Das Rätsel der Arche Noah

Kapitel 12: Ein ungewöhnliches Schiff

aus Teil 3 (»Spuren in der Geschichte«) der Originalausgabe von 2014

Ist die Sintflutgeschichte der Bibel überhaupt realistisch? War die Arche groß genug für »alle« Tiere? Mit dieser Frage hat sich die »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« befasst und kommt zum Ergebnis:

»Die Auffassung, der biblische Bericht über Noahs Arche sei aufgrund gravierenden Platzmangels historisch unglaubwürdig, ist unbegründet.«

Die Bibel gibt an, dass die Arche 300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch gewesen ist. Die Maßeinheit der Elle entspricht dem Abstand zwischen menschlichem Ellbogen und den Fingerspitzen. Das kleinste dafür in Frage kommende Maß sei, nach Fred Hartmann und Reinhard Junker, 45 Zentimeter. Je nach Land und Kultur könne aber eine Elle auch bis zu 85 Zentimeter lang gewesen sein.

In ihren Berechnungen gingen Junker und Hartmann von der kürzesten Variante aus und berechneten für das Schiff eine Länge von 135 Metern, 22,5 Meter Breite und 13,5 Meter Höhe. Selbst mit diesen zurückhaltenden Vorgaben ergibt sich eine Länge der Arche, die dem 1,3-fachen eines Fußballfeldes entspricht. Die Gesamtfläche muss mit drei Stockwerken multipliziert werden, die in der Bibel vermerkt sind.

Interessant ist die Anzahl der Tiere, deren Platzbedarf mit der Größe des Schiffes verrechnet werden muss:

»Und von allem Lebendigen, von allem Fleisch, sollst du je zwei von allen in die Arche bringen, um sie mit dir am Leben zu erhalten; ein Männliches und ein Weibliches sollen sie sein! Von den Vögeln nach ihrer Art und von dem Vieh nach seiner Art, von allen kriechenden Tieren des Erdbodens nach ihrer Art: je zwei von allen sollen zu dir hineingehen, um am Leben zu bleiben!« (1. Mose 6,19-20).

Diese Tiere waren die Grundlage, um den Fortbestand sämtlicher Tierarten zu sichern. Einige Tiere sollten später als Opfertiere dienen, Vögel wurden als Botschafter benötigt. Daher ergänzt Gott seine Anweisung:

»Von allem reinen Vieh sollst du je sieben zu dir nehmen, ein Männchen und sein Weibchen; und von dem Vieh, das nicht rein ist, je zwei, ein Männchen und sein Weibchen; auch von den Vögeln des Himmels je sieben, ein Männliches und ein Weibliches: um Nachwuchs am Leben zu erhalten auf der Fläche der ganzen Erde!« (1. Mose 7,2-3).

In einigen Tabellen schlüsseln Hartmann und Junker nun die Anzahl der Tierarten auf und kommen zum Ergebnis: »Die Höchstzahl der mitzunehmenden Wirbeltierarten […] betrug ca. 21.100.« Wenn man von »geschaffenen Arten« als den sogenannten »Grundtypen« ausgeht, würde sich die Anzahl der Tierarten reduzieren. Die Forscher der »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« gehen davon aus, dass sich diese Grundtypen seit der Erschaffung biologisch aufgespalten haben. Hund, Wolf, Schakal und Fuchs gehören danach zum Grundtyp »Hundeartige«. Von diesen Varianten sei nur ein Paar auf der Arche gewesen. Zwar stehe die Grundtypenforschung »erst am Anfang«, aber durch die Annahme der Grundtypen ergebe sich eine Zahl (inklusive ausgestorbener Arten) von »10.800 Individuen«, also die Paare und die größere Anzahl an reinen Tieren bereits eingerechnet.

Die Arche – länger als ein Fußballplatz

Die Ladefläche der Arche entspricht nach den Berechnungen vom Anfang derjenigen von 276 Güterwagen. Der Platzbedarf der unterschiedlichen Tierarten ist natürlich äußerst unterschiedlich, Junker und Hartmann berechnen schließlich:

»Aufgrund der Zahlen […] ergibt sich für den insgesamt benötigten Platz für die in der Arche mitzunehmenden Tiere ca. 7500 m³. Das sind weniger als 20% des Rauminhaltes der Arche.«

Dies bietet noch genügend Platz für Futter, Nachkommen und eine gewisse Bewegungsfreiheit an Bord. Außerdem hätte es auf der Arche noch Kapazität für Dinosaurierarten gegeben. Dass auch sie mit auf der Arche gewesen sein könnten und erst danach ausstarben, entspricht einer Vermutung, die sich aus Hiob 39 und 40 ableiten lässt. Zur besonderen Größe der Saurier heißt es im Artikel: »Saurier wachsen wie alle Echsen lebenslang (anders als die Säugetiere, die bald ausgewachsen sind). Jüngere Tiere waren somit relativ klein und konnten in der Arche mitgenommen werden.«

Für das Sammeln der Tiere an der Arche und das friedliche Zusammenleben muss Gott gesorgt haben; eine natürliche Erklärung für das notwendige Verhalten der Tiere ist schwer vorstellbar. Dass die Bibel einen solchen Gedanken zulässt, belegen Sätze von Jesaja über das endzeitliche Friedensreich: »Und der Wolf wird beim Lamm weilen und der Leopard beim Böckchen lagern. Das Kalb und der Junglöwe und das Mastvieh werden zusammen sein, und ein kleiner Junge wird sie treiben. Kuh und Bärin werden miteinander weiden, ihre Jungen werden zusammen lagern. Und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind« ( Jesaja 11,6-7).

Ein schwimmender Kasten

»Bis 1850 gab es in der gesamten Weltgeschichte kein Schiff, das größer als die Arche war«, schrieb Werner Gitt in dem Buch »Das sonderbarste Schiff der Weltgeschichte«. Die Form des »Kastens« wird aber nicht näher beschrieben.

Gitt hat sich besonders über die Schwimmfähigkeit der Arche Gedanken gemacht. Er weist nach, dass durch die von Gott vorgegebenen Maße zum Bau des Schiffes die »Arche hinsichtlich der beiden wichtigsten Konstruktionsmerkmale – hohe Schwimmstabilität bei gleichzeitig sparsamem Materialeinsatz – die bestmöglichen Abmessungen aufweist.«

»Das Ergebnis ist zwar höchst erstaunlich, aber aus Sicht des biblischen Glaubens dennoch geradezu erwartet: Nur darum, weil Gott sie vorgegeben hatte, mussten sie [die Maße des Schiffes] optimal sein.«

Verglichen mit den Maßen der Gilgamesch-Arche, aus denen sich eine Würfelform ergibt, erscheint der biblische Bericht genau, zuverlässig und ursprünglich.

Das 2014 erschienene Buch »The Ark before Noah« des Keilschrift-Experten Irving Finkel bringt nun übrigens eine neue Form der Arche in die Diskussion ein: Wie er einer auf die Zeit um 1700 v.Chr. datierten babylonischen »Arche-Tafel« entnommen hat, soll die Arche einen kreisrunden Grundriss gehabt haben und einer Schiffsform namens »Coracle« entsprechen. Er sieht die Überlieferung gegenüber der Genesis als weitaus älter an, geht dabei aber von einer Zusammenstellung der Heiligen Schrift während der babylonischen Gefangenschaft aus (6. Jahrhundert v.Chr.). Dass man hier durchaus anderer Meinung sein kann, habe ich bereits ausgeführt. Festzuhalten ist, dass sich die Grundflächen von biblischer und babylonischer Arche fast exakt entsprechen. Welche Tradition von der jeweils anderen abhängig ist – darüber kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Gitts Berechnungen der Schwimmfähigkeit scheinen auch weiterhin für die biblischen Maße zu sprechen und so beschreibt die Bibel bei genauer Analyse ein sehr realistisches Bild der urgeschichtlichen Geschehnisse.

 

 

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 eine vergessene Diskussion«

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