Ära des Untergangs: Nebukadnezar gegen Jerusalem

Historische Hintergründe der Daniel-Geschichte

von Timo Roller, #bibelabenteurer

12.2.2019, erweiterte Version eines Textes, der auf der Aseba-DVD »Daniel« veröffentlicht wurde.

Überreste einer Mauer aus der Zeit des Ersten Tempels.

Es gibt in der Altstadt Jerusalems Sehenswürdigkeiten, die nur selten von Reisegruppen besucht werden. Uns fiel am letzten Tag während unserer Reise 2018 auf den Spuren Hiskias ein, dass es irgendwo im Gewirr der Gässchen Mauer-Überreste aus der Zeit des Ersten Tempels geben müsste. Aber sowohl der Stadtplan als auch der Reiseführer gaben keine konkreten Hinweise darauf. Es musste einen Blick geben in die frühe Vergangenheit der eigentlich relativ »neuen« Altstadt. Neu im Vergleich zur Davidstadt, wo Ausgrabungen die eigentlichen Relikte aus Jerusalems Frühzeit zutage gebracht hatten. Rund um den Tempel sind die meisten Spuren aus der vor-exilischen Epoche verloren, da der Tempel unter Nehemia und Serubbabel neu errichtet und unter Herodes wesentlich erweitert worden war. Die Altstadt wiederum wurde im Laufe der Jahrhunderte überbaut und nochmals überbaut. Und doch gibt es einige wenige »Fenster« in die über 2500 Jahre zurückliegende Vergangenheit und wir fanden die Mauer schließlich mitten im jüdischen Viertels, ganz in der Nähe des bekannten »Cardo«, einer von Säulen gesäumten Prachtstraße aus römischer und byzantinischer Zeit.

Wir standen also über dem Stück Mauer aus der Zeit des ersten Tempels, 7 Meter dick und 65 Meter lang, nach Nehemia 3,8 schlicht »Breite Mauer« genannt. Wir blickten auf ein Bauwerk aus der Zeit Salomos und Hiskias. Und aus der Zeit des wohl düstersten Kapitels in der Geschichte des Alten Israels: die Eroberung Jerusalems mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 587 v. Chr. sowie die daran anschließende Gefangenschaft der Juden in Babylon. Bis heute hat sich die jüdische Tradition das Gedenken an dieses traurige Ereignis bewahrt.

Die Zerstörung Jerusalems. Illustration aus der DVD »Daniel«, © Aseba Deutschland e.V.

Die »einfache« Version der Geschichte

Es existieren zahlreiche biblische und außerbiblische Quellen, die diese »Ära des Untergangs« aus verschiedenen Perspektiven und in teilweise eindrucksvollen erzählerischen Bildern vor Augen führen. Einfach erzählt lautet die Geschichte [1] : König Nebukadnezar von Babylon belagert und erobert mit seinem Heer die judäische Hauptstadt Jerusalem, nimmt sie ein, zerstört den Tempel Gottes und lässt die Einwohner der Stadt als Gefangene nach Babylon wegführen. Dort verbringen sie 70 Jahre, »sitzen an den Wassern Babels und weinen« (Psalm 137) – bis sie unter dem persischen König Kyrus, der dem babylonischen Weltreich ein Ende setzt, wieder in ihre Heimat zurückkehren dürfen. Einige der Gefangenen – wie der Prophet Daniel – haben in Babylon sogar Karriere gemacht, ähnlich wie einst Josef in Ägypten. Daniel ist dabei trotz mancher Widrigkeiten dem Gott Israels gehorsam und treu geblieben.

Doch so einfach ist die Geschichte nicht. Schon allein die biblische Darstellung ist komplizierter. Die chronologischen Angaben in 2. Könige 24 und 2. Chronik 36 zeigen, dass sich während der Zeit Nebukadnezars mehrere Feldzüge nach Juda ereignet haben und auch mehrere Belagerungen bzw. Eroberungen. Darüber hinaus sind die Jahresangaben verwirrend, da sie sich entweder auf Nebukadnezar oder auf die judäischen Könige beziehen. Außerdem gibt es Diskrepanzen, die sich aus der Zählweise der Regierungsjahre ergeben: In manchen Angaben wird das Antrittsjahr des jeweiligen Herrschers mitgezählt (»inklusive« Zählweise), in anderen Angaben (»exklusive« Zählweise) wird das »0. Regierungsjahr« von der Zählung ausgenommen. Die biblischen Bücher (auch Jeremia berichtet aus dieser Zeit) verwenden beide Zählweisen, und zwar sowohl für die judäischen Könige, als auch auf die babylonischen [2]. Widersprüche, die manche hier in die biblische Überlieferung hineinlesen wollen, lassen sich so zumeist sehr einfach ausräumen.

Verwirrende Zahlenspiele

Aufgrund vieler zuverlässiger Schilderungen, archäologischer Entdeckungen und auch prophetischer Vorhersagen ist davon auszugehen, dass die menschlichen Autoren der Bibel sehr akribisch gearbeitet haben und zudem unter Gottes besonderem Segen standen. Tatsächlich lassen sich bei sorgfältiger Betrachtung nahezu alle Ungereimtheiten innerhalb der Bibel plausibel erklären. Ein gewisses Spannungsfeld bleibt jedoch bestehen, etwa einige chronologischen Angaben – so zum Beispiel 2. Könige 25,27 und Jeremia 52,31, wo Ewil-Merodachs Erlass einmal auf den 27. und das andere mal auf den 25. Tag des Monats datiert wird. Vielleicht lagen tatsächlich zwei Tage zwischen der Verkündigung und der Ausführung des Erlasses [3], oder an einer der beiden Stellen wurde die ursprüngliche Angabe im jahrhundertelangen Prozess des Abschreibens verfälscht.

Im Hebräischen gibt es keine Ziffern. Gewöhnliche Buchstaben besitzen Zahlenwerte und werden für die Darstellung von Zahlen oder Jahreszahlen verwendet. Da sich hebräische Buchstaben mitunter zum Verwechseln ähnlich sehen, können durch einen kleinen Abschreibfehler im Laufe der Jahrhunderte auch größere numerische Abweichungen entstanden sein. Die Chronologien zwischen Adam und Abraham liegen beispielsweise in mindestens drei Versionen vor, bei denen nicht mit letzter Sicherheit entschieden werden kann, welche die ursprüngliche war. Generell ist die griechische Septuaginta-Übersetzung als weniger zuverlässig anzusehen, sie ist aber dennoch einige Jahrhunderte älter als der vorliegende masoretische (hebräische) Text und hat eine andere Überlieferungsgeschichte. Daher kann es bei kleineren Abweichungen wie Zahlenwerten auch sein, dass hier die ursprüngliche Lesart bewahrt wurde – oder sie ist im schlimmsten Fall ganz verloren gegangen. So hat beispielsweise in 2. Chronik 36,9 der masoretische Text die Altersangabe 8 für den Regierungsbeginn König Jojachins, es stimmt aber offensichtlich die auch in der Parallelstelle bestätigte Angabe von 18 Jahren (2. Könige 24,8). Der Qumran-Text der Könige-Bücher ist zwar nur fragmentarisch erhalten, steht aber der Septuaginta-Übersetzung näher und zeigt, dass es einen hebräischen Text gegeben hat, zu dem der masoretische Text redaktionelle Abweichungen zeigt [4].

Eine größere Problematik ergibt sich überdies aus zahlreichen Angaben in der Bibel, die in allen gängigen Übersetzungen mit dem Zahlenwert 1000 wiedergegeben werden. Es wurde gezeigt [5], dass das hebräische Wort »eleph« sowohl für den Zahlenwert »1000« stehen könnte, aber auch »(Heeres-)Einheit« oder »Familien-(Verband)« bedeuten kann. So wären die 600.000 Männer, die aus Ägypten auszogen, 600 Heereseinheiten mit vielleicht je einigen dutzend oder hundert Menschen. Auch Sanheribs »185.000«, die vom Engel Gottes geschlagen wurden (2. Könige 19,35), wären demnach nur einige tausend gewesen. Nun werden für die Zeit Nebukadnezars zwar keine Angaben über Heeresgrößen gemacht, doch die Berichterstattung des Chronisten gewinnt mit einer alternativen Übersetzung des Ausdrucks »eleph« in 2. Chronik 17,14–19 deutlich an Glaubwürdigkeit, wäre doch die dort zustandekommende Zahl von fast 1,2 Millionen Mann als Garnisonsgröße für Jerusalem schwer vorstellbar. Wird die Angabe »eleph« an verschiedenen Stellen der Bibel nicht mit »Tausendschaft«, sondern als »militärsche Einheit« einer Größe von 20 oder 40 Mann verstanden, passen viele Angaben viel besser zur beschriebenen Situation und zur inneren und äußeren Logik der Bibel.

Unsere heutige Bibel mag also Unstimmigkeiten enthalten, die ursprünglich nicht enthalten waren – sie sind dennoch gering und ändern nichts an der Botschaft Gottes, die uns in einzigartiger Präzision erhalten geblieben ist. In gewisser Weise stärken solche Ungereimtheiten sogar die Glaubwürdigkeit der Bibel, denn dass solche auf den ersten Blick widersprüchlichen Angaben von den frühen Bearbeitern nicht wieder ausgemerzt wurden, zeugt von einem großen Respekt vor den ursprünglichen Schriften.

Ein Argument vieler Bibelkritiker ist übrigens, dass die Juden in der babylonischen Gefangenschaft viele Mythen der Babylonier übernommen hätten. Doch die im biblischen Bericht beschriebene Abgrenzung von der einheimischen Bevölkerung lässt eine Übernahme babylonischer Einflüsse unwahrscheinlich erscheinen. Gerade auch das polytheistische und astrologische Gedankengut wäre für die angeblichen Priester-Schreiber nicht akzeptabel gewesen zur Stützung des Glaubens an den einen Gott Israels.

Es war offensichtlich ihr Bestreben, »die Religion Israels gegen die Überfremdung von außen abzusichern. Gerade dies war schließlich die Lehre, die sie aus der Katastrophe unter Nebukadnezar gezogen hatten« [6].

Die hier vorgenommene Rekonstruktion der Ereignisse in Jerusalem um das Jahr 600 v.Chr. ist also nicht bibelkritisch motiviert, sondern versucht, die Harmonie der verschiedenen Perspektiven aufzuzeigen, und wird hoffentlich zu einem besseren Verständnis der Schilderungen dienen.

Ein Drama in drei Akten

Die eingangs erwähnte einfache Geschichte muss man bei genauerem Hinsehen in drei Akte zerlegen, die durch verschiedene Bibelstellen dargestellt und durch außerbiblische Quellen vervollständigt werden:

605 v.Chr.: Die Babylonier unter Kronprinz Nebukadnezar eroberten das assyrische Karkemisch und besiegten Pharao Necho. Die Schlacht von Karkemisch ist in der babylonischen Überlieferung gut bezeugt. Nach dem Sieg über die Ägypter wurde auch Jerusalem zur Tributzahlung gezwungen und einige Gefangene wurden nach Babylon gebracht, darunter Daniel. Im Buch Daniel wird in Kapitel 1 ausdrücklich nur eine Belagerung erwähnt, offensichtlich wurde Jerusalem nicht eingenommen [7]. Im gleichen Jahr starb dann König Nabopolassar und Nebukadnezar übernahm die Herrschaft. Was ihn dazu bewog, die judäischen Gefangenen zu Schülern zu machen, wie es im Buch Daniel berichtet wird, ist etwas unklar. Wahrscheinlich war Nebukadnezar daran gelegen, aus den Gebieten, die ihm untertan geworden waren, Führungskräfte zu haben, die mit den Sprachen und Bräuchen vertraut waren und als »Brückenkopf« zwischen Babylon und der Bevölkerung dienen konnten. Möglicherweise war er auch persönlich an den Kulturen und Glaubensrichtungen der eroberten Länder interessiert.

Nebukadnezars Herrschaft war lang und von reger Bautätigkeit sowie Gebietsvergrößerungen geprägt. In seine Zeit fallen der Bau einer Palastanlage, einer Prachtstraße und des berühmten Ischtar-Tors und wohl eine Renovierung des »Turmes zu Babel«, der auf einer zeitgenössischen Stele zu sehen ist – sogar mit Grundriss und Größenangaben!

Einige Zeit später lehnte sich Juda gegen die Tributzahlungen auf und Nebukadnezar rückte gegen Jerusalem heran: 597 v.Chr. wurden dann König Jojachin mit seiner Mutter und den »oberen Zehntausend« (nach der Aufzählung in Jeremia 52, 28 allerdings nur 3023, siehe die Erklärung zum Ausdruck »eleph«) nach Babel gebracht. Er nahm die Schätze aus dem Tempel mit und zerstörte den Rest. Jojachins Onkel Mattanja wurde in Jerusalem zum König eingesetzt und erhielt den Namen Zedekia.

Zum endgültigen Trauma führte der Aufstand Zedekias gegen den babylonischen Herrscher, der ihn einst eingesetzt hatte. Der erneute Angriff der Besatzungsmacht führte zur endgültigen Katastrophe für Jerusalem im Jahr 587 v.Chr.: Schonungslos wurden die Stadt und der Tempel Gottes zerstört, viele Menschen getötet und weitere Judäer in die Gefangenschaft geführt. Zedekia, der letzte König Judas, wurde geblendet und in Ketten nach Babylon geführt. Das letzte, was seine Augen gesehen hatten, war die Hinrichtung seiner Söhne.

Nach Jeremia 52,29 wurden »832 Leute aus Jerusalem«, die das Massaker überlebt hatten, in die Gefangenschaft geführt. Fünf Jahre später gab es eine weitere Exilierung von 745 Personen (Vers 30). Die allererste Phase, zu der Daniel gehören musste, ist in Jeremia 52 nicht erwähnt, vielleicht waren es nur ein paar wenige Exportierte gewesen.

Offensichtlich blieben auch Menschen in Jerusalem zurück – wie auch 70 Jahre später nicht alle Juden aus der Gefangenschaft zurückkehrten. Über das Leben der Juden in Babel zeichnet die Forschung inzwischen ein differenziertes Bild, wie es uns bei genauerem Hinsehen auch die Bibel beschreibt.

Obwohl die Trauer und Sehnsucht nach der alten Heimat bestehen blieb und in einigen Psalmen und den Klageliedern Jeremias bildgewaltig zum Ausdruck kommt, schafften es viele Juden sicherlich, angenehm in Babylonien zu leben und sich mit der Lage abzufinden. Jeremia ermutigt die Weggeführten: »Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl« (Jeremia 29,7).

Keilschriftliche Überlieferungen zeugen vom Erfolg der jüdischen Gemeinschaft im Exil. Mehrere Generation einer wohlhabenden Familie mit jüdischen Namen konnten in babylonischen Quellen nachgewiesen werden, sie lebten in »al-Yahudu« (»Judenstadt«) [8]. Später ist fern der alten Heimat der Babylonische Talmud entstanden, ein grundlegendes Werk des Judentums zur Auslegung der Thora.

587 oder 586 vor Christus?

Neben 587 ist im Zusammenhang mit der Zerstörung Jerusalems immer wieder auch die Jahreszahl 586 in der Literatur zu finden. Welche ist richtig?

Die Umrechung der biblischen und außerbiblischen Zeitangaben auf absolute Jahreszahlen ist nicht immer einfach und widerspruchsfrei. Die meisten chronologischen Angaben beziehen sich auf die Regierungszeiten von Königen oder auf bestimmte Ereignisse. Bis ins 8. Jahrhundert v.Chr. ist es oft möglich, wichtige historische Ereignisse, die zudem mehrere Völker betroffen haben und daher von unterschiedlicher Seite überliefert sind, nahezu jahrgenau zu datieren. Doch gerade durch die manchmal inklusive, manchmal exklusive Zählweisen und immer wieder sehr kurzen Regierungszeiten von nur wenigen Monaten sind die Daten nicht immer exakt zu fassen.

Die meisten Argumente sprechen für den Sommer 587 v.Chr. als Zeitpunkt der Einnahme Jerusalems und der Zerstörung des Tempels [9], doch gewisse Unsicherheiten und Meinungsunterschieden bestehen weiter und so wird man auch immer wieder 586 lesen.

Der jüdische Volkstrauertag

Die anfangs erwähnte Tradition des Gedenkens an die Zerstörung des Tempels zeigt sich besonders am Trauertag des jüdischen Volkes, dem 9. Tag des Monats Av (begann 2017 am Abend des 31. Juli). Nach der Überlieferung haben sich am 9. Av (Tischa beAv) fünf große Unglücke in der jüdischen Geschichte ereignet, an die an diesem Tag mit Gebet und Fasten erinnert wird:

Die Trümmer des im Jahr 70 n. Chr. durch die Römer zerstörten Tempels sind noch heute an Ort und Stelle zu sehen, nachdem sie bei Ausgrabungen vom Schutt der Jahrtausende befreit wurden.

1. Dem Volk wurde während des Auszugs aus Ägypten angekündigt, dass die Wüstenwanderung noch 40 Jahre dauern würde.

2. Der erste Tempel wurde durch die Babylonier zerstört.

3. Der zweite Tempel wurde 70 n.Chr. durch die Römer zerstört.

4. Der Aufstand gegen die Römer missglückte und endete mit dem Tod des Anführers Simon bar Kochba.

5. Kaiser Hadrian ließ den Tempelberg umpflügen, um die Erinnerung an das Heiligtum endgültig zu tilgen.

Auch weitere Unglücke wie die Vertreibung der Juden aus England und aus Spanien sowie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs oder ein Bombenanschlag auf ein jüdisches Zentrum in Argentinien im Jahr 1994 fanden am jüdischen Trauertag statt. Die Zerstörung im Jahr 587 v.Chr. geschah allerdings laut 2. Könige 25,8 am 7. Tag des Monats Av, laut Jeremia 52,12 am 10. Tag. Der Talmud erklärt dies mit der schrittweisen Zerstörung über mehrere Tage: »Am 7. Av seien die Feinde in den Tempelbereich vorgedrungen, bis zum 9. hätten sie dort gewütet und am Abend des 9. ein Feuer gelegt, das noch den ganzen 10. Av brannte« [10].

Wie starb König Jojakim?

Ein großes Rätsel ist die Frage nach dem Tod von König Jojakim, Jojachins Vater. Er regierte bis ins Jahr der Eroberung 587 v.Chr., Jojachin war dann aber offensichtlich die letzten drei Monate bis zur Eroberung an der Macht. Nun heißt es in 2. Könige, dass Jojakim starb und »sich zu seinen Vätern legte«, eine gängige Formel in der Königszeit. Seine Bestattung wird allerdings nicht erwähnt, was Zweifel an einem natürlichen Tod weckt. Seltsamerweise steht beim Chronisten etwas ganz anderes: Hier wurde Jojakim von Nebukadnezar nach Babylon verschleppt: »Und Nebukadnezar, der König von Babel, zog gegen ihn herauf und legte ihn in Ketten, um ihn nach Babel zu führen.« (2. Chronik 36,6) Warum dieser Widerspruch? Oder war es etwa nur eine »geplante Wegführung«? [11]

Auf eine interessante Spur weisen die Flüche des Propheten Jeremia: Jojakim solle das Begräbnis eines Esels haben und keiner der seinen sollen auf den Thron folgen: »Er soll wie ein Esel begraben werden, fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems.« (Jeremia 22,19) sowie: »Darum, so spricht der HERR über Jojakim, den König von Juda: Es soll keiner von den Seinen auf dem Thron Davids sitzen, und sein Leichnam soll hingeworfen liegen, am Tag in der Hitze und nachts im Frost.« (Jeremia 36,30) – Jojakim hatte die von Baruch geschriebene Schriftrolle Jeremias verbrennen lassen und nicht auf Gottes Wort gehört. Darum diese angekündigte Strafe.

Es gibt keine befriedigende Lösung, die nicht einer der unterschiedlichen biblischen Versionen vorwirft, »legendär« zu sein oder die beiden Könige zu verwechseln. Leider widmen sich nur wenige bibeltreue Kommentare überhaupt dem Problem. E.J. Smit äußert in einer ausführlichen Schrift die Vermutung, die Versionen seien den unterschiedlichen Zielsetzungen der Autoren geschuldet [12].

Smit hat möglicherweise mit seiner Schlussfolgerung recht, Jojakim müsse auf unnatürliche Weise gestorben sein – vielleicht in einer Schlacht – und kein Begräbnis bekommen haben.

Aber warum dann die unterschiedlichen Versionen in der Bibel? Die Prophezeiung von Jeremia erfüllte sich zwar nicht im peniblen Wortsinn, da mit Jojachin ja ein Sohn Jojakims auf den Thron kam. Doch sein dreimonatiges Königtum wird man kaum als »Herrschaft« bezeichnen können, denn beim Anrücken und Belagern durch die Babylonier waren die Menschen in Jerusalem im Prinzip nur noch Gefangene. Dann wurde er – Jojachin – nach Babylon abgeführt. Möglicherweise fasst die Chronik das Schicksal der beiden Könige bewusst zusammen, um der Prophezeiung und dem Fluch mehr Geltung zu verschaffen.

In Matthäus 1,11 wird Jojakim einfach übersprungen, wenn es heißt: »Josia zeugte Jojachin und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft.«

Ein Blick unter die Oberfläche

Eines ist sicher: die Geschichten der Bibel spielen sich im historisch nachweisbaren Rahmen der Weltgeschichte ab. Die Autoren der Heiligen Schrift geben Einblick in die geistigen und geistlichen Dimensionen, die sich durch die Archäologie nur sehr unzureichend bezeugen lassen. Die Bibel führt uns die Sündhaftigkeit und Untreue Judas und seiner Könige vor Augen, die zum Untergang Jerusalems geführt haben. Das Gericht und die Gnade Gottes werden von den Propheten erläutert. Das Buch Daniel zeigt die Treue Daniels, mit der er in der Fremde den einen wahren Gott Israels bezeugt, den auch schließlich die mesopotamischen Könige Nebukadnezar und Darius verehren müssen.

Das Kapitel 4 aus dem Danielbuch gibt uns tiefe Einblicke in die Gedanken Nebukadnezars, es ist sogar in der Ich-Form formuliert. Zwar wird es oft mit dem »Lied des Nabonid« in Verbindung gebracht, es kann sich aber doch um ein gänzlich anderes Ereignis handeln.

Die biblischen Erzählungen werden oft abgetan als Fantasie frommer Priester und Erfinder einer »jahwistischen« Theologie. Doch die klare Botschaft der Bibel und die ungeschönte Darstellung ihrer »Hauptpersonen« ist so ganz anders als die Propaganda und Selbstverherrlichung in babylonischen und assyrischen Schriften. In der Bibel haben wir nicht Menschenwort vor uns, sondern Gottes Wort. Gott spricht durch Menschen – durch sehr unterschiedliche Menschen: Manches ist durch die Überlieferungs- und Übersetzungsgeschichte etwas unscharf geworden und widersprüchlich erscheinend – aber doch glaubwürdig und in Übereinstimmung mit außerbiblischen Quellen.

Meist wird heute angenommen, das Buch Daniel sei erst im 2. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Eine beeindruckende Geschichte aus den »Jüdischen Altertümern« von Flavius Josephus über die Ankunft Alexander des Großen in Jerusalem bestätigt aber die Glaubwürdigkeit des Buches und seiner Prophezeiungen. Dort heißt es: »Als man [Alexander] nun das Buch Daniel zeigte, in welchem vorausgesagt war, ein Grieche werde der Perser Reich zerstören, hielt er sich selbst für diesen Griechen« [13].

Man hat Alexander offensichtlich Kapitel 8 gezeigt, in Vers 21 hat er sich selbst entdeckt: »Der Ziegenbock aber ist der König von Griechenland. Das große Horn zwischen seinen Augen ist der erste König.« Kann man dem Geschichtsschreiber Flavius Josephus tatsächlich die unglaubliche Dreistigkeit unterstellen, er habe durch diese Anekdote eines historischen Ereignisses mit dem berühmten Alexander dem Großen versuchen wollen, das hohe Alter und die wahren Voraussagen des Danielbuchs zu beweisen?

Oder ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass sich unsere Bibelkritiker irren, wenn sie die biblischen Bücher von ihren Wundern, göttlichem Eingreifen und wahren Prophezeiungen bereinigen wollen? Gottes Worte sind wahr und nichts ist ihm unmöglich. Raum und Zeit sind keine Hinternisse für Gottes Wirken! Die biblischen Texte müssen die wissenschaftliche Forschung nicht fürchten – im Gegenteil: Immer wieder werden sie bestätigt und sogar verständlicher.

Der Blick unter die Oberfläche der Texte zeigt: Die Bibel ist historisch äußerst zuverlässig und wir tun gut daran, uns und unser Wissen nicht über die Wahrheit Gottes zu erheben. Babylon ist ein Symbol des Hochmuts seiner Herrscher: der Bau des Turms zu Babel (wahrscheinlich durch Nimrod), Nebukadnezar, Alexander der Große oder in unserer Zeit Saddam Hussein – auch in der Offenbarung wird uns beschrieben, wie sich Babylon gegen Gott auflehnt.

Vielleicht kann auch im persönlichen Leben eine Befreiung von unserer »babylonischen Gefangenschaft« stattfinden – eine Befreiung zur Demut und Wahrheit. Und zur Neuausrichtung auf Gott.

Fußnoten:

[1] Diese einfache Version der Geschichte erzählen wir in der Multimedia-Präsentation »Daniel«. Vor allem für Kinder sind die Geschehnisse in dieser Zusammenfassung am besten darstellbar.

[2] Eine tabellarische Übersicht der Chronologie der letzten Jahre Judas mit den Zählweisen und den jeweiligen Bibelstellen gibt es bei: Klaus Koenen: »Zerstörung Jerusalems (587 v. Chr.)« – Tabelle, Artikel zum Thema

[3] So legt es John-Mac-Arthur-Studienbibel aus.

[4] »Kommentar zur Bibel« (R. Brockhaus, 1998), S. 387

[5] Uwe Zerbst & Peter van der Veen: »Keine Posaunen vor Jericho« (Hänssler, 2005), S. 95ff sowie online hier: Uwe Zerbst: »Die Größe der israelitischen Bevölkerung während der Wüstenwanderung und Landnahme«

[6] Uwe Zerbst & Peter van der Veen: »Keine Posaunen vor Jericho« (Hänssler, 2005), S. 95ff, S. 106

[7] »Kommentar zur Bibel« (R. Brockhaus, 1998), S. 849

[8]Biblical Archaeology Review, September/October 2016, S. 48ff

[9] Siehe oben: Klaus Koenen: »Zerstörung Jerusalems (587 v. Chr.)«

[10] ebd.

[11] »Lexikon zur Bibel« (SCM R. Brockhaus, 2013), S. 632

[12] E.J. Smit: »So how did Jehoiakim die?«

[13] Flavius Josephus: »Jüdische Altertümer«, XI, 8, 5

Die DVD »Daniel« ist im Handel und im MORIJAshop erhältlich.

 

 

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