Amos war einer der frühesten Propheten. Bis Anfang Juli war das nach ihm benannte Buch Thema der Bibellese (siehe »Ökumenischer Bibelleseplan« oder beim »Bibellesebund«). Amos wirkte ab etwa 760 v. Chr. Sehr ungewöhnlich: er stammte aus Juda und wurde von Gott ins Nordreich Israel geschickt. Bevor er berufen wurde, war er ein einfacher Schafhirte. In Amos 7,14f sagt er sogar: Ich bin kein Prophet. Gott habe ihn einfach von der Herde genommen und zum Weissagen losgeschickt. Er war quasi ein von Gott direkt Berufener, keiner der das Amt bekommen oder erlernt hatte. Nach damaligem Verständnis wahrscheinlich ungewöhnlicher als für uns heute, die wir natürlich aus der Bibel eher die »wahren Propheten« kennen.
Die Fassade hat noch geglänzt im Nordreich. Elfenbeingeschmückte Häuser lassen sich sogar archäologisch nachweisen, die Reichen und Mächtigen wurden von Amos in aller Deutlichkeit angesprochen, er wusste wie man sich unbeliebt macht und hatte später auch heftige Auseinandersetzungen. In Amos 4 bezeichnet er die in der Lutherüberschrift als »schwelgerische Frauen in Samaria« bezeichneten Nobeldamen als »ihr fetten Kühe auf dem Berge Samarias, die ihr den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen!« – unbequemer Klartext.
So auch in der Passage, in die der Monatsspruch für Juli 2026 eingebettet ist. Er steht in Amos 5,24 und lautet: »Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach«. So soll es sein!
Aber wie ist es?! Vers 21–23 spiegeln Gottes Perspektive wider: »Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr eurer Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören.« – Nun folgt der Monatsspruch …
In meinem »Lexikon zur Bibel« ist angemerkt, dass die Erwählung Israels nicht als Heilsgarantie galt, auf dem sich das Volk Israel ausruhen konnte. Im Gegenteil: Die Erwählung durch Gott brachte auch eine erhöhte Verantwortung mit sich, so zu leben, wie er es von seinem auserwählten Volk gefordert hatte. Segen und Fluch waren den Israeliten am Ende der Thora (siehe 5. Mose 28) zur Wahl gestellt worden: Ein gottgefälliges Leben in Gehorsam und Heiligung würde er mit nicht nachlassendem Segen belohnen. Die dauerhafte Abkehr und Gottlosigkeit würde aber dazu führen, dass sich auch Gott irgendwann von seinem Volk abkehren würde.
Die Propheten waren Warnsignale, Zeichen der Gnade Gottes: Kehrt um! Die Assyrer als nicht auserwähltes Volk hatten auf den Propheten Jona gehört. Den Israeliten fiel es offensichtlich schwerer, sie waren ein »halsstarriges Volk« (2. Mose 33,3). Nach vielen Warnrufen und einer langen Zeit der Geduld brachen die Gerichte schließlich herein: 722 v. Chr. über das Nordreich (übrigens ausgerechnet durch die Assyrer, die Gott als Werkzeug des Gerichts auswählte – siehe Jesaja 10,5 ff), 587 v. Chr. schließlich auch über das Südreich Juda (durch die Babylonier). Dass Gott trotzdem sein Volk nicht komplett verstoßen hat, ist eine andere und sehr lange Geschichte, die sich bis in die Gegenwart an der Verbindung zwischen ihm und seinem Volk Israel fortsetzt.
Heute im Juli 2026 als Gedankenanstoß: Was bedeutet das alles für uns? Was hat uns Christen der Prophet Amos zu sagen?
Manchem kommen vielleicht oberflächliche Rituale in den Sinn, die man in den großen Pilgerkirchen beobachten kann, so beispielsweise in der Grabeskirche in Jerusalem. Menschen unterschiedlichster Konfessionen kommen und legen eine teilweise sehr seltsam anmutende Verehrung an den Tag. Priester treten gegenüber den Touristen oft schroff auf, die verschiedenen Denominationen bekriegen sich gegenseitig in dieser Kirche, die irgendwie allen zugleich gehört.
Es fällt uns möglicherweise leicht, fremde Gebräuche und Anbetungsformen wie in der Grabeskirche zu verurteilen. Ob Gott diese Rituale gefallen? Bei allem Fremden kommen hier doch Christen aus aller Welt, die aus ihrem ernsten Glauben heraus den historischen Spuren Jesu nachspüren wollen.
Und andererseits: Was sind bei uns selbst, in unseren Kirchen und Gemeinden die treulosen Versammlungen, was sind unsere stinkenden Opfer, unsere plärrenden Lieder? Darüber können wir nachdenken und uns in Gedanken in einen »stinknormalen« Gottesdienst hineinversetzen. Was empfinden wir, was bezeugen wir als Gemeinde? …
Lobpreis- und Kirchenlieder, dekorierte Bühnen und große Kirchen sind nicht schlecht. Aber das Äußere muss mit dem Inneren übereinstimmen. Unser Tun muss genauso wie unser Erscheinen Gott verherrlichen. Erst wenn wir Gott den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist im Mittelpunkt unserer Gottesdienste halten, so wie wir es im Votum bekennen, dann erwächst aus dieser lebendigen Beziehung zu Gott der Segen, der im Monatsspruch zum Ausdruck kommt: »Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach«.
Wir Menschen untereinander sollen in Gerechtigkeit leben, Recht und Barmherzigkeit sollen sich ergänzen, in dieser geistlichen Grundlage liegen auch die Fundamente einer guten Gesellschaft, von Menschenrechten und der Würde jedes Einzelnen. Wir spüren manchmal – und vielleicht immer stärker – dass vieles davon auch heute, fast 2800 Jahre nach Amos, wieder nur Fassade ist.
Was heute gemacht wird: man versucht, die Symptome zu bekämpfen. Aber der rechte Gottesdienst, die Beziehung zu Gott, ein rechtes und gerechtes Leben in unseren Familien, Gemeinde, Kommunen und Nationen bekämpft viele Probleme an der Wurzel.
Wenn wir uns heute vom Propheten Amos, durch den Gott spricht, etwas sagen lassen, so trifft möglicherweise auch für unsere Kirchen und Gemeinden das zu, was Amos in Kapitel 9,11 verheißt: »Zur selben Zeit will ich die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre Risse vermauern und, was abgebrochen ist, wieder aufrichten, und will sie bauen, wie sie vorzeiten gewesen ist.«