Meine Hiobsbotschaft

von Timo Roller

16.3.2021, letztes Update vom 13.4.2021 (siehe unten)

»Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?« (Hiob 2,10)

Das bisherige Jahr 2021 hat mein Leben umgekrempelt: Immer wieder heftige Bauchschmerzen, ein Tumor am Darm, eine Operation – und nun eine anstehende Chemotherapie; mein Fokus wurde komplett verschoben. Es ist ungewiss, was die nächsten Wochen und Monate bringen. Ich möchte zuversichtlich sein, doch das gelingt nicht jeden Tag.

In den letzten Jahren bin ich mit dem Flugzeug über die Gipfel von Noahs Landeplatz in der Südosttürkei geflogen, bin in den Tiefen Jerusalems durch die dunklen Gänge Hiskias gegangen, bin auf den Trümmerfeldern in Haran, wo einst Abraham lebte, gestanden. Ich habe mich als Bibelabenteurer bezeichnet, weil ich sowohl physisch als auch geistlich versucht habe, den Personen, Ereignissen und Orten der Bibel nachzuspüren.

2020 hatte sich einiges geändert, wegen Corona mussten wichtige Reisen abgesagt werden, nach Israel und auch in die Türkei zum Arche-Berg. Für den Spätsommer 2021 haben wir eine Studienreise zum Thema Archäologie nach Israel geplant. Ich weiß nicht, ob sie wird stattfinden können. Doch nun, während immer noch Corona unser Leben bestimmt und Expeditionen unwahrscheinlich erscheinen, steht mir eine ganz andere Reise bevor: Eine Reise, die ich hier in der Heimat antreten muss, eine Reise auf den Spuren Hiobs.

Oft und intensiv habe ich mich in der Vergangenheit mit diesem hochinteressanten Buch beschäftigt, theoretisch-theologisch wurde mir vieles daran klar. Gott ließ es zu, dass der Teufel den gläubigen und mit Wohlstand gesegneten Hiob herausforderte: »Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des HERRN und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel.« (Hiob 2,7) – Nun erlebe ich eine Zeit, in der ich einen intensiveren, unangenehm direkten Zugang zu dieser Geschichte bekomme.

Seit mehreren Monaten hatte ich anhaltende Magen- und Darm-Beschwerden – zwischen leichtem Grummeln und heftigen Bauchkrämpfen – doch wir glaubten Anfang 2021, diesen »Reizdarm« mit den richtigen Diäten und ein wenig Geduld noch in den Griff zu bekommen. Allerdings hatte ich mittlerweile innerhalb von einem Jahr 20 Kilo abgenommen und wog nur noch 85 Kilogramm. Am Freitag, 22. Januar hatte ich schließlich nach einigen anderen Untersuchungen eine Computertomografie (CT) des Bauchbereichs, vielleicht würde sich daraus Konkreteres ergeben?

Es wurde sehr konkret und ab dem Montag darauf ging alles ziemlich schnell: Eine »Raumforderung« war festgestellt worden, abends noch ein Termin bei der Hausärztin. Am Mittwoch dann Onkologie – »Tumor«, »Krebs«, »Operation«: aus dem lästigen, aber doch noch eher harmlosen Bauchkrämpfe-Auf-und-Ab wurde ein lebensbedrohliches Schreckgespenst. Weitere Untersuchungen, Gespräche und ein OP-Termin in Nagold wurden vereinbart.

Den Chefarzt der Chirurgie traf ich am Freitag der gleichen Woche, von einem »neuroendokrinen Tumor« war inzwischen die Rede, von möglicher Entfernung eines Darmsegments, im schlimmsten Fall künstlicher Darmausgang. Erst während der OP könne das entschieden werden. Vom dann entfernten Gewebe würden weitere Maßnahmen abhängen. Ende des Leidenswegs? Beginn einer Chemotherapie und jahrelang immer wiederkehrender Ungewissheit von Krebsuntersuchungen? Ich kannte das von Bekannten und von meinen Eltern. Aber es ist völlig anders, wenn es einen selbst betrifft.

»Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!« – Diesen Vers aus Psalm 31 ließ ich auf die MORIJA-Weihnachtskarte 2020 drucken. Auch »Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.« aus Psalm 91 wurde mir in diesen Tagen – wie auch schon im ganzen Corona-Jahr – vor Augen gestellt. Und bei der Fahrt zum Gesprächstermin sah ich neben der Burgruine Hohennagold einen Regenbogen! Der Bund Gottes mit Noah. Aus dem Nagolder Krankenhaus blickte ich immer wieder hinüber auf den Schlossberg, den diese Ruine krönt.

Die Burg Hohennagold. Und ich selbst, vor der Operation, mit 20 kg weniger als vor einem Jahr.

Die Operation am 9. Februar dauerte 4,5 Stunden. Der Tumor wurde entfernt, auch ein 50 cm langes Stück des Dünndarms inklusive des Übergangs zum Dickdarm. Ich erholte mich gut, fünf Tage später wurde ich entlassen. Die Verdauung stellte sich auf die neue Situation ein (mehr oder weniger gut), die Beschwerden waren weg und die Wunden verheilten.

Aufatmen und erholen war angesagt. Ein Spaziergang zur Burg – mit Blick in die andere Richtung, hinüber zum Krankenhaus. Und der Tumor? Der Befund sollte sich verzögern, es sei etwas anderes, ich müsse womöglich 14 Tage warten.

Seit dem 1. März weiß ich inzwischen, dass mir eine weitere Behandlung bevorsteht. Der entfernte Tumor war ein ziemlich aggressives »diffuses großzelliges Lymphom« und die Gefahr besteht, dass wieder etwas ausbricht. Es steht nun eine kombinierte Chemo- und Antikörper-Behandlung bevor, die bis in den Sommer hinein dauern wird. Da kann es durchaus heftige Nebenwirkungen geben und ich werde wahrscheinlich nur eingeschränkt handlungsfähig sein. Die Heilungschancen sind aber recht gut.

Am 22. März werde ich nochmals mithilfe eines PET-CTs gecheckt: Was machen die aggressiven Zellen im gesamten Lymphsystem meines Körpers? Brauche ich die volle Behandlung oder reicht eine verkürzte Therapie? Am 30.3. geht es dann los: Ich bekomme die erste Dosis des Antikörpers Rituximab verabreicht, einen Tag später die Chemo. »R-CHOP« nennt sich diese Behandlung. Nach drei Wochen wieder.

Emotional ist es nicht einfach, das zu verarbeiten. Ich habe anfangs mit Hiskia gefleht: »Ach, HERR, gedenke doch, dass ich vor dir in Treue und mit rechtschaffenem Herzen gewandelt bin und getan habe, was dir wohlgefällt. Und Hiskia weinte sehr.« (2. Könige 20,3) – ich weinte auch, desöfteren. Und es kommt immer wieder. Vor Angst. Vor Rührung für Segenswünsche und Gebetszusicherungen. Vor Dankbarkeit für alles, was ich habe, erleben durfte und auch in Zukunft noch intensiver genießen will.

Die Endlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens wurde mir in den letzten Tagen und Wochen sehr bewusst. Und auch, dass eigentlich sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft damit leben müssen, nicht mehr lange am Leben zu sein. Jeder 80-Jährige müsste sich im Klaren sein, dass er in 10 Jahren vielleicht nicht mehr da sein wird. Ist das so?

Bin ich selbst in 10 Jahren noch am Leben? Unterbewusst ging ich bisher im Alltag davon aus. Aber wird es tatsächlich so sein? Wird mich der Krebs besiegen? Wird mich ein Unfall irgendwann plötzlich aus dem Leben reisen? Oder Corona? Wird die Gesundheit, das Alter mich weiter beeinträchtigen? Wie werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Jahr 2031 sein?

»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« heißt es in Psalm 90,12. Wie oft hat man das schon aufgesagt und auch darüber nachgedacht! Viel zu oberflächlich?

Vielleicht werde ich eines Tages – in mehreren Monaten – mit Hiob sagen können: »Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.« (Hiob 42,5) – Vielleicht wird es mir bald wieder viel besser gehen; am Ende des Buches Hiob steht: »Und der HERR segnete Hiob fortan mehr als zuvor.« (Hiob 42,12)

Ich weiß nicht, was kommt. Niemand weiß es. Mein Leben liegt in Gottes Hand. Das war bisher so, auch wenn ich das zu oft verdrängt habe. Ich werde diese schweren Gedanken auch in Zukunft wieder verdrängen und eine Art Alltag wird zurückkehren. Aber sie werden sicherlich oft und stark wiederkehren: während und nach meiner Chemo. Die Unsicherheit wird bleiben und sie wird präsenter sein als zuvor: Was wird die nächste Untersuchung zeigen? Ist der Krebs besiegt? Kommt etwas Böses zurück?

Es geht dem Ende entgegen, unweigerlich und unaufhaltsam, das muss uns klar sein. Und dann? Sind wir nach Psalm 90 klug geworden, wenn wir bedenken, dass wir eines – hoffentlich fernen – Tages sterben müssen? Und wissen wir, dass nach dem, was Jesus Christus verheißen hat, der Tod nicht das Ende sein wird? »Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.« (Johannes 17,3)

Nutzen und genießen wir die Tage, die uns hier in diesem Leben zur Verfügung stehen!

Update vom 22.3.2021

Aufgrund einer technischen Panne wurde die für den heutigen Montag geplante PET-CT-Untersuchung kurzfristig auf den Donnerstag, 25.3., verschoben.

Die erste Chemo, Jesaja, Sonnenschein und Eis – Update vom 1.4.2021

Der erste Therapiezyklus ist überstanden, die erste Gabe Rituximab am 30. März erzeugte nur ganz leichte Nebenwirkungen, die Chemo-Infusion am 31. März scheint mein Körper auch sehr gut verkraftet zu haben – bisher zumindest. Ich habe viel getrunken, den Kreislauf tagsüber bei herrlichem Sonnenschein in Schwung gebracht und in der Nacht ganz gut geschlafen. Mit einem offensichtlich guten Befund des PET-CTs, das am 25. März problemlos in Tübingen nachgeholt werden konnte, gehe ich gerade mit großer Zuversicht auf die Oster-Feiertage zu.

»Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, damit dich die Ströme nicht überfluten.« – Dieser Vers hat mich durch die beiden Behandlungstage begleitet. Als ich mit Hiskia geweint habe, flehte ich Gott an, dass er mir doch einen Jesaja schickt – so wie damals, als der Prophet die gute Nachricht von Gott überbrachte, dass König Hiskia wieder gesund werden sollte.

Nun war mir dieser Vers wieder eingefallen, ich habe ihn als »Jahreslos« am 1. Januar 2021 bekommen, also quasi als Zusage Gottes, die mich durchs Jahr begleiten sollte. Damals, am Jahresanfang, war noch nicht klar, in welchem Ausmaß ich »durch Wasser gehen« würde. Dieser Vers – ich musste ihn wieder suchen und nachschauen – stammt aus dem Buch Jesaja! Ein ermutigender Gedanke: Gott hatte mir also meinen Jesaja mit der guten Nachricht bereits vorbeigeschickt, bevor ich um ihn gebeten habe!

Ein Eis im Sonnenschein nach dem ersten Therapiezyklus: neue Zuversicht – Ostern kann kommen!

»Im Lande der Lebendigen« – Update vom 13.4.2021

»Ich werde wandeln vor dem HERRN im Lande der Lebendigen.« – Dieser Vers 9 aus Psalm 116 hat mich (natürlich!) in der Bibellese am Sonntag besonders angesprochen. Wahrscheinlich hatte der Psalmschreiber mit größeren Herausforderungen zu kämpfen als ich, als er schrieb: »Stricke des Todes hatten mich umfangen, des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not« (Vers 3).

Und doch fühlte ich mich verstanden und angerührt. Der Psalm mit dem »Dank für Rettung aus Todesgefahr« ändert schnell seine Richtung und lenkt den Blick nach wenigen Versen auf unseren gnädigen und barmherzigen Gott. In seiner Livestream-Predigt aus dem Schönblick in Schwäbisch Gmünd predigte Hans-Joachim Eckstein am Sonntagmorgen unter anderem über die »Krise der Vergänglichkeit«, Jesu Jünger waren nach der Kreuzigung in Trauer und besannen sich zurück auf etwas, worin sie sich sicher waren: aufs Fischen. Ein typischer Reflex in der Krise, erklärte Eckstein (Predigttext: Johannes 21,1–14). Ich erkannte ähnliche Strategien bei mir selbst im Umgang mit »meiner« Krise der Vergänglichkeit.

Prinzipiell geht es mir in der Zeit nach dem ersten Chemo-Zyklus ziemlich gut – zwei Wochen sind seither vergangen, in einer Woche, am 20.4., geht es weiter. Einige Auf und Abs gab es dennoch in letzten Tagen. Kribbeln in den Fingern, ein trockener Gaumen, leichtes Kopfweh am Morgen und Antriebslosigkeit: Nebenwirkungen, denen man nachspürt. Man hört in sich hinein, schläft nicht immer besonders gut – was den Zustand nicht gerade verbessert. Dann habe ich am vergangenen Donnerstag bemerkt, dass mein Bartwuchs scheinbar aufgehört hat, nach mehreren Tagen seit der Rasur hatte ich nur leichte Stoppeln: Das »Gift« wirkt, die Zellteilung wird verlangsamt. Wann werden meine Haare ausfallen und nicht mehr nachwachsen?

Am Samstag war dann der bisher mieseste Tag, das Kopfweh blieb nach einer schlechten Nacht, nachmittags habe ich mich zum Joggen aufgerafft, zum dritten Mal seit der Chemo. Zweimal waren es je fünf Kilometer, heute dann nur 3,5. Aber trotzdem schien sich der Zustand danach zu verbessern, am Sonntag morgen fühlte ich mich sogar wirklich gut! Nach Bibellese, Online-Predigt und Mittagessen ging es auf Tour: Ich wollte sehen, wie die Natur aufblüht, Ziel war der Schönbuchrand, ich packte meine Kamera ein (Zurückbesinnungs-Reflex!).

Schon von weitem sahen wir, dass am Schönbuch noch nicht viel los war mit blühender Natur. Wir parkten dann schon zwischen Haslach und Herrenberg. Tatsächlich färbten viele Blumen die Wiesen, das Moos im Wäldchen strahlte in sattem Grün – und die Apfelbäume hatten zu blühen angefangen und lockten Bienen und Hummeln an. Neues Leben nach dem langen und (für mich besonders!) trüben Winter. Ein wahrer Spaziergang im »Lande der Lebendigen«. Ich fotografierte munter drauf los und tatsächlich entstanden ein paar hübsche Bilder.

»Die Krise ist Grundlage für das Erwachsenwerden der Jünger im Glauben«, so erklärte Eckstein die Ereignisse nach der Auferstehung, als Jesus seinen Jüngern in ihrer Trostlosigkeit begegnete. In der Krise haben sie sich – wie erwähnt – zurück auf ihr Handwerk besonnen, doch das Ergebnis ihres Fischzugs war niederschmetternd: nichts gefangen: nichts! Nicht einmal das, was sie eigentlich wirklich gut gekonnt hatten, klappte mehr. Bodenlose Hoffnungslosigkeit, in die Jesus hineinwirkte. Eine ermutigende Erkenntnis, obwohl es mir beim Fotografieren besser erging. :-)

Und so sind meine Blütenfotos ein Zeugnis dafür, dass unser Schöpfer immer wieder neues Leben entstehen lässt – und im übertragenen Sinne, dass nach der Krise der Kreuzigung in der Auferstehung Jesu eine ganz neue Perspektive geschaffen wurde. Und für mich persönlich, dass mich Gott nach (oder in) meiner Krise wieder ganz bewusst »im Lande der Lebendigen« wandeln lässt: »Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes« (Psalm 116,7).

Der Weg entlang einer Obstbaumwiese. Sonne und Regen bringen im Frühjahr neues Leben. Erst zaghaft eine Blüte, dann blüht bald der ganze Apfelbaum.

 

 

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