Das Rätsel der Arche Noah

Kapitel 11: Hat Noah wirklich gelebt?

aus Teil 3 (»Spuren in der Geschichte«) der Originalausgabe von 2014

Noah ist nun ins Kino gekommen. Die Fans der großen Leinwand haben in den letzten Jahren bereits die großen Erzählungen aus der Feder des berühmten britischen Schriftstellers John Ronald Reuel Tol-kien (1892–1973) kennengelernt. In der Film-Trilogie »Der Hobbit« zieht Bilbo Beutlin mit 13 Zwergen und dem Zauberer Gandalf los, um große Abenteuer zu erleben. Der kostbare Schatz der Zwerge soll den Fängen des Drachen Smaug entrissen werden. Bilbo, der kleine Hobbit, hat bis zum Beginn der abenteuerlichen Reise im beschaulichen Auenland gelebt, einer friedlichen Gegend in Mittelerde. Der Kontinent Mittelerde, auch Schauplatz der »Herr der Ringe«-Abenteuer, existiert nur in der Fiktion. Die Welt Bilbo Beutlins entsprang – zwar maßgeblich inspiriert von Elementen aus der nordischen Mythologie, alten Sagen und auch der Bibel – der Fantasie eines einzigen Mannes: J.R.R. Tolkien, der mit seinen Erzählungen die moderne Fantasy-Literatur begründete. Er schuf eigene Sprachen, sonderbare Völker, namhafte Helden, originelle Geschichten und – Geschichte. »Das Silmarillion«, eine Sammlung Tolkiens unvollendeter Werke, enthält die Schöpfungsgeschichte von Tolkiens Welt, mythologische Erzählungen und einen Gott, der das Fantasy-Universum Tolkiens geschaffen habe: Das Silmarillion beginnt mit dem Satz: »Eru war da, der Eine.«

Ein anderes Epos enthält diese Worte:

»Rohrhütte! Rohrhütte! Wand! Wand! Höre, o Rohrhütte!

Halle wider, o Wand!

Du Mensch aus Schuruppak, Sohn des Ubara-Tutu!

Reiß nieder dein Haus, bau dir ein Schiff!

Lass fahren all deine Habe, dein Leben suche zu retten!

Schwör ab dem Besitz und gewinne das Leben!

Nimm allerlei lebend’gen Samen in dein Schiff hinein!«

Diese Worte sind an einen Mann namens Utnapischtim gerichtet. Ein Gott beauftragt diesen zu einem Abenteuer, größer als das des kleinen Hobbits: Utnapischtim soll mit einer schwimmenden Arche Menschen und Tiere vor einer Flut retten, die von den Göttern geschickt wird, um die Menschheit auszulöschen.

Die Erzählung aus dem meso-potamischen Gilgamesch-Epos gilt vielen als eine der ältesten Fantasy-Geschichten der Welt. Aus den alt-babylonischen Mythen sollen auch die Erzählungen stammen, die heute für gläubige Menschen eine besondere Bedeutung haben: die ersten Kapitel der Bibel.

Noah, so ist Utnapischtim in der Bibel bekannt, und Bilbo Beutlin, der Held von Mittelerde – zwei Gestalten, deren Abenteuer auch Hollywood interessieren. Peter Jackson und Darren Aronofsky sind bekannte Regisseure, Stars wie Martin Freeman und Russell Crowe spielen die Hauptrollen. Fantastische Geschichten als unterhaltsamer Stoff fürs Kino. Allesamt rein fiktive Filmfiguren?

Fakten und Mythen der Historiker

»Geschichte wurde zur Legende, Legende wurde Mythos und zweieinhalbtausend Jahre lang wusste niemand mehr um den Ring – bis er sich eines Tages einen neuen Träger suchte.«

Dieser Ausspruch aus der erfundenen Welt von »Herr der Ringe« scheint in der Wirklichkeit nicht zu gelten. Mythos war niemals Geschichte, kein Historiker nimmt die Mythen unser Vorfahren für bare Münze. Die biblische Urgeschichte wird gerne als frommes Märchen betrachtet, mit allenfalls symbolischer Darstellung zeitloser Wahrheiten. Den Werken der antiken Geschichtsschreiber geht es kaum anders: Auch sie gelten als unzuverlässig.

Wie hat sich die wirkliche Urgeschichte unserer Erde abgespielt? Heutige Altertumsforscher scheinen misstrauische Menschen zu sein. Sie verlassen sich nicht gerne auf ihre antiken Kollegen mit deren Chroniken voller Wunder, Götter, übernatürlicher Gestalten, ausgeschmückter Schilderungen und merkwürdig hoher Jahreszahlen. Historiker rekonstruieren die Vergangenheit am liebsten auf der Grundlage von in Stein gemeißelten Bauinschriften und unverdächtiger Alltagskorrespondenz aus alter Zeit.

Überlieferte Historie wird großzügig verworfen: »Wie in allen Hochkulturen ist auch in Mesopotamien die Erinnerung an die ›Entstehungszeit‹ verloren gegangen und einer Legende gewichen. Eine solche Legende hat sich wohl im Laufe mehrerer Jahrhunderte mündlich gebildet und hat erst gegen Ende des III. Jahrtausends schriftliche Gestalt angenommen.«

Ein besonders schönes historisches Schriftstück ist die sogenannte »Sumerische Königsliste«, die die Herkunft der mesopotamischen Völker beschreibt. Der Altorientalist Dietz-Otto Edzard schreibt – unter anderem aufgrund der unwahrscheinlich langen Regierungszeiten der Könige von mehreren tausend Jahren – ernüchternd: »Der vorsintflutliche Teil ist sekundär in die Liste einbezogen worden […] Die Liste hilft, wie nochmals betont sei, nur wenig beim Schreiben mesopotamischer Geschichte aus unserer heutigen Sicht. Aber sie bleibt ein höchst bedeutendes Dokument für das Geschichtsverständnis in den Jahrhunderten vor und nach der Wende vom III. zum II. Jahrtausend.« Seine zusammenfassende Stellungnahme zu den antiken mesopotamischen Überlieferungen lautet:

»Das Epos ›Gilgamesch und Agga‹ ist ebenso viel oder wenig Geschichte wie das Nibelungenlied oder Beowulf.«

Die Bibel steht also nicht alleine im Fokus der Kritik: Anderen historischen Schriften geht es ganz ähnlich. Seien es die mesopotamischen Königslisten und Heldenepen, Josephus, Herodot oder Nennius – ihre Motive werden misstrauisch unter die Lupe genommen, ihre Glaubhaftigkeit und ihre zugrunde liegenden Quellen infrage gestellt. Dies geschieht nicht vor allem aus böser Absicht oder Arroganz, sondern gehört zur wissenschaftlichen Arbeitsmethode aufgeklärten Denkens und Forschens – Edzard spricht von einer »souveränen Überschau«.

So wurde das Fundament dessen, was wir heute als »wissenschaftlich gesicherte« Geschichte kennen, hauptsächlich auf archäologischen Funden gegründet. Entsprechend dürftig sind daher die Kenntnisse über Ursprünge und Anfänge – gewissenhafte Historiker geben diese Defizite auch gerne zu. Für die öffentliche Meinung werden diese geschichtlichen Ursprünge allerdings mit einer menschlichen Vorgeschichte kombiniert, die von der Evolutionstheorie geprägt ist. Die Mythen und Legenden unserer Vorfahren seien also in Wirklichkeit durch Jahrtausende und Jahrmillionen hominider Entwicklungsgeschichte zu ersetzen – durch eine zunächst biologische, parallel aber auch kulturelle und religiöse Höherentwicklung der Menschheit. Doch wie stimmig ist dieses »gesicherte« wissenschaftliche Bild?

Danke, Erich von Däniken!

Immer wieder müssen an der Menschheitsgeschichte leichte Korrekturen vorgenommen werden: Brunnen wurden früher gebaut, Kunstwerke sind älter, Waffensysteme intelligenter … Das Bild vom tumben, behaarten Neandertaler musste inzwischen mehrfach revidiert und modernisiert werden. »Durchaus möglich, dass der Neandertaler, modisch rasiert und frisiert, in unseren Fußgängerzonen nicht weiter auffallen würde.« Unsere Vorfahren aus der Steinzeit waren alles andere als primitiv.

Kleinere Korrekturen sind in der menschlichen Frühgeschichte also üblich. Und die großen Fragen? Woher kommen Steinwerkzeuge, die viel zu alt für die Menschheit sind? Warum wurden die größten Pyramiden ganz am Anfang der ägyptischen Geschichte gebaut? Woher kommen die mathematisch ausgerichteten Megalithen der europäischen Vorgeschichte? Bestimmt nicht von Außerirdischen, wie der berühmt-berüchtigte Erich von Däniken mutmaßt. Und doch legt gerade dieser immer wieder den Finger in die wunden Punkte der Archäologie. Mainstream-
Wissenschaftler und Medien machen sich lustig über ihn, genau wie so oft über gläubige Bibelkundler. Über die Suche nach dem Paradies schrieb der »Spiegel«:

»Jede Menge Krypto-Wissenschaftler und ›Die Bibel hat doch recht‹-
Spinner tummeln sich in der Szene. Unverzagt stöbern sie nach den Planken der Arche Noah. Der Spökenkieker Erich von Däniken hält die Bundeslade für einen Elektroakku.«

Spott und Hohn gegenüber Querdenkern und mutmaßlichen »Spinnern« sind das eine. Aber wo sind die fundierten Erklärungen der etablierten Wissenschaft auf von Dänikens Fragen?

Der Ursprung der Pyramiden birgt noch manches Geheimnis.

Zu den Pyramiden merkt er an: »Aus welcher Zauberwerkstatt stammt denn das Wissen, die Planung, die zum Zuge gekommene Technik des Steinzeitmenschen Snofru?« Die französische Bretagne mit ihren zahlreichen Megalithen hat es ihm – neben Stonehenge in England – ebenfalls angetan. Auf der Insel Gavrinis existiert gar ein Heiligtum mit massiven Steinplatten. Von Däniken: »Man soll’s doch mal versuchen, einen 250-Tonner auf primitive Steinzeitflöße zu verladen! Es gilt die alte Feststellung: Gavrinis entstand, als das Wasser noch nicht da war.«

Ob Malta, Delphi oder Göbekli Tepe – es gibt zahlreiche Spuren von Schwerstarbeit und hoher Kunstfertigkeit aus der Steinzeit.

»Da existieren allein um den Mittelmeerraum Hunderte von Dolmen und ebenso Hunderte von Steinkreisen, der größte Teil davon astronomisch ausgerichtet. […] unbegreifliche Tatsachen, die in kein Geschichtsbild und in kein Lehrbuch der Archäologie passen.«

Von Dänikens Erklärungen mögen eigentümlich sein – der Nachweis aber scheint erbracht, dass ferne Urahnen aus der Steinzeit intelligenter und technisch weitaus versierter waren, als dies heute meist angenommen wird. Jagdtechniken, handwerkliches Geschick sowie die Planung und Herstellung großer Monumente sind älter als im vorherrschenden System vorgesehen. Eine Höherentwicklung der Kultur und Intelligenz, wie sie die Entwicklungsgeschichte eigentlich fordert, ist in der Archäologie nicht zu beobachten.

Babel und Bibel – Wer schrieb die Mose-Bücher?

Die Bibel spricht nicht von einer Höherentwicklung, sondern vom Gegenteil: Sündenfall, Zerstreuung, Abstieg und Verlust. Menschen wurden weniger alt, Zivilisationen und technische Errungenschaften blieben auf der Strecke. Ist doch etwas dran an den »Mythen« der Bibel und anderer antiker Quellen? Wurde die Genesis (d.h. das 1. Buch Mose) nicht erst während der babylonischen Gefangenschaft im 6. Jahrhundert vor Christus erdichtet und von bereits damals unglaubwürdigen Legenden kopiert?

Mit seinen Vorträgen und der Schrift »Babel und Bibel« leistete der deutsche Assyrologe Friedrich Delitzsch (1850–1922) einen entscheidenden Beitrag zum sprichwörtlichen Streit zwischen Wissenschaft und Gottes Wort. Im Laufe seines Lebens entwickelte er eine äußerst kritische Haltung gegenüber dem Alten Testament und forderte sogar, es aus dem christlichen Kanon zu streichen. Damit einher gingen deutliche antijüdische Äußerungen und Delitzsch war stark an der damals entstehenden Polemik beteiligt, die zu einer der Grundlagen für den später vernichtenden Judenhass in Deutschland wurde.

Er hat der modernen Bibelkritik den Weg bereitet mit einer »immer klareren Erkenntnis sehr verschiedenartiger Quellenschriften, aus denen die fünf Bücher Mose zusammengestellt sind. Es sind das Tatsachen, die wissenschaftlich unerschütterlich feststehen, mag man gleich diesseits wie jenseits des Ozeans die Augen noch gewaltsam dagegen verschliessen. […] aber mit der Zeit wird schon Licht werden.«

Zwar weisen seine »Jünger« in heutiger Zeit alle antisemitischen Ansichten entschieden von sich, doch die bibelkritische Orientierung aus seinem Werk hat sich erhalten. Diese bestimmt heute zum großen Teil die Wissenschaft und auch die Theologie. Kaum jemand hält die biblischen Überlieferungen für historisch zuverlässig, was zum Beispiel auch dem Ausstellungskatalog einer bedeutenden Ausstellung zu entnehmen ist, die 2008 in Berlin stattgefunden hat: Unter dem Titel »Babylon –
Mythos und Wahrheit« präsentierte die aufwendige und informative Ausstellung die Erkenntnisse aus mehr als 100 Jahren archäologischer Forschung in der sagenumwobenen Metropole. In zweifacher Hinsicht manifestierte sich hier der Charakter Babylons wortwörtlich: Im leisen, aber eindrücklichen »babylonischen« Sprachengewirr der großen Anzahl an Besuchern, die sich mit einem Audioguide ausgerüstet durch das Museum schoben – und in der deutlich spürbaren Bemühung, die Glaubwürdigkeit der Bibel in Zweifel zu ziehen.

In der Dokumentation zur Berliner Ausstellung spielt die Bibel nur die Rolle des längst widerlegten Märchenbuches. Die Ablehnung der Historizität biblischer Schilderungen unter Berufung auf wissenschaftliche Forschung zeigt sich in häufigen Formulierungen wie »vermeintlich« und »historisch nicht belegt«. Der Gipfel der Irreführung ist in einem Artikel über Nebukadnezar zu finden: »Oftmals fälschlich mit Nimrod gleichgesetzt, nennt ihn die Bibel einen ›gewaltigen Jäger vor dem Herrn‹ (1. Mose 10,9).« Diese Behauptung ist frei aus der Luft gegriffen. So eine Gleichsetzung findet man nirgends in der Bibel, doch Menschen, die sich in der Bibel kaum auskennen, nehmen die Aussage für bare Münze und sehen sich in ihrer Haltung bestätigt, die Bibel als »Märchenbuch« zu sehen.

Man möchte wohl die Diskussion um die Glaubwürdigkeit der Bibel gar nicht mehr führen. Babel hat gesiegt, das Fazit der Babylon-Ausstellung in Berlin war: »Babylon ist nicht Babel!« – die wissenschaftlichen Erkenntnisse scheinen die historischen Aussagen der Bibel widerlegt zu haben.

»Babylon. Mythos und Wahrheit.« Eine Ausstellung in Berlin widmete sich 2008 unter anderem dem Bibel-Babel-Streit.

Aber vieles deutet darauf hin, dass die fünf Mosebücher – der sogenannte Pentateuch – schon viel älter sind, als in der heutigen alttestamentlichen Wissenschaft angenommen wird. Es wurde sogar vermutet, dass Mose in den ersten Kapiteln der Genesis Tontafel-Dokumente seiner Vorfahren abgeschrieben hat. Waren es wahre Ereignisse, die von den Schreibern der Bibel notiert und im Gilgamesch-Epos literarisch verarbeitet wurden?

In einer Analyse aus dem Jahr 1997 beklagt der Theologe Bernhard Knieß, dass die frühen Bibelkritiker wie Julius Wellhausen (1844–1918) ihre Theorien »ohne die Ergebnisse der Archäologie und Altertumswissenschaft – die Delitzsch dann nachliefern wollte – quasi am grünen Tisch aufstellte[n].« Die aktuelle Forschungslage bezeichnet er als »chaotisch«, da die wissenschaftliche Diskussion »in ein beinahe unüberschaubares Spektrum derzeitiger Hypothesenbildung bis hin zum radikalen Thesenverzicht mündete.«

Mehrere Argumente sprechen nach Knieß’ Ansicht deutlich für die Verfasserschaft Moses: Die »zahlreichen exakten und stets zutreffenden Beschreibungen des Landes Ägypten«; die Beschreibung der Ereignisse während des Exodus »können unmöglich aus der Feder eines Schriftstellers stammen, der die Wüste nicht selbst erlebt hatte.« Knieß schlussfolgert, »dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Mose allein die biografischen, literarischen, geistigen und geistlichen Voraussetzungen für seine Autorschaft vereinigt.« Und für Christen »sollte das Zeugnis Jesu entscheidend sein, die mosaische Verfasserschaft des gesamten Pentateuch zu akzeptieren«.

Wenn nun Mose selbst den Pentateuch geschrieben hat, sind seine Inhalte mindestens 700 Jahre früher schriftlich fixiert worden als gemeinhin angenommen. Es ist somit sehr viel unwahrscheinlicher, dass Mose von babylonischen Quellen wie dem Gilgamesch-Epos abgeschrieben hat (denn die vorliegende schriftliche Form des Gilgamesch-Epos’ wird auf das 12. Jahrhundert v.Chr. datiert, während Mose – nach der Frühdatierung des Exodus – im 15. Jahrhundert v.Chr. lebte). Viel eher gehen Bibel und babylonische Überlieferungen gleichermaßen auf Ereignisse zurück, die tatsächlich stattgefunden haben. Mose, Abraham und Noah sind dann keine fiktiven, sondern wirkliche Persönlichkeiten der Frühgeschichte. Und wenn die Menschheit, wie es die Bibel berichtet, durch die Flut gerichtet und ausgelöscht wurde, dann wäre Noah wahrhaftig der Urahn der gesamten nachsintflutlichen Menschheit.

Für die Sintflut als geschichtliche Tatsache gibt es eine Vielzahl weiterer Belege, so zum Beispiel die Überlieferungen unterschiedlicher Kulturen Asiens, Amerikas und des Nahen Ostens. Zu den außerbiblischen Quellen des Alten Orients zählen die sumerisch-babylonische Utnapischtim-Erzählung des Gilgamesch-Epos oder das noch ältere Atra-chasis-Epos sowie die Sumerische Königsliste (in dieser trägt Noah den Namen »Ziusudra«, der später vom babylonischen Geschichtsschreiber Berossos als »Xisuthros« wiedergegeben wird). Und schließlich berichten von der Sintflut noch einige jener antiken Historiker, deren Schriften so gerne in den Bereich der Sagen und Mythen verwiesen werden.

Ahnherr der Europäer: Jafet

Dem Historiker Nennius, der am Ende des 8. Jahrhunderts n.Chr. gelebt hat, wird in einer neuen deutsch-lateinischen Ausgabe seiner »Historia Brittonum« unterstellt, dass er »versuchte, die eigene Geschichte an die Bibel und die Ereignisse der Antike (Trojanischer Krieg, Gründung Roms) anzuknüpfen.«

Vor allem die beschriebenen Wunder und biblischen Zusammenhänge sind dem Kommentator der Nennius-Übersetzung höchst verdächtig: Erstere sieht er als »spätere Zutaten«. Er betrachtet es als Tatsache, dass die »Sintflutsage […] im 6. Jh. v.u.Z. in Mesopotamien in die Bibel übernommen« wurde. Ebenso behauptet er: »Wie Abraham verschwindet auch Mose im Nebel der Mythologie« und: »Ein Ablauf der Ereignisse, wie sie die Bibel beschreibt, ist widerlegt.« Zuletzt sieht er mit Bezug auf den Archäologen Israel Finkelstein auch die Historizität Davids als »umstritten« an. Erst mit dem babylonischen Herrscher Nebukadnezar »betreten wir sicheren historischen Boden.«

Alles in allem gilt für Kommentator Günter Klawes, dass die historische Arbeit Nennius’ »… ihrer Zeit entsprechend aus biblischen und antiken Elementen zusammengesetzt wurde.«

Ganz anders geht Bill Cooper in seinem Buch »After the Flood« an die Chroniken des Nennius heran und weist ihre besondere Zuverlässigkeit nach:

»Der unermessliche Wert der Arbeit [des Historikers] Nennius und sein Beitrag zu unserem Verständnis antiker Geschichte kann nicht hoch genug bewertet werden. Gleichzeitig wäre es, wenn wir mit der Arbeitsweise der modernen Wissenschaftler nicht vertraut wären, ungemein schwierig, die Ablehnung und Verunglimpfung seines Namens zu verstehen. Seine Leistung war es, alle vorhandenen Überlieferungen über die Ursprünge der Briten zu sammeln, die er finden konnte, und in einem Werk zusammenzufassen.«

Nennius habe in einer düsteren Zeit alte Quellen gesammelt und durch originalgetreue Abschriften bewahrt. Auch gewisse Fehler habe er nicht korrigiert, sondern bewusst mit ihren Unzulänglichkeiten kopiert:

»Dies alles belegt, dass Nennius leicht hätte diese Stellen überarbeiten oder korrigieren können, was seine eigene Glaubwürdigkeit erhöht hätte. Aber genau dies ist es, was nun paradoxerweise sein Ansehen als vertrauenswürdiger und zuverlässiger Historiker erhöht und uns die Sicherheit gibt, dass wir diese überaus alten Dokumente genauso lesen, wie sie Nennius gelesen hat.«

Unter den von Nennius in der »Historia Brittonum« gesammelten Quellen sei, so Cooper, »eines der wichtigsten Dokumente aus der antiken Welt, die in unseren Besitz kommen konnten. […] Es zeichnet die Abstammung einer beträchtlichen Anzahl der frühen europäischen Nationen auf.«

Bereits Flavius Josephus hat in seinem zur Zeit Jesu entstandenen Geschichtswerk »Jüdische Altertümer« die Völkertafeln der Bibel wiedergegeben und nach damaligem Kenntnisstand erläutert. Gegenüber dieser bedeutenden Quelle habe Nennius aber auch Informationen verarbeitet, die weder in der Bibel noch bei Josephus zu finden seien. Bill Cooper schließt daraus, dass Nennius gänzlich unabhängige Quellen hatte, die aber inhaltlich übereinstimmten – aus dem einzigen Grund, weil diese Abstammungslinien, die Cooper in mühevoller Kleinarbeit mit anderen historischen Geschichtswerken vergleicht, die tatsächlichen Wurzeln der europäischen Völker wiedergeben.

Trotz mancher offenen Fragen im Detail kann Cooper die Ahnen der europäischen Völker auf Noahs Sohn Jafet zurückführen und bezeugen:

»In mehr als 25-jähriger Suche und Analyse konnte ich in der [biblischen] Völkertafel nicht einen Fehler oder eine falsche Wiedergabe der Tatsachen entdecken«.

Nennius hat demnach also keineswegs versucht, die britische Geschichte mit der Bibel zu harmonisieren, sondern er hat die Historie wahrheitsgemäß niedergeschrieben. Nennius hat nicht einfach Inhalte der Bibel übernommen, sondern beide, Bibel und Nennius, geben den Hergang der Geschichte aus unterschiedlicher Perspektive übereinstimmend wieder.

Die Kehrtwende im 19. Jahrhundert

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein haben die Gelehrten ihre Geschichtsforschung auf die Bibel und die alten Historiker gegründet (wie z.B. die von Siegmund Jacob Baumgarten ab 1744 übersetzte »Allgemeine Welthistorie« in 18 dicken Bänden). Wellhausens Bibelkritik und Darwins Evolutionstheorie haben dann dazu beigetragen, dass der Einfluss dieser Quellen immer mehr zurückging. Später schienen archäologische Entdeckungen und die Entzifferung alter Inschriften die Unzuverlässigkeit der bekannten Schriften zu bestätigen. In dieser Annahme schlägt sich allerdings auch eine von vornherein bibelkritisch und entwicklungsgeschichtlich geprägte Interpretation der Funde nieder.

Blendet man jedoch die »am grünen Tisch« entworfene Bibelkritik und die Evolutionstheorie mit ihren zahlreichen Schwächen und offenen Fragen einmal aus, ergibt sich aus den Erkenntnissen der Archäologie, den Zeugnissen der antiken Historiker und im Licht der Bibel ein überraschend stimmiges Bild der Weltgeschichte. Zugegeben, mit manchen Wundern und übernatürlichen Ereignissen – aber entspricht dies nicht genau dem, was man erwarten müsste, wenn Gott souverän handelt?

Wenn wir uns ganz neu auf die Bibel als weltgeschichtliches Zeugnis einlassen, erblicken wir ein sehr glaubwürdiges und von Gottes Existenz bestimmtes Weltbild, in das auch Wunder passen, übernatürliche Erscheinungen und selbst urzeitliche Kreaturen, die nicht mehr in eine Vorgeschichte verbannt werden müssen, die bereits Jahrmillionen zurückliegt. Der scheußliche Grendel aus dem schon erwähnten angelsächsischen Heldengedicht »Beowulf« und die Drachen aus den Sagen alter Kulturen könnten dann ebenso real existierende Dinosaurier – »schreckliche Echsen« – gewesen sein wie möglicherweise die im Buch Hiob erwähnten Geschöpfe Behemot und Leviathan.

Faszinierende Geschichte statt historischer Fantasy

Zurück ins Kino: Tolkiens Hobbits sind einfache Wesen, die zu Ungewöhnlichem fähig sind. Der christliche Schriftsteller hat es verstanden, aus seinen Gedanken und Inspirationen eine literarische Welt zu erschaffen, eine Fantasiewelt, ein fiktives Paralleluniversum. Doch Mittelerde existiert in Wirklichkeit nicht.

Flavius Josephus dagegen führte schon vor 2000 Jahren aus:

»Diejenigen, welche sich der Geschichtsschreibung befleißigen, tun dies nicht aus ein und denselben, sondern aus vielfachen, meist unter sich verschiedenen Beweggründen. Denn einige gehen an diese Art Arbeit, um ihre Redegewandtheit leuchten zu lassen und dadurch berühmt zu werden, andere, um denen zu gefallen, über die sie schreiben. Freilich trauen sich diese Letzteren oft mehr zu, als sie vermögen. Wieder andere treibt ein gewisser Zwang, die Ereignisse, deren Zeugen sie waren, schriftlich vor Vergessenheit zu bewahren; viele auch veranlasst die Erhabenheit wichtiger, im Dunkel verborgener Tatsachen, diese zum allgemeinen Besten zu erzählen. Von den genannten Beweggründen sind für mich die zwei letzten in Betracht gekommen.«

Er sieht sich selbst also offenbar der Wahrheit verpflichtet. Auch Nennius wollte trotz seiner »minderen Begabung und ungebildeten Sprache« durch seinen »heilsamen Trunk des Beweises« dazu beitragen, dass die Taten und Ereignisse der Vergangenheit der »Erinnerung der Nachgeborenen« überliefert würden.

Die antiken Historiker beanspruchten also, das festzuhalten, was geschehen war. Wohl interpretierten einige von ihnen diese Geschehnisse, schmückten sie vielleicht aus, brachten ihre religiösen Vorstellungen hinein, Fehler schlichen sich ein. Doch sie erfanden nicht grundlegend Neues, um es als Geschichte zu vermarkten.

Noah hat wirklich gelebt, die Bibel berichtet sachlich und ungeschönt von ihm. Das Gilgamesch-Epos hat die Ereignisse verfärbt und in einen polytheistischen Kontext gestellt, besitzt aber doch einen historisch wahren Kern. Die Ausbreitung der Kulturen und Zivilisationen geht von Südostanatolien aus – ausgerechnet dort befindet sich der Berg Cudi, auf dem möglicherweise die Arche gelandet ist. Die Völkertafel der Bibel und deren Erläuterung durch spätere Geschichtsschreiber zeigen, wie sich die Nationen nach der Flut ausgebreitet haben. Die ersten Generationen erreichten ein hohes Lebensalter, vielleicht wurden sie deshalb – wie Utnapischtim oder auch Nimrod – für unsterblich gehalten oder zu Göttern erklärt. Eine biblisch orientierte Geschichtsforschung bietet auch in unserer aufgeklärten Zeit faszinierende Perspektiven, selbst wenn viele Fragen vorerst offen bleiben. Aber offene Fragen gibt es auch in der traditionellen Forschung in Hülle und Fülle.

 

 

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