Viele Menschen tun sich heute sehr schwer mit der Geschichte von der Arche Noah. Wie passt sie mit unserem heutigen Denken und Wissen zusammen? Ist die Erzählung von Noah und der Sintflut nicht nur ein uraltes Märchen?
In seinem Buch »The Rocks Don’t Lie« macht sich der Geowissenschaftler David R. Montgomery auf die Suche nach der Sintflut Noahs, ganz im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, deren Ansicht er so zusammenfasst:
»Heute lächeln die Geologen normalerweise über die Sintflut und verwerfen sie mit einem Achselzucken als Relikt aus einer anderen Epoche. Doch viele Jahrhunderte lang war es die einhellige Meinung unter Christen und Naturphilosophen, dass Noahs Flut die Welt geformt hatte. Was sonst könnte es gewesen sein?«
»The Rocks Don’t Lie« gibt einen ausführlichen Einblick in die Geologiegeschichte. Die Überzeugung der Forscher habe sich entscheidend gewandelt: Früher war die Geologie unmittelbar mit der Suche nach Spuren der Sintflut verbunden – ganz einfach, weil man von ihr als Tatsache ausging. Heute verschwenden die meisten Geologen keinen Gedanken mehr an die biblische Flut.
»Jahrhundertelang interpretierten Christen wissenschaftliche Entdeckungen im Glauben daran, dass Gottes Wort (die Bibel) und seine Schöpfung (die Natur) miteinander im Einklang sein müssen […] Die meisten frühen Geologen waren Geistliche, die davon überzeugt waren, dass Gesteine die Natur der Werke Gottes offenbaren – genauso, wie die Bibel sein Wort offenbart.«
Montgomery zeigt auf, wie Wissenschaftler zur Überzeugung gekommen sind, dass die Bibel nicht wörtlich zu nehmen sei. Im Rahmen dieser konventionellen Überzeugung macht er sich auf die Suche nach den Wurzeln der Sintflutgeschichte, orientiert sich dabei aber recht wenig an der Bibel.
Dabei betont die Bibel sehr deutlich und konsistent, dass sie historisch verstanden werden möchte. So haben auch historisch-kritische Alttestamentler festgestellt: »Die Geschichte, [die der biblische Autor schreibt,] will von ihm als Geschichte erzählt sein, die so zu nehmen ist, wie sie dasteht.« Und in aller Klarheit beschreibt die Bibel eine weltweite Flut: »Und das Wasser schwoll sehr, sehr an auf der Erde, sodass alle hohen Berge, die unter dem ganzen Himmel sind, bedeckt wurden. Fünfzehn Ellen darüber hinaus schwoll das Wasser an; so wurden die Berge bedeckt« (1. Mose 7,19-20).
Auch wenn manche Ausleger diese Stelle auf die damals bekannte Erde beziehen, ist sich doch eine ganze Reihe von Experten darin einig, dass die Wortwahl der Bibel »alle apologetischen Bemühungen, die Sintflut auf nur einen Teil der Erde einzuschränken, zuschanden« macht.
Welchen Sinn hätte die Arche bei einer nur regionalen Überschwemmung? Man hätte auf hohe Berge flüchten können. Auch die Mitnahme der Tierarten hätte sich Noahs Familie sparen können, ebenso wie das spätere Aussenden der Vögel zum Aufspüren trockener Erde.
Andrew Snelling hat in seinem zweibändigen Werk »Earth’s Catas-trophic Past« »acht bedeutende biblische Argumente« ausgearbeitet, die für eine Flut mit globaler Ausbreitung sprechen:
1. Der biblische Bericht spricht eindeutig von einer Wassermasse, die alle Berge der Erde überflutet hat.
2. Die Maßangabe in 1. Mose 7,20 weist darauf hin, dass die Berge so hoch überflutet waren, dass die Arche darüber hinwegschwimmen konnte: »Fünfzehn Ellen darüber hinaus schwoll das Wasser an; so wurden die Berge bedeckt«.
3. Die Bemerkung »an diesem Tag brachen alle Quellen der großen Tiefe auf« (1. Mose 7,11) lässt auf enorme geologische Vorgänge schließen, die mit einer lokalen Flut nicht kompatibel sind.
4. Die Herstellung einer Arche mit mindestens 41.000 Kubikmeter Rauminhalt für die Rettung von acht Menschen und einiger Tiere wäre im Rahmen einer lokalen Flut völlig unbegreiflich.
5. Bei einer begrenzten Flut wäre überhaupt keine Arche notwendig gewesen, denn es wäre ausreichend Zeit für die Flucht aus dem gefährdeten Gebiet geblieben.
6. Die Ausführungen des Apostels Petrus zur Gewissheit über das Wiederkommen Jesu Christi unter Berufung auf die Sintflut würde ohne eine tatsächlich geschehene weltweite Katastrophe keinen Sinn ergeben: »… dass in den letzten Tagen Spötter mit Spötterei kommen werden, die nach ihren eigenen Begierden wandeln und sagen: Wo ist die Verheißung seiner Ankunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an. Denn denen, die dies behaupten, ist verborgen, dass von jeher Himmel waren und eine Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte, und zwar durch das Wort Gottes, durch welche die damalige Welt, vom Wasser überschwemmt, unterging. Die jetzigen Himmel und die jetzige Erde aber sind durch dasselbe Wort aufbewahrt und für das Feuer aufgehoben zum Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen« (2. Petrus 3,3-7).
7. Auch der Vergleich Jesu zwischen Sintflut und seiner Wiederkunft würde wenig Sinn ergeben: »Wenn der Menschensohn wiederkommt, wird es sein wie zur Zeit Noahs. In den Tagen vor der Sintflut feierten die Menschen rauschende Feste, Orgien und Hochzeiten, bis Noah in seine Arche stieg. Sie merkten nicht, was geschah, bis die Flut kam und sie alle hinwegschwemmte. Genauso wird es sein, wenn der Menschensohn kommt« (Matthäus 24,37-39). Die Wiederkunft Jesu wird zweifellos ein globales Ereignis sein. Demnach muss die Sintflut, die Jesus ja in Analogie zu seiner Wiederkunft stellt, ebenfalls globale Ausmaße gehabt haben.
8. Zur Zeit der Flut muss die Menschheit sich schon weit ausgebreitet haben, daher hätte sie durch eine nur lokale Flut nicht ausgelöscht werden können.
Die heute bekanntesten Erklärungen für die Sintflut nehmen trotzdem eine großflächige Überschwemmung des Zweistromlands an oder eine begrenzte Flutkatastrophe am Schwarzen Meer. Beide liefern allerdings keine Erklärung für das Stranden der Arche.
»Fast einen ganzen Mondzyklus lang sind die Reisenden einsam und ohne jeden Anhaltspunkt durch einen grenzenlosen Wasserkosmos getrieben, sie hatten ihr Floß in aller Hast beladen müssen; nur die Familie und ein paar Ziegen fanden darauf Platz. Aber sie haben wertvolles Saatgut dabei, mit dem sie künftig neue Felder anlegen können.« – So wenig ist von Noah und der riesigen Arche – dem Rettungsschiff aller Landlebewesen – in der Interpretation der Geowissenschaftler Walter Pitman und William Ryan übriggeblieben. Sie sehen eine schreckliche Katastrophe als wahren Kern des »Menschheitsmythos«, die geologisch am Schwarzen Meer nachgewiesen werden konnte und vor 7600 Jahren stattgefunden haben soll.
Auch das Ehepaar Alexander und Edith Tollmann, das eine weltweite Flutkatastrophe durch über den ganzen Globus verteilte Einschläge mutmaßlicher Kometentrümmer annimmt, lehnt den Gedanken an einen mit der Bibel kompatiblen Ablauf der Ereignisse ab:
»Die fromme Legende der Arche Noah hat sich inzwischen längst als Produkt orientalischer Fantasie erwiesen, denn sie hätte weder die ihr u.a. zugedachte Funktion der Erhaltung des tierischen Lebens auf der Erde erfüllen noch zur Zeit der Sintflut, also vor neuneinhalb Jahrtausenden, entsprechend groß errichtet werden können.«
Eine Sintflut ohne Arche, ohne Noah? Was bliebe dann noch übrig von der Botschaft der Gnade Gottes, die uns die Bibel anhand dieses Ereignisses aufzeigen möchte?
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