur, eines steilen Berges. Mein Lager hatte ich am Fuße des Nipur aufgeschlagen und mit meinen auserlesenen Leibwächtern und unerbittlichen Kriegern stieß ich wie ein starker Wildochse zu ihnen hinauf. Ich überwand Schluchten, Wildbäche, Wasserfälle und gefährliche Klippen in meiner Sänfte. Wo es zu steil wurde, ging ich zu Fuß voran. Wie eine junge Gazelle stieg ich zu den höchsten Gipfeln hinauf, um sie zu verfolgen. Wo immer meine Knie einen Ruheplatz fanden, setzte ich mich auf einen Felsblock und trank das kalte Wasser aus einem Schlauch. Zu den Gipfeln der Berge folgte ich ihnen und siegte über sie. Ich nahm ihre Städte ein und nahm Beute mit. Ich zerstörte, ich verwüstete, ich verbrannte alles mit Feuer.«

Dass der hier erwähnte Berg Nipur mit dem Cudi gleichzusetzen ist, ergibt sich aus den gleichlautenden Inschriften der Sanherib-Felsreliefs unmittelbar am Fuß des Berges. Leonard William King (1869–1919) dokumentierte und übersetzte die Inschriften. Sie enthalten die oben angeführte Beschreibung und fügen noch einige interessante, aber nur fragmentarisch erhaltene Zeilen hinzu: Er habe befohlen, auf dem Gipfel ein Relief anfertigen zu lassen, um die Macht seines Gottes Assur zu verewigen. Wer immer es zerstören möge, solle die Wut Assurs und der großen Götter auf sich ziehen.

Die Anzahl von mindestens fünf, wahrscheinlich aber sieben Reliefs des Königs am Fuße des Cudi lässt darauf schließen, dass dieser Ort eine gewisse Bedeutung für den König hatte. Zwar scheint dieser Feldzug einige Zeit nach der Rückkehr von Jerusalem nach Ninive durchgeführt worden zu sein, doch falls dem König auf irgendeine Weise eine Reliquie in die Hände gefallen war, mag ihm einiges daran gelegen haben, diesen Ort in seinen Besitz zu nehmen.

In der Tontafelbibliothek von Sanheribs Nachfolger Assurbanipal (669–627 v.Chr.) wurde in Ninive eine Version des berühmten Gilgamesch-Epos gefunden. Vielleicht war der später vergötterte König Gilgamesch von Uruk, der zum babylonischen Noah – Utnapischtim – pilgerte, um das Geheimnis der Unsterblichkeit zu erfahren, ein wichtiges Vorbild für Sanherib.

Falls damals noch Teile der Arche auf dem Gipfel des Cudi vorhanden waren – und manches scheint darauf hinzuweisen –, dann dürfte dieser Ort, keine 130 Kilometer von Ninive entfernt, eine große religiöse Bedeutung gehabt haben.

 

 

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