Meine Hiobsbotschaft

von Timo Roller

16.3.2021, letztes Update vom 28.4.2021 (siehe unten)

»Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?« (Hiob 2,10)

Das bisherige Jahr 2021 hat mein Leben umgekrempelt: Immer wieder heftige Bauchschmerzen, ein Tumor am Darm, eine Operation – und nun eine anstehende Chemotherapie; mein Fokus wurde komplett verschoben. Es ist ungewiss, was die nächsten Wochen und Monate bringen. Ich möchte zuversichtlich sein, doch das gelingt nicht jeden Tag.

In den letzten Jahren bin ich mit dem Flugzeug über die Gipfel von Noahs Landeplatz in der Südosttürkei geflogen, bin in den Tiefen Jerusalems durch die dunklen Gänge Hiskias gegangen, bin auf den Trümmerfeldern in Haran, wo einst Abraham lebte, gestanden. Ich habe mich als Bibelabenteurer bezeichnet, weil ich sowohl physisch als auch geistlich versucht habe, den Personen, Ereignissen und Orten der Bibel nachzuspüren.

2020 hatte sich einiges geändert, wegen Corona mussten wichtige Reisen abgesagt werden, nach Israel und auch in die Türkei zum Arche-Berg. Für den Spätsommer 2021 haben wir eine Studienreise zum Thema Archäologie nach Israel geplant. Ich weiß nicht, ob sie wird stattfinden können. Doch nun, während immer noch Corona unser Leben bestimmt und Expeditionen unwahrscheinlich erscheinen, steht mir eine ganz andere Reise bevor: Eine Reise, die ich hier in der Heimat antreten muss, eine Reise auf den Spuren Hiobs.

Oft und intensiv habe ich mich in der Vergangenheit mit diesem hochinteressanten Buch beschäftigt, theoretisch-theologisch wurde mir vieles daran klar. Gott ließ es zu, dass der Teufel den gläubigen und mit Wohlstand gesegneten Hiob herausforderte: »Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des HERRN und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel.« (Hiob 2,7) – Nun erlebe ich eine Zeit, in der ich einen intensiveren, unangenehm direkten Zugang zu dieser Geschichte bekomme.

Seit mehreren Monaten hatte ich anhaltende Magen- und Darm-Beschwerden – zwischen leichtem Grummeln und heftigen Bauchkrämpfen – doch wir glaubten Anfang 2021, diesen »Reizdarm« mit den richtigen Diäten und ein wenig Geduld noch in den Griff zu bekommen. Allerdings hatte ich mittlerweile innerhalb von einem Jahr 20 Kilo abgenommen und wog nur noch 85 Kilogramm. Am Freitag, 22. Januar hatte ich schließlich nach einigen anderen Untersuchungen eine Computertomografie (CT) des Bauchbereichs, vielleicht würde sich daraus Konkreteres ergeben?

Es wurde sehr konkret und ab dem Montag darauf ging alles ziemlich schnell: Eine »Raumforderung« war festgestellt worden, abends noch ein Termin bei der Hausärztin. Am Mittwoch dann Onkologie – »Tumor«, »Krebs«, »Operation«: aus dem lästigen, aber doch noch eher harmlosen Bauchkrämpfe-Auf-und-Ab wurde ein lebensbedrohliches Schreckgespenst. Weitere Untersuchungen, Gespräche und ein OP-Termin in Nagold wurden vereinbart.

Den Chefarzt der Chirurgie traf ich am Freitag der gleichen Woche, von einem »neuroendokrinen Tumor« war inzwischen die Rede, von möglicher Entfernung eines Darmsegments, im schlimmsten Fall künstlicher Darmausgang. Erst während der OP könne das entschieden werden. Vom dann entfernten Gewebe würden weitere Maßnahmen abhängen. Ende des Leidenswegs? Beginn einer Chemotherapie und jahrelang immer wiederkehrender Ungewissheit von Krebsuntersuchungen? Ich kannte das von Bekannten und von meinen Eltern. Aber es ist völlig anders, wenn es einen selbst betrifft.

»Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!« – Diesen Vers aus Psalm 31 ließ ich auf die MORIJA-Weihnachtskarte 2020 drucken. Auch »Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.« aus Psalm 91 wurde mir in diesen Tagen – wie auch schon im ganzen Corona-Jahr – vor Augen gestellt. Und bei der Fahrt zum Gesprächstermin sah ich neben der Burgruine Hohennagold einen Regenbogen! Der Bund Gottes mit Noah. Aus dem Nagolder Krankenhaus blickte ich immer wieder hinüber auf den Schlossberg, den diese Ruine krönt.

Die Burg Hohennagold. Und ich selbst, vor der Operation, mit 20 kg weniger als vor einem Jahr.

Die Operation am 9. Februar dauerte 4,5 Stunden. Der Tumor wurde entfernt, auch ein 50 cm langes Stück des Dünndarms inklusive des Übergangs zum Dickdarm. Ich erholte mich gut, fünf Tage später wurde ich entlassen. Die Verdauung stellte sich auf die neue Situation ein (mehr oder weniger gut), die Beschwerden waren weg und die Wunden verheilten.

Aufatmen und erholen war angesagt. Ein Spaziergang zur Burg – mit Blick in die andere Richtung, hinüber zum Krankenhaus. Und der Tumor? Der Befund sollte sich verzögern, es sei etwas anderes, ich müsse womöglich 14 Tage warten.

Seit dem 1. März weiß ich inzwischen, dass mir eine weitere Behandlung bevorsteht. Der entfernte Tumor war ein ziemlich aggressives »diffuses großzelliges Lymphom« und die Gefahr besteht, dass wieder etwas ausbricht. Es steht nun eine kombinierte Chemo- und Antikörper-Behandlung bevor, die bis in den Sommer hinein dauern wird. Da kann es durchaus heftige Nebenwirkungen geben und ich werde wahrscheinlich nur eingeschränkt handlungsfähig sein. Die Heilungschancen sind aber recht gut.

Am 22. März werde ich nochmals mithilfe eines PET-CTs gecheckt: Was machen die aggressiven Zellen im gesamten Lymphsystem meines Körpers? Brauche ich die volle Behandlung oder reicht eine verkürzte Therapie? Am 30.3. geht es dann los: Ich bekomme die erste Dosis des Antikörpers Rituximab verabreicht, einen Tag später die Chemo. »R-CHOP« nennt sich diese Behandlung. Nach drei Wochen wieder.

Emotional ist es nicht einfach, das zu verarbeiten. Ich habe anfangs mit Hiskia gefleht: »Ach, HERR, gedenke doch, dass ich vor dir in Treue und mit rechtschaffenem Herzen gewandelt bin und getan habe, was dir wohlgefällt. Und Hiskia weinte sehr.« (2. Könige 20,3) – ich weinte auch, desöfteren. Und es kommt immer wieder. Vor Angst. Vor Rührung für Segenswünsche und Gebetszusicherungen. Vor Dankbarkeit für alles, was ich habe, erleben durfte und auch in Zukunft noch intensiver genießen will.

Die Endlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens wurde mir in den letzten Tagen und Wochen sehr bewusst. Und auch, dass eigentlich sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft damit leben müssen, nicht mehr lange am Leben zu sein. Jeder 80-Jährige müsste sich im Klaren sein, dass er in 10 Jahren vielleicht nicht mehr da sein wird. Ist das so?

Bin ich selbst in 10 Jahren noch am Leben? Unterbewusst ging ich bisher im Alltag davon aus. Aber wird es tatsächlich so sein? Wird mich der Krebs besiegen? Wird mich ein Unfall irgendwann plötzlich aus dem Leben reisen? Oder Corona? Wird die Gesundheit, das Alter mich weiter beeinträchtigen? Wie werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Jahr 2031 sein?

»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« heißt es in Psalm 90,12. Wie oft hat man das schon aufgesagt und auch darüber nachgedacht! Viel zu oberflächlich?

Vielleicht werde ich eines Tages – in mehreren Monaten – mit Hiob sagen können: »Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.« (Hiob 42,5) – Vielleicht wird es mir bald wieder viel besser gehen; am Ende des Buches Hiob steht: »Und der HERR segnete Hiob fortan mehr als zuvor.« (Hiob 42,12)

Ich weiß nicht, was kommt. Niemand weiß es. Mein Leben liegt in Gottes Hand. Das war bisher so, auch wenn ich das zu oft verdrängt habe. Ich werde diese schweren Gedanken auch in Zukunft wieder verdrängen und eine Art Alltag wird zurückkehren. Aber sie werden sicherlich oft und stark wiederkehren: während und nach meiner Chemo. Die Unsicherheit wird bleiben und sie wird präsenter sein als zuvor: Was wird die nächste Untersuchung zeigen? Ist der Krebs besiegt? Kommt etwas Böses zurück?

Es geht dem Ende entgegen, unweigerlich und unaufhaltsam, das muss uns klar sein. Und dann? Sind wir nach Psalm 90 klug geworden, wenn wir bedenken, dass wir eines – hoffentlich fernen – Tages sterben müssen? Und wissen wir, dass nach dem, was Jesus Christus verheißen hat, der Tod nicht das Ende sein wird? »Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.« (Johannes 17,3)

Nutzen und genießen wir die Tage, die uns hier in diesem Leben zur Verfügung stehen!

Update vom 22.3.2021

Aufgrund einer technischen Panne wurde die für den heutigen Montag geplante PET-CT-Untersuchung kurzfristig auf den Donnerstag, 25.3., verschoben.

Die erste Chemo, Jesaja, Sonnenschein und Eis – Update vom 1.4.2021

Der erste Therapiezyklus ist überstanden, die erste Gabe Rituximab am 30. März erzeugte nur ganz leichte Nebenwirkungen, die Chemo-Infusion am 31. März scheint mein Körper auch sehr gut verkraftet zu haben – bisher zumindest. Ich habe viel getrunken, den Kreislauf tagsüber bei herrlichem Sonnenschein in Schwung gebracht und in der Nacht ganz gut geschlafen. Mit einem offensichtlich guten Befund des PET-CTs, das am 25. März problemlos in Tübingen nachgeholt werden konnte, gehe ich gerade mit großer Zuversicht auf die Oster-Feiertage zu.

»Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, damit dich die Ströme nicht überfluten.« – Dieser Vers hat mich durch die beiden Behandlungstage begleitet. Als ich mit Hiskia geweint habe, flehte ich Gott an, dass er mir doch einen Jesaja schickt – so wie damals, als der Prophet die gute Nachricht von Gott überbrachte, dass König Hiskia wieder gesund werden sollte.

Nun war mir dieser Vers wieder eingefallen, ich habe ihn als »Jahreslos« am 1. Januar 2021 bekommen, also quasi als Zusage Gottes, die mich durchs Jahr begleiten sollte. Damals, am Jahresanfang, war noch nicht klar, in welchem Ausmaß ich »durch Wasser gehen« würde. Dieser Vers – ich musste ihn wieder suchen und nachschauen – stammt aus dem Buch Jesaja! Ein ermutigender Gedanke: Gott hatte mir also meinen Jesaja mit der guten Nachricht bereits vorbeigeschickt, bevor ich um ihn gebeten habe!

Ein Eis im Sonnenschein nach dem ersten Therapiezyklus: neue Zuversicht – Ostern kann kommen!

»Im Lande der Lebendigen« – Update vom 13.4.2021

»Ich werde wandeln vor dem HERRN im Lande der Lebendigen.« – Dieser Vers 9 aus Psalm 116 hat mich (natürlich!) in der Bibellese am Sonntag besonders angesprochen. Wahrscheinlich hatte der Psalmschreiber mit größeren Herausforderungen zu kämpfen als ich, als er schrieb: »Stricke des Todes hatten mich umfangen, des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not« (Vers 3).

Und doch fühlte ich mich verstanden und angerührt. Der Psalm mit dem »Dank für Rettung aus Todesgefahr« ändert schnell seine Richtung und lenkt den Blick nach wenigen Versen auf unseren gnädigen und barmherzigen Gott. In seiner Livestream-Predigt aus dem Schönblick in Schwäbisch Gmünd predigte Hans-Joachim Eckstein am Sonntagmorgen unter anderem über die »Krise der Vergänglichkeit«, Jesu Jünger waren nach der Kreuzigung in Trauer und besannen sich zurück auf etwas, worin sie sich sicher waren: aufs Fischen. Ein typischer Reflex in der Krise, erklärte Eckstein (Predigttext: Johannes 21,1–14). Ich erkannte ähnliche Strategien bei mir selbst im Umgang mit »meiner« Krise der Vergänglichkeit.

Prinzipiell geht es mir in der Zeit nach dem ersten Chemo-Zyklus ziemlich gut – zwei Wochen sind seither vergangen, in einer Woche, am 20.4., geht es weiter. Einige Auf und Abs gab es dennoch in letzten Tagen. Kribbeln in den Fingern, ein trockener Gaumen, leichtes Kopfweh am Morgen und Antriebslosigkeit: Nebenwirkungen, denen man nachspürt. Man hört in sich hinein, schläft nicht immer besonders gut – was den Zustand nicht gerade verbessert. Dann habe ich am vergangenen Donnerstag bemerkt, dass mein Bartwuchs scheinbar aufgehört hat, nach mehreren Tagen seit der Rasur hatte ich nur leichte Stoppeln: Das »Gift« wirkt, die Zellteilung wird verlangsamt. Wann werden meine Haare ausfallen und nicht mehr nachwachsen?

Am Samstag war dann der bisher mieseste Tag, das Kopfweh blieb nach einer schlechten Nacht, nachmittags habe ich mich zum Joggen aufgerafft, zum dritten Mal seit der Chemo. Zweimal waren es je fünf Kilometer, heute dann nur 3,5. Aber trotzdem schien sich der Zustand danach zu verbessern, am Sonntag morgen fühlte ich mich sogar wirklich gut! Nach Bibellese, Online-Predigt und Mittagessen ging es auf Tour: Ich wollte sehen, wie die Natur aufblüht, Ziel war der Schönbuchrand, ich packte meine Kamera ein (Zurückbesinnungs-Reflex!).

Schon von weitem sahen wir, dass am Schönbuch noch nicht viel los war mit blühender Natur. Wir parkten dann schon zwischen Haslach und Herrenberg. Tatsächlich färbten viele Blumen die Wiesen, das Moos im Wäldchen strahlte in sattem Grün – und die Apfelbäume hatten zu blühen angefangen und lockten Bienen und Hummeln an. Neues Leben nach dem langen und (für mich besonders!) trüben Winter. Ein wahrer Spaziergang im »Lande der Lebendigen«. Ich fotografierte munter drauf los und tatsächlich entstanden ein paar hübsche Bilder.

»Die Krise ist Grundlage für das Erwachsenwerden der Jünger im Glauben«, so erklärte Eckstein die Ereignisse nach der Auferstehung, als Jesus seinen Jüngern in ihrer Trostlosigkeit begegnete. In der Krise haben sie sich – wie erwähnt – zurück auf ihr Handwerk besonnen, doch das Ergebnis ihres Fischzugs war niederschmetternd: nichts gefangen: nichts! Nicht einmal das, was sie eigentlich wirklich gut gekonnt hatten, klappte mehr. Bodenlose Hoffnungslosigkeit, in die Jesus hineinwirkte. Eine ermutigende Erkenntnis, obwohl es mir beim Fotografieren besser erging. :-)

Und so sind meine Blütenfotos ein Zeugnis dafür, dass unser Schöpfer immer wieder neues Leben entstehen lässt – und im übertragenen Sinne, dass nach der Krise der Kreuzigung in der Auferstehung Jesu eine ganz neue Perspektive geschaffen wurde. Und für mich persönlich, dass mich Gott nach (oder in) meiner Krise wieder ganz bewusst »im Lande der Lebendigen« wandeln lässt: »Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes« (Psalm 116,7).

Der Weg entlang einer Obstbaumwiese. Sonne und Regen bringen im Frühjahr neues Leben. Erst zaghaft eine Blüte, dann blüht bald der ganze Apfelbaum.

Weniger Haare auf dem Haupt, BioNTech-Impfung und die zweite Chemo – Update vom 22.4.2021

»Kein Haar von eurem Haupt soll verloren gehen.« – über diesen Vers aus Lukas 21 stolperte ich bei der Bibellese am 17. März. Die Chemotherapie stand mir damals noch bevor, verbunden mit der hohen Wahrscheinlichkeit, dass mir dabei die Haare ausfallen würden. Ich wollte diesen Vers damals aber trotzdem als persönliche Ermutigung verstehen!

Am letzten Samstag (17.4.) fühlte ich mich eigentlich bereits die ganze Woche über super, morgens waren jedoch auffällig viele Haare im Waschbecken. Kurz vor dem 2. Zyklus begann es also! Abends pieksten die zuletzt auf 7 Millimeter rasierten Stoppeln sogar meine eigene Kopfhaut. Seither verliere ich täglich viele Haare – dass »kein Haar verloren geht«, wird sich jedenfalls nicht erfüllen. Mal sehen, wie schlimm es wird.

7 Kilometer bin ich dann am Samstagnachmittag gelaufen, die letzte Sporteinheit. Es lief gut, 53 Minuten. Das kurbelt die Durchblutung an, dachte ich mir, vielleicht ist es nützlich gegen den Haarausfall!

Vor dem Impfzentrum in Tübingen – und nach einer 7-Kilometer-Runde zur besseren Durchblutung.

Am Sonntag fuhren wir dann nach Tübingen zur Paul-Horn-Arena. Ich hatte tatsächlich noch einen Impftermin ergattert. Man könne sich auch während der Therapie impfen lassen, meinte meine Onkologin, am besten zwei bis drei Tage vor der nächsten Chemo. Ich versuchte nochmals meine alten Registrierungscodes, mit denen ich im März vor der Chemo vergeblich einen Termin gesucht hatte. In Tübingen gab es sogar eine ganze Auswahl an Terminen! Ich nahm den Sonntagnachmittag. Impfstoff: AstraZeneca. Auf die Impfreaktion, die dabei heftig ausfallen kann, hatte ich wenig Lust und beschloss, nach BioNTech zu fragen. Das klappte auch, die ganze Prozedur lief wie am Schnürchen und auch die Nachwirkungen hielten sich sehr in Grenzen.

Bei aller Kritik, die man leider immer wieder gegenüber der Politik anbringen kann, an der Basis klappen viele Dinge in unserem Land doch sehr hervorragend, wohl auch dank vieler ehrenamtlicher Helfer, die sich mit viel Idealismus einsetzen – sogar sonntags. Noch vor wenigen Wochen hatte ich übrigens ein reserviertes Verhältnis gegenüber der Corona-Impfung, vor allem in Bezug auf die neuartigen mRNA-Impfstoffe. Als gesunder Mensch wollte ich sowieso nie viel Medizin zu mir nehmen. Aber nun? Skeptisch bleiben? Den Ärzten und Wissenschaftlern völlig vertrauen?

Mit meiner Lymphomtherapie habe ich mich intensiv beschäftigt, Fachliteratur und Studien gelesen. Die Kapazität auf dem Gebiet war (er verstarb 2018) Prof. Michael Pfreundschuh aus dem Saarland, er schrieb über die »Therapiefortschritte bei aggressiven Lymphomen« und begleitete auch weitere Studien, auf die sich meine Behandlung stützt (sie kann nun übrigens tatsächlich verkürzt werden!). Ein Mitarbeiter und Doktorand von Professor Pfreundschuh war ein gewisser Uğur Şahin, inzwischen berühmt geworden als Gründer von BioNTech und Corona-Impfstoff-Entwickler! Auch wenn manches schiefläuft in unserer Gesundheitspolitik und die Pharmaindustrie ein Riesengeschäft ist: die moderne Medizin ist ein großer Segen und bisher hat sich mein Vertrauen in die Ärzte bestätigt. Als Hiskia in seiner Krankheit zu Gott gebetet hatte und Jesaja ihm Heilung zusagte, war übrigens neben Gottes Wirken auch eine medizinische Behandlung im Spiel: »Und Jesaja sprach: Bringt her ein Pflaster von Feigen! Und als sie das brachten, legten sie es auf das Geschwür, und er wurde gesund.« (2. Könige 20,7)

Am Dienstag (20.4.) lief während der fünfstündigen Behandlung die zweite Dosis R-CHOP in mich hinein, fünf Wirkstoffe plus Zusatzmedikation. Die direkten Reaktionen hielten sich in Grenzen, ich trank wieder viel, bewegte mich, war aber abends müde und abgeschlagen. Die Nacht zum Mittwoch war dann schwierig, ich hatte heftiges Kopfweh und konnte nicht schlafen, nach dem Frühstück lief der Tag dann aber ganz ordentlich an. Heute geht es mir soweit gut, Nervenschmerzen in den Händen stören etwas – und der andauernde Haarausfall mit einem leichten Jucken überall.

Besonders ermutigt haben mich in den letzten Wochen – seit dem Start dieses Blogs – einige Rückmeldungen, die mich erreicht haben, wie zum Beispiel diese hier aus Österreich (in Auszügen): »Mit Schrecken habe ich von Ihrer Hiobsbotschaft gelesen. Ich bete für Sie und hoffe, dass Ihnen das Wort Gottes und Ihre bisherige Forschungsarbeit als Bibelabenteurer und das Leben in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Herrn Jesus Christus Zuversicht, Kraft und Vertrauen schenken, diese schwere Zeit zu überstehen. Ich möchte Ihnen danken für Ihre Arbeit, die mich immer wieder begeistert und bestärkt, allem zu glauben, was in der Bibel steht. Besonders Ihr Buch über den Landeplatz der Arche Noah hat mich sehr geprägt und fasziniert. Ich möchte Sie ermutigen, nach überstandener Krankheit Ihre Arbeit weiterzuführen als Segen für viele Menschen. Der Herr segne Sie und möge Sie bald gestärkt aus dieser Krise führen.«

Gerade im Blick auf meine Arche-Noah-Forschung hat sich in den letzten Wochen und Tagen tatsächlich einiges bewegt: Am 25. Mai werde ich voraussichtlich – wegen Chemo und Corona digital – als Referent an einer Konferenz in der Türkei teilnehmen, die eigentlich schon im letzten Jahr hätte stattfinden sollen. Wenn mein Zustand nicht sehr viel schlechter wird, kann ich in der nächsten Zeit vielleicht manches lesen, forschen, schreiben, dann den digitalen Vortrag halten und Teil einer Veranstaltung sein, die nach 2013 wieder ein zaghafter Schritt werden könnte, den Berg Cudi als Arche-Berg bekannter zu machen.

Und so ist es vielleicht mehr als ein Zufall, dass am Dienstag – am Tag meiner Behandlung – der Losungstext eine Verheißung Gottes an Noah war: »Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen und mit allem lebendigen Getier, dass hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.« (gekürzt aus 1. Mose 9,9–11)

Ein Vers, der damals auf die Zukunft ausgerichtet war. Und ein Bund, der den Regenbogen als Zeichen hatte, der auch mir immer mal wieder in wichtigen Momenten »über den Weg geschickt wurde«, zum Beispiel am Tag meines Gesprächs mit dem Chirurgen.

Die Bibel ist kein Orakelbuch, auch die Losungen sollte man nicht allzu »los-gelöst« aus ihrem Kontext lesen. Und doch kann Gott einen auch durch einzelne Verse immer wieder ansprechen, aufmuntern, zurüsten oder ins Stolpern bringen (Die Losung nach der schwierigen Nacht am Mittwoch lautete: »Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends.« Jesaja 48,10).

Insgesamt sollte man sich aber eher an den langen Linien orientieren, die sich durch die Bibel ziehen. Und dazu gehören natürlich die Bundesschlüsse, die Gott mit uns Menschen eingegangen ist: Den Noahbund, der durch den Regenbogen symbolisiert war, den Alten Bund mit seinem Volk Israel – und den Neuen Bund, durch den Gott ein endgültiges Opfer durch Jesus gebracht hat, um unsere Sünde auf sich zu nehmen und unser Leid mitzutragen.

Der Vers mit dem »Haarausfall« steht in der Endzeitrede, Jesus ermutigt darin seine Nachfolger, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden würden. Im direkt darauffolgenden Vers heißt es: »Seid standhaft, und ihr werdet euer Leben gewinnen.« – Dass es dabei nicht nur um das diesseitige Leben geht, wird ein paar Verse zuvor klar, wenn Jesus sagt: »man wird einige von euch töten.«

Dieses ewige Leben, auf das die Heilslinien der Bibel hinweisen, ist das Ziel, das es im Auge zu behalten gilt. Ich hoffe natürlich, dass für mich das irdische Leben noch vieles bereithält, aber das Leben mit Jesus ist auf die Ewigkeit ausgerichtet – und da ist es ein kleines Übel, wenn das eine oder andere – oder auch alle – Haare auf meinem Haupt (hoffentlich nur vorübergehend!) verlorengehen.

Update vom 28.4.2021

Eine Woche nach dem letzten Chemo-Zyklus geht es mir insgesamt sehr gut. Nachdem der Haarausfall dazu geführt hat, dass immer und überall kurze Haare von mir herumlagen, habe ich mich am Freitag zu einer neuen Frisur entschlossen: Ich habe mir eine Glatze rasiert. Psychologisch war das im Nachhinein eine ganz gute Sache, denn anstatt überall Härchen herumliegen zu sehen, die vom Haarausfall zeugen, wachsen mir schon ganz zaghaft einige Stoppeln nach. Und da die Körperbehaarung bisher nicht betroffen ist, sieht das Ganze gar nicht so schlimm aus. Zwei neue Mützen und ein Hut schützen die sehr blasse Kopfhaut vor allzu heftiger Sonneneinstrahlung. :-)

In den letzten Tagen habe ich mich – neben etlichen Formularen, die es während einer solchen Krankheitsphase braucht, um diverse Ansprüche geltend zu machen – mit den Vorbereitungen zum (Online-)Symposium am 25. Mai in der Südosttürkei beschäftigt, mal sehen, ob es tatsächlich stattfinden wird.

 

 

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