Karfreitag war am Mittwoch!

Ein Buch rekonstruiert die drei Tage und drei Nächte im Grab

1. April 2026

von Timo Roller

In einem interessanten Buch zeigt der amerikanische Theologe und Judaistik-Experte Dr. Tom Tribelhorn auf, wie sich die Ereignisse der Karwoche in ein Grundgerüst auf jüdischer Grundlage einordnen lassen und wie plötzlich doch drei ganze Tage und drei Nächte in die Zeit zwischen Tod und Auferstehung Jesu Christi passen.

Die Grabeskirche in Jerusalem.

Lazarus war vier Tage tot.

In Johannes 11 steht die beinahe unglaubliche Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Von Maria und Martha, seinen Schwestern, hören wir auch anderswo, in Lukas 10. Wir erfahren hier, dass die drei im Dorf Betanien wohnten, das ist ganz in der Nähe von Jerusalem.

Lazarus war krank und die Schwestern schickten nach Jesus, damit er ihm helfen sollte. Aber Jesus ließ sich Zeit und Lazarus starb. Jesus reagierte überraschend: Er sagte, er sei froh, dass Lazarus gestorben ist – denn er wolle an ihm ein Wunder tun, damit die Jünger im Glauben gestärkt würden. Und hier kommt dann ausgerechnet Thomas zu Wort, den wir später, in Kapitel 20, als Zweifler näher kennenlernen.

Vielleicht handelte Jesus hier auch extra für solche Zweifler wie Thomas. Marta schraubte ihre Ansprüche bereits herunter, als Jesus endlich ankam: »Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.« (V. 24)

Jesus ließ das Grab öffnen und Marta warnte: »Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen.« (V. 39) – Jesus lässt sich nicht beirren und ruft »mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!« (V. 43)

Lazarus kam tatsächlich heraus – mit Grabtüchern behangen und einem durch ein Schweißtuch verhülltem Gesicht.

Mit der Lazarus-Geschichte begann gewissermaßen die Passionsgeschichte, die Beschreibung des Begräbnisses mit dem Stein vor der Grabstätte und den Leichentüchern entspricht der Zeit Jesu.

Die Angabe der vier Tage und der Hinweis auf die »riechbare« Verwesung zeigt, dass der Tod unumkehrbar war. Es ist überliefert, damals habe der Aberglaube herrschte, dass der Geist (oder die Seele) eines Verstorbenen noch drei Tage beim Körper bliebe, um vielleicht zurückkehren zu können. Sogar viel später, besonders vom 17. bis ins 19. Jahrhundert, herrschte in Europa die Angst, nach einem Scheintod lebendig begraben zu werden. Daher wurde die Beerdigung erst einige Tage nach dem Tod vorgenommen, woran sich auch Juden halten mussten, auch wenn im Judentum eigentlich die Bestattung innerhalb eines Tages erforderlich ist.

Die zweimalige Betonung, dass Lazarus schon vier Tage gestorben war (V. 17+39), zeigt also eindeutig, dass dieser »unsichere« Zeitraum vorüber war und dass der Zeitpunkt des Todes mehr als 72 Stunden zurücklag.

Das Zeichen des Jona.

»Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.« – so ist es in Jona 2,1 bezeugt und Jesus bezog sich darauf, als er seinen Tod und seine Auferstehung andeutete: »Wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.« (Matthäus 12,40)

Hier kündigte Jesus gegenüber den kritischen Schriftgelehrten und Pharisäern das »Zeichen des Propheten Jona« an (V. 39). Sie forderten von ihm einen untrüglichen Beweis, dass er der von Gott authorisierte Messias sei. Diese Prophezeiung würde sich erfüllen müssen, damit Jesus glaubwürdig wäre!

Drei Tage und drei Nächte – und der Hintergrund, dass eine weniger als viertägige Zeit im Grab generell Misstrauen am »echten« Tod hervorrufen könnte: Die Zeit zwischen Kreuzigung und Auferstehung muss eigentlich mindestens 72 Stunden gedauert haben! Alles andere würde viel zu viele Fragen offen lassen und Jesus möglicherweise als unglaubwürdig erscheinen lassen!

Von der Todesstunde an Karfreitag um 15 Uhr bis zum Ostermorgen um 7 Uhr sind es genau 40 Stunden! Und auch wenn man leichthin sagt, nach Karfreitag und Samstag ist Ostersonntag der dritte Tag: Die Rechnung geht nicht auf, die Zeit im Grab war viel zu kurz!

Tom Tribelhorn hat ein Buch über dieses Problem geschrieben: »›When‹ changes everything« (übersetzt: »›Wenn‹ ändert alles«). Er betont: die richtige Zeitspanne ist entscheidend. Nach seiner Erfahrung gehöre dieses Thema zu den Gründen, warum Juden nicht an Jesus glauben können: Die Zeit sei zu kurz – die Vorhersage Jesu habe sich nicht erfüllt.

Die neue Elberfelder Studienbibel schreibt zwar im Kommentar zu Matthäus 12,40: »Drei Tage und drei Nächte schließen nach jüdischer Zählweise alles ein und bedeuten nicht mehr als drei Tage oder die Kombination eines jeden Teils von drei separaten Tagen.« (S. 1750) – Aber offenbar entspricht diese Auslegung eher christlichem Wunschdenken als jüdischem Denken.

Und so wurde schon verschiedentlich versucht, dieses komplexe Problem zu lösen. Tribelhorn hat einen neuen – oder erweiterten – Ansatz, den ich sehr überzeugend finde. Der Untertitel des Buchs heißt: »Rekonstruktion der jüdischen Grundlage und des Rahmens für die wahre Woche der Kreuzigung Jesu«.

Unterschiedliche Kalenderversionen.

Tom Tribelhorns Schlüssel sind die Essener. Dies war eine jüdische Glaubensgemeinschaft, die wir im Gegensatz zu den Pharisäern und den Saduzzäern nicht direkt in der Bibel finden. Die Essener werden beim Geschichtsschreiber Flavius Josephus genannt und in einigen anderen antiken Quellen. Seit der Entdeckung der Schriftrollen von Qumran im Jahr 1947 wissen die Historiker sehr viel mehr über den Glauben und das Denken dieser strengreligiösen jüdischen Sekte.

Obwohl es in der Vergangenheit viele Spekulationen gab über eine Verbindung zwischen den Essenern und Johannes dem Täufer und Jesus selbst, wurden meist die Unterschiede betont. Diese gibt es in der jeweiligen Lehre sicherlich und es ist klar, dass die erlösende Botschaft des Evangeliums gerade auch für die strengen Essener eine Kehrtwende gewesen sein müsste.

Sogar Papst Benedikt XVI. beschäftigte sich im zweiten Band seiner Trilogie »Jesus von Nazareth« mit der Chronologie der Kreuzigungswoche und erörtert »Das Datum des letzten Abendmahls« (S. 126ff). Er sieht einen »Widerspruch in dieser Frage zwischen den synoptischen Evangelien einerseits und dem Johannes-Evangelium andererseits« (S. 126). Interessant ist, dass er auf den Versuch der französischen Forscherin Annie Jaubert eingeht, die zwei Chronologien miteinander in Einklang zu bringen und dafür einen Sonnenkalender anbringt, der auf das »Buch der Jubiläen« zurückgeht und in Qumran von den Essenern verwendet wurde. Benedikt bespricht Jauberts »auf den ersten Blick faszinierende These« ausführlich, denkt allerdings, »dass die Verwendung eines hauptsächlich in Qumran verbreiteten Kalenders für Jesus wenig wahrscheinlich ist«. Er habe sie »so ausführlich dargestellt, weil sie etwas von der Vielschichtigkeit der jüdischen Welt zur Zeit Jesu ahnen lässt, die wir trotz aller Erweiterungen unserer Quellenkenntnisse nur ungenügend rekonstruieren können« (S. 131).

Tom Tribelhorn bei einem Vortrag auf der Archäologie-Tagung in Schwäbisch Gmünd.

Tom Tribelhorn stellt jedoch die verbindenden Punkte heraus und sie scheinen überzeugend: Neben Qumran und Jerusalem sei auch Betanien, wo Lazarus mit seinen Geschwistern lebte, ein von Essenern bewohntes Dorf gewesen. Am Palmsonntag wies Jesus seine Jünger an, einen Esel »auszuleihen« – die damit gezeigte Art und Weise, Eigentum zu teilen, sei charakteristisch für die Essener gewesen. Zudem waren die Essener entschiedene Gegner der jüdischen Tempelelite. Und als es an die Opferung des Passalamms ging und die Jünger Jesus fragten, wo sie das Passamahl zubereiten sollen, kommt ein – laut Tom Tribelhorn – entscheidender Hinweis: »Siehe, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch ein Mensch (nach anderen Übersetzungen ein ›Mann‹) begegnen, der trägt einen Wasserkrug; folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht« (Lukas 22,10; siehe auch Markus 14,13+14).

Es war in der damaligen Zeit – so Tribelhorn – sehr unüblich, dass Männer Wasserkrüge trugen. Daher sei dies ein Hinweis, dass hier ein zölibatärer Essener unterwegs gewesen sein müsse. Aufgrund dieser und weiterer Hinweise folgert Tribelhorn, dass sich viele Angaben in der Karwoche auf den (Sonnen-)Kalender und die Festtage der Essener beziehen lassen, der sich vom (Mond-)Kalender des Tempeljudentums unterschied.

Auch im Verhältnis zwischen dem Passafest und dem Fest der Ungesäuerten Brote gab es Unterschiede zwischen den Essenern und den »normalen« Juden. Viele Ausleger – so auch Tom Tribelhorn – sind sich einig, dass die Geschehnisse der Kreuzigungswoche eng mit dem Ablauf des Passafests verwoben sind – und dass die Ereignisse beim Auszug aus Ägypten ein prophetischer Hinweis auf den Opfertod von Jesus Christus waren. So steht in 1. Korinther 5,7: »Denn auch unser Passalamm ist geopfert, das ist Christus.«

Alles nachzuzeichnen und mit den anderen Auslegern zu vergleichen, wäre ein sehr umfangreiches Studienprojekt, aber: Tribelhorns Rekonstruktion zeigt sehr eindrücklich auf, dass Jesus bereits am Nachmittag des Mittwoch gekreuzigt worden sein muss. Die Auferstehung fand dann demnach in der Dämmerung am Samstagabend statt, als nach jüdischer Denkweise der erste Tag der Woche begann, der Sonntag.

Am frühen Morgen entdeckten Stunden später die Frauen das leere Grab, die Leinentücher und das Schweißtuch, die uns in Johannes 20 wieder begegnen. Der Tote war auferstanden und verschwunden, nach etwas mehr als 72 Stunden hatte Jesus den Tod besiegt, sein Versprechen gegenüber den Pharisäern und Schriftgelehrten erfüllt und das »Zeichen des Jona« Wirklichkeit werden lassen!

Entscheidende Fragen?!

»›Wenn‹ ändert alles« – der Titel von Tom Tribelhorns Buches ist provozierend. Aus meiner Sicht ist der Glaube an die Auferstehung entscheidend, nicht an den genauen Kalender. Es ändert sich nur dann Grundlegendes, wenn die falsche Chronologie jemanden davon abhält, an die Auferstehung als historische Tatsache und als weltveränderndes Ereignis zu glauben. Bei den meisten Christen ist dies sicherlich nicht der Fall.

Und wenn wir uns daher am Karfreitagnachmittag den Tod unseres Erlösers vergegenwärtigen, ist das eine wichtige Sache, auch wenn wir eigentlich zwei Tage zu spät dran sind. (In meinem Heimatort Sulz am Eck gibt es zur Todesstunde einen Gottesdienst im Freien auf dem sogenannten Tierstein, direkt gegenüber der Kirche.)

Das Sulzer Golgatha: Über die Osterzeit stehen auf dem Tierstein drei Kreuze.

Wiederum in der Elberfelder Studienbibel wird die Frage nach dem Jahr der Kreuzigung Jesu erörtert – allerdings, ohne die verschiedenen Kalenderarten ins Spiel zu bringen. Es werden zahlreiche Argumente gegeneinander abgewogen mit dem Fazit, dass jene »für das Jahr 33 n. Chr. deutlich mehr Gewicht zu haben« scheinen. Jedoch werde auch von einigen angesehenen Neutestamentlern das Jahr 30 vertreten (S. 1712).

Tom Tribelhorn ist zum Schluss gekommen: »Das exakte Datum der Kreuzigung am gregorianischen Kalender festzumachen, ist ein endloser Zeitvertreib« (S. 58). Es gebe zu viele unbekannte Variablen und so könne das genau Datum heute nicht mehr rekonstruiert werden.

Immerhin scheinen sich die Kirchen inzwischen geeinigt zu haben, das 2000. Jubiläum der Auferstehung zu würdigen, Benedikt Nachfolger, Leo XIV. hat für 2033 ein »Heiliges Jahr der Erlösung« angekündigt und auch weitere christliche Initiativen haben das Jahr in den Fokus genommen.

Am wichtigsten ist dennoch trotz aller interessanter historischer und theologischer Fragen unser Bekenntnis am Sonntagmorgen: »Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!« – denn: »Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich« (1. Korinther 15,14).

Ein weiteres interessantes Buch von Tom Tribelhorn: »›Die Bibel ist ein Mythos‹ – muss ich das glauben?« ist auch auf Deutsch erhältlich.

 

 

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